Jobverlust – warum es jeden treffen kann
Die Anzahl der Firmenpleiten steigt: Nahezu jeden Tag berichten die Medien von Unternehmen, die in Schwierigkeiten geraten sind oder die eine Insolvenz angemeldet haben. Einige können sich retten, andere müssen schließen und die Mitarbeiter entlassen. Wir lesen den Zeitungsbericht, denken kurz darüber nach und scrollen oder blättern weiter. Doch für die Mitarbeiter hat eine Firmenpleite oftmals gravierende Folgen. Das Einkommen bricht weg, Existenzängste können den Alltag belasten. Geldsorgen verändern das Leben nicht selten von einem Tag auf den anderen. Was bedeutet es, plötzlich keine Arbeit zu haben? Es ist keine einfache Zeit. Sie kann das Leben nachhaltig verändern!
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Stellenabbau oder Betriebsschließung: Hinter jeder Zahl steckt ein Einzelschicksal
Wir lesen in den täglichen Nachrichten von immer neuen Insolvenzen oder Betriebsschließungen. Doch wie viele Einzelschicksale sich dahinter verbergen, wird uns nur dann bewusst, wenn wir es selbst oder im Familien- und Freundeskreis erleben. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) meldete für das erste Quartal des Jahres 2026 die Zahl von 4.573 Insolvenzen, die Personen- und Kapitalgesellschaften betrafen. Das ist der höchste Stand seit dem dritten Quartal desJahres 2005.
Darüber hinaus gibt es Unternehmen, die einen deutlichen Stellenabbau angekündigt haben. Dazu zählen bekannte Namen wie Volkswagen oder Bosch. Viele Firmen kämpfen mit sinkenden Umsätzen aufgrund teurer Energiekosten oder schwindender Kaufkraft. Es ist ein Kreislauf, der beunruhigt: Die Menschen haben weniger Geld. Sie kaufen weniger ein und schaden somit der Wirtschaftn. Doch wer rechnen muss, weil er seine Arbeit verloren hat oder nur sehr wenig verdient, kann sich Konsum gar nicht leisten.
Arbeitslosigkeit: Die große finanzielle Unsicherheit
Arbeitslosigkeit ist neben der Krankheit das größte Risiko für Geldsorgen. Wenn das Haushaltseinkommen nicht mehr ausreicht, um alle Verbindlichkeiten zu bedienen, kann das weitreichende Folgen haben. Sie reichen von Streit und Unstimmigkeiten in Partnerschaft oder Familie bis zu Beeinträchtigungen der Gesundheit. Depressionen oder ein übermäßiger Konsum von Suchtmitteln sind nicht selten Folgen, die nach dem Verlust einer Arbeit eintreten können.
Es kann vorkommen, dass faktisch von einem Tag auf den anderen kein Geld mehr da ist. Wenn das Unternehmen zahlungsunfähig ist, werden Löhne und Gehälter oftmals nicht mehr bedient. Einige Firmen, die tarifgebunden sind und in Schwierigkeiten geraten, greifen nicht selten zu unschönen Mitteln, um langjährige und teure Mitarbeiter loszuwerden. Sie kündigen fristlos in der Hoffnung, sich in einem späteren Kündigungsschutzprozess auf einen Vergleich zu einigen und den Mitarbeiter nicht weiter beschäftigen zu müssen. Die zu zahlende Abfindung ist für diese Unternehmen nur ein kleines Übel.
Ob Kündigung oder Firmenpleite: Der Arbeitnehmer steht vor einer großen finanziellen Unsicherheit. Nicht alle Haushalte können mit ihrem ersparten Geld einen Zeitraum von mehreren Wochen oder Monaten überbrücken. Die staatlichen Hilfen fließen, wenn sie überhaupt in Anspruch genommen werden können, nur sehr zögerlich. Vor allem die ersten Wochen nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen stellen für viele Arbeitnehmer eine enorme Belastung dar.
Die nackten Zahlen und der Mensch dahinter
Wenn ich lese, dass ein Unternehmen Probleme hat und Entlassungen plant, sehe ich die Menschen dahinter. Manchmal sind es einhundert Mitarbeiter, ein anderes Mal eintausend oder mehr, die von einer Entlassungswelle betroffen sind. Einige Belegschaften streiken und versuchen auf diesem Wege, ihren Arbeitsplatz zu erhalten. In diesem Zusammenhang kommen Betroffene häufig zu Wort. Sie sprechen von den Ängsten, ihre Familie nicht mehr ernähren oder die Miete nicht mehr zahlen zu können.
Vom Doppelverdienst in die Einkommenslosigkeit
Die folgende Geschichte ist wahr. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes habe ich den Namen der Person geändert. Ich nenne sie Peter.
Peter ist Hauptverdiener. Seine Frau kümmert sich um die Erziehung der Kinder und verdient in einer nebenberuflichen Selbstständigkeit etwas dazu. Erst als sie im Teenageralter sind, steigt sie voll in ihren Beruf ein. Nach fünfzehn Jahren bricht die Branche zusammen, weil sie sich die Arbeitswelt durch die KI von Grund auf ändert. Mit Mitte 50 ist es für eine Frau ohne klassische Erwerbsbiografie schwierig, neu in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Beide entscheiden, von Peters Gehalt zu leben.
Zwei Jahre nach dieser Entscheidung wird Peter arbeitslos. Unverschuldet, das vierte Mal, in vierzig Jahren Berufstätigkeit. Vom Doppelverdienst stürzen beide für einige Monate in die Einkommenslosigkeit. Sie können diese Zeit mit Ersparnissen überbrücken. Doch was machen Menschen, die wenig verdienen und nicht wissen, wie sie ihre Kosten tragen sollen? Diese Frage stelle ich mir immer dann, wenn ich mich näher mit dem Thema beschäftige.
Viermal Jobverlust, in 40 Jahren
Peter verlor in vierzig Berufsjahren viermal seinen Job. Er arbeitete in der Lebensmittelindustrie. Keine der Entlassungen war selbstverschuldet. Zweimal schloss das Unternehmen, zweimal führte eine Krankheit auf Umwegen zur Entlassung.
Der Arbeitsunfall
Peter stammt aus der DDR und steigt im Jahre 1986 nach der Lehre in das Berufsleben ein. Der erste Betrieb wurde nach der Wende von einem westdeutschen Privatunternehmen übernommen. Es waren Umstrukturierungen erforderlich. In dieser Zeit erlitt Peter einen Arbeitsunfall. Er rutschte mit dem Unterschenkel in einen mit Säure gefüllten Gulli, der von einem anderen Mitarbeiter nicht ordnungsgemäß verschlossen worden war, und erlitt Verätzungen, die eine vierwöchige Krankschreibung nach sich zogen.
Da er während der Neuvergabe der offenen Stellen nicht anwesend war, wurde er nicht berücksichtigt und kam auf die Liste derer, die nicht weiterbeschäftigt werden konnten. Was eine Kündigungsschutzklage ist, wusste Peter im Jahr 1992 leider nicht.
Fördermittel kassiert, Standort geschlossen
Mit Mitte Zwanzig fand Peter problemlos einen neuen Job. Zum Zeitpunkt des Vorstellungsgesprächs lag er wegen einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus. Doch er hatte Glück: Aufgrund seines jungen Alters und der guten Qualifizierung wurde der Job für ihn freigehalten. Er konnte nahtlos wechseln, verdiente etwa das gleiche Geld und hatte Verantwortung. Die Arbeit machte ihm Spaß.
Vier Jahre später schloss das Unternehmen den Standort in Ostdeutschland. Der Lebensmittelhersteller hatte Fördermittel bekommen, sie liefen aus. Ein längerer Betrieb der Zweigstelle war nie geplant. Das erfuhren die Mitarbeiter erst, als sie die Kündigung überreicht bekamen.
Ein traditioneller Lebensmittelbetrieb stellt die Produktion ein
Peter war Ende Zwanzig und fand wieder nahtlos einen Job. Bei einem traditionellen Hersteller von Süßwaren hatte er seine schönsten Arbeitsjahre in einem tollen Team und mit der Verantwortung, die ihm aufgrund seiner Erfahrung übertragen wurde.
Sechs Jahre währte das Glück, dann verabschiedete sich der Hersteller von seiner Kultmarke, die in dem Werk hergestellt wurde. In der Folge schloss der Betrieb. Sechshundert Mitarbeiter wurden entlassen und überschwemmten den Arbeitsmarkt in einer Zeit, in der es nicht so einfach war, etwas Neues zu finden.
Das erste Mal war Peter arbeitslos. Sein erster Arbeitgeber hätte ihn etwas mehr als zehn Jahre später wieder eingestellt. Doch da gab es noch keinen Mindestlohn und das Gehalt konnte den Lebensunterhalt der Familie nicht sichern. Peter kehrte nicht an seinen ersten Arbeitsplatz zurück.
Ein Maschinenbediener im Leitstand
Zahlreiche Bewerbungen folgten. Es war schwierig, etwas Neues zu finden. Eine Firma lehnte ihn wegen seiner Kinder ab. Das wollen wir nicht, hieß es sehr deutlich. Ein anderers Unternehmen hatte Einstellungsstopp. Dort hatten viele Kollegen von Peter eine neue Arbeit gefunden. Er kam zu spät.
Schließlich bekam er eine Zusage. Er blieb in der Lebensmittelindustrie. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sechzehn Jahre Berufserfahrung, er war als Schichtleiter und Maschinenführer tätig gewesen. Dennoch wurde er um zwei Gehaltsstufen heruntergesetzt. Das Unternehmen bestand auf einer einschlägigen Ausbildung. Peter hatte Schlosser gelernt.
Der Abteilungsleiter erkannte schnell das Potenzial des neuen Kollegen und setzte ihn im Leitstand ein. Dort erledigte er die Arbeit eines Facharbeiters. Drei Jahre nach seiner Einstellung stieg er zum „Maschinenbediener“ auf. Seine Tätigkeit erledigte er nicht an den Förderbändern oder in der Verpackung, sondern im Leitstand.
Nach zehn Jahren in Folge ohne einen einzigen Krankheitstag fiel Peter sieben Monate aus. Sechs Jahre später erkrankte er noch einmal für achtzehn Monate. Der Arbeitgeber befragte den medizinischen Dienst nach der Rechtmäßigkeit der Krankschreibungen. Diese wurde in beiden Fällen bestätigt.
Wollen Sie bei uns noch arbeiten?
Nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz fragte der Abteilungsleiter in einem „Krankenrückkehrgespräch“, ob Peter überhaupt noch in dem Unternehmen arbeiten möchte. Gleichermaßen bekam er einen Aufhebungsvertrag vorgelegt, mit einer Abfindungsvereinbarung, die nach 20 Arbeitsjahren nicht den branchenüblichen Summen entsprach.
Mittlerweile kämpfte das Unternehmen zunehmend mit der Überalterung der Belegschaft, die einen hohen Krankenstand hatte, weil sie die körperliche schwere Arbeit nicht mehr dauerhaft verrichten konnte. Gleichermaßen litt die Branche aufgrund von Inflation und geringerer Kaufkraft unter Absatzschwierigkeiten. Die Erzeugnisse des Herstellers waren im Preis stark angestiegen.
Die Konsequenz war ein unermesslicher Druck, der nicht nur auf Peter, sondern auch auf andere Arbeitnehmer ausgeübt wurde, die aufgrund ihres Lebensalters und der langen Betriebszugehörigkeit nur schwer gekündigt werden konnten. Am Ende stand eine fristlose Kündigung, die vom Gericht kassiert wurde. Der Produktionsleiter empfand die Abfindungsvereinbarung als „ausgesprochen schmerzhaft“. Peter und seine Familie empfanden sie als gerecht.
Das Beispiel von Peter zeigt, dass eine gute Arbeit, die ihm von seinem direkten Vorgesetzten in all den Jahren bescheinigt wurde, und eine ausgeprägte Erfahrung für einen sicheren Job nicht ausreichen. Aus diesem Grund würde ich die Behauptung aufstellen, dass es es in der Theorie jeden treffen kann. In Peters Fall waren Betriebsschließungen und Krankheiten Gründe für den Verlust der Jobs. Es war kein Fehlverhalten, keine fehlende Arbeitsmoral oder die Unfähigkeit, gestellte Arbeitsaufgaben zu erledigen.
Gibt es noch sichere Jobs?
In unserem persönlichen Umfeld gibt es Menschen, die ihr ganzes Arbeitsleben in einem Unternehmen verbringen. Doch sind das mittlerweile Ausnahmen?
Arbeitsplatzsicherheit ist heute weniger selbstverständlich geworden. Selbst Branchen, die lange als krisenfest galten, stehen unter Veränderungsdruck. Digitalisierung, Automatisierung, wirtschaftliche Flaute, Insolvenzen oder Standortverlagerungen können Arbeitsplätze gefährden. Wer heute einen sicheren Arbeitsplatz hat, kann deshalb nicht automatisch davon ausgehen, dass das auch in fünf oder zehn Jahren noch so sein wird.
Peter ist Ende 50. Er wollte sein Arbeitsleben in dem Unternehmen beenden, weil er sich mit den Kollegen gut verstand und dort gern gearbeitet hatte. Nun muss es für ihn und seine Frau noch einmal einen Neustart geben. Das sollte nicht schwerfallen, denn es werden ja Fachkräfte gesucht und die Generation der Enkel soll bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten. Doch die Realität sieht anders aus. Peter wollte sich zum Busfahrer umschulen lassen. Doch einen Bildungsgutschein bekam er aufgrund seines Alters nicht.
In seiner Branche hörte er, dass sich Mitarbeiter mit „besserer Qualifikation“ gefunden hätten. Welche Voraussetzungen sind denn besser als 40 Jahre Berufserfahrung? Sagt die Politik nicht, dass die Menschen nicht „so früh“ in Rente gehen dürfen, weil ihre Arbeitskraft dringen gebraucht wird? Peter machte andere Erfahrungen!
Es kann jeden treffen
Ein Jobverlust kann jeden treffen. Krankheit steht im Arbeitsrecht eigentlich unter einem besonderen Schutz. Ebenso wie ältere Arbeitnehmer mit einer langen Betriebszugehörigkeit. Doch nichts von diesen Errungenschaften, die in Tarifverträgen niedergeschrieben sind, hat Peter vor dem Jobverlust bewahrt.
Wenn wir auf die Wirtschaft schauen, sind die Prognosen nicht sehr rosig. Die Auskunftei Creditreform warnt dieser Tage vor Betriebsschließungen und Insolvenzen auch bei gesunden Firmen. Es gäbe so viele Insolvenzen, wie seit Jahren nicht. Daraus ergibt sich die Frage, welche Jobs noch sicher sind. Und gleichermaßen ein Einkommen erwirtschaften, von dem ein Haushalt alle Kosten finanzieren kann. Denn manche Unternehmen orientieren sich am Mindestlohn. Auch dann, wenn der Bewerber sehr viel Berufserfahrung mitbringt.
Mehr Arbeitslosengeld als Einkommen
Wer ab dem vollendeten 58. Lebensjahr arbeitslos wird, erhält – derzeit – 24 Monate Arbeitslosengeld. Das kann vor allem in Ostdeutschland sehr attraktiv sein und die Aufnahme einer neuen Arbeit verzögern.
Peter bekam auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit Angebote, deren Nettoverdienst unter dem Betrag lag, den er als Arbeitslosengeld beanspruchen könnte. Es handelte sich um eine Firma, die mit ihrer Marke deutschlandweit einen sehr guten Absatz erwirtschaftet. Doch die Mitarbeiter haben nichts davon.
Die Frage, warum die ostdeutschen Löhne und Gehälter auch im vierten Jahrzehnt nach der Wende bis zu vierzig Prozent niedriger sind, als im ehemaligen West-Berlin, kann wohl niemand zufriedenstellend beantworten. Aber vielleicht trägt dieser Unterschied neben anderen Dingen dazu bei, dass Ostdeutsche von einigen Mitbürgern aus den ehemals alten Bundesländern als jammernd empfunden werden. Denn die Lebenshaltungskosten sind, zumindest in Brandenburg, nicht mehr günstiger, als in Westdeutschland.
Immer wieder von vorn beginnen
Das Geld ist nicht die einzige Komponente, die bei einem Jobverlust Sorgen bereitet. Wer viele Jahre in einem Unternehmen gearbeitet hat, verliert vertraute Strukturen. Der Alltag bricht weg. Die Aufgaben, die sicher beherrscht wurden. Und die Arbeitskollegen, mit denen man viel Zeit verbrachte.
Ist ein neuer Job gefunden, heißt es, von vorn zu beginnen. Neue Aufgaben, neue Strukturen, neue Kollegen. Ein anderes Betriebsklima. Und im Hinterkopf die Sorge, ob es denn auch wirklich klappt, mit der Verlängerung des Vertrages nach der Probezeit. Derzeit möchte die Regierung die Befristung von Arbeitsverträgen von zwei auf vier Jahre ausweiten.
Nicht alle Menschen kommen mit einem Jobverlust gleichermaßen klar. Eine Kündigung, gerade wenn sie fristlos ausgesprochen wird, ist zunächst ein Schock. Doch wenn die Arbeitsbedingungen unbefriedigend waren, kann sich nach einer Phase der Anpassung Erleichterung einstellen.
Doch wenn ein Betrieb schließt und Betroffene ihre Arbeit sehr gern gemacht haben, kann der Neuanfang schwierig werden. Ein Jobverlust ist auch ein Verlust der Identität. Es gibt Menschen, die damit nicht fertig werden. Existenzangst vermischt sich mit der Erkenntnis, keine Arbeit mehr zu haben. Dies ist in der Gesellschaft häufig mit einem Verlust der Anerkennung verbunden. Hinzu kommt bei einigen Menschen das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden oder keine Aufgabe zu haben. Wer einen Jobverlust häufiger erlebt und älter wird, hat mitunter nicht mehr die Kraft, immer wieder von vorn zu beginnen.
Einen neuen Weg finden
Es gilt, einen neuen Weg zu finden. Leicht ist das nicht. Es gibt Menschen, die nur ein geringes Selbstwertgefühl haben. Es fehlt die Kraft für den Neuanfang. Hinzu kommt, dass die Behandlung durch einige Mitarbeiter der Behörden nicht sehr freundlich ist.
Peter hat das erlebt. Zunächst war er fristlos gekündigt worden. Beim Termin mit dem Arbeitsamt wurde er herablassend behandelt. Eine Nachbarin von ihm war zur gleichen Zeit aufgrund einer Betriebsschließung arbeitslos. Sie bekam Unterstützung bei einer Umschulung, während Peter ausschließlich seine eigenen Bemühungen nachzuweisen hatte.
Nachdem die fristlose Kündigung in eine fristgerechte umgewandelt wurde, hatte das Schreiben, in dem das Arbeitslosengeld zurückgefordert wurde, einen unverschämten Ton. Selbstverständlich wusste Peter, dass diese Rückzahlung ansteht. Allerdings hatte ihm der Anwalt gesagt, dass sich das Arbeitsamt an den Betrieb wenden würde. Noch bevor er nach der doppelten Zahlung überhaupt reagieren konnte, lag das Schreiben der Arbeitsagentur schon im Briefkasten.
Peter war gefestigt, durch seine Familie und durch Freundschaften. Doch nicht jeder hat dieses Glück. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Menschen gibt, die an einer Arbeitslosigkeiten und den damit verbundenen Folgen zerbrechen. Das soziales Netz mag in Deutschland enger gewoben sein, als in vielen anderen Ländern. Doch wer wirklich Hilfe braucht, wird trotzdem oft allein gelassen. Wenn er wirklich allein ist, weil sein persönliches Netz Risse hat, dann ist die Verzweiflung nicht selten nah. All dies kann sich verbergen, hinter den nackten Zahlen, die wir nahezu täglich von den Medien präsentiert bekommen.
Unser System erfordert Demut und Mut
Es gibt Menschen, vielleicht kennst du sie auch, die glauben, ihnen wurde so etwas nie passieren. Die überzeugt sind, dass, wer arbeitslos ist, selbst daran Schuld hat. Die sich in der Überzeugung wiegen, dass sie gebraucht werden, unverzichtbar sind und einen hohen Schutz genießen. Es gibt diese Menschen. Aber es trifft nicht auf alle zu.
Im Tarifvertrag des Unternehmens, in dem Peter zuletzt arbeitslos wurde, war er aufgrund seines Lebensalters und seiner Betriebszugehörigkeit betriebsbedingt unkündbar. Es sei denn, der Betriebsrat hätte der Kündigung zugestimmt. Was er aber nicht tat. Also ging das Unternehmen den Weg über eine ungerechtfertigte fristlose Kündigung und hebelte den Schutz über diesen Umweg aus.
Peter hätte es gern auf eine Klage ankommen lassen können. Doch die Wartezeiten auf einen Gerichtstermin sind lang. Und wer möchte seine Arbeitsleistung einem Unternehmen anbieten, das alles tut, um seine Mitarbeiter loszuwerden?
Die Kunst, Mitarbeiter loszuwerden
In Kürze erscheint eine weiterführende Kolumne zum Thema auf Steady
Der Lebensmittelindustrie geht es in einigen Branchenzweigen schlecht. Vielleicht hatte diese Kündigung letztlich etwas Gutes. Die nächsten Jahre werden es zeigen. Bei Peter war der Mut zu einem Neuanfang wenige Jahre vor dem Eintritt in die Rente vorhanden. Und gleichzeitig die Demut, dass er auch in seinem neuen Job keine absolute Sicherheit haben wird. Das spornte ihn an, eine gute Arbeitsleistung zu erbringen und dankbar zu sein, für den Neuanfang, der ihm ermöglicht wurde.
Die vage Hoffnung auf den Aufwärtstrend
Peters Mut – und den vieler anderer Betroffener – erfordert das System, und ich wünsche jedem, dass er ihn aufbringen kann. Hinter jeder Zahl, die in den Medien genannt wird, steht das Schicksal eines einzelnen Menschen, eines Paares oder einer ganzen Familie. Deutschlands Wirtschaft geht es nicht gut. Hoffen wir alle gemeinsam, dass die Abwärtsspirale bald gestoppt wird.
Ein sicherer Arbeitsplatz mit einem Verdienst, von dem die hohen Lebenshaltungskosten erwirtschaftet werden können, ist die wichtigste Grundlage unserer Existenz. Hoffen wir, dass wir bald nicht mehr lesen müssen, wie viele tausend Mitarbeiter ihren Job verloren haben und in die Spirale zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit geraten. Die Hoffnung ist vage. Doch wir geben sie nicht auf.


ISSN 3053-674X
TS 2026-22


