Das Leben in Ostdeutschland – ein Blick auf die Jammer-Ossis

Das Leben in Ostdeutschland – ein Blick auf die Jammer-Ossis

Der Jammer-Ossi soll die Klappe halten! Diesen Satz sagte Comedian Florian Schroeder, geboren 1979 im baden-württembergischen Lörrach. War es Satire oder ernst gemeint? Ich konnte kein Augenzwinkern erkennen. Und oute mich als jemand, der sich angesprochen fühlt, denn sonst würde ich diesen Artikel nicht schreiben. Aber einem Kabarettisten, der über die DDR genauso wenig weiß, wie ich über Baden-Württemberg, möchte ich dann doch nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken. Seine Wortsalve schoss er im Zusammenhang mit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt gen Osten. Die AfD lag in Umfragen weit vorn. Doch seine Aussagen sind zeitlos, denn sie vertreten die Meinung vieler Menschen: Der Ostdeutsche jammert und ist undankbar. Doch ist er das wirklich? Ich lebe seit meiner Geburt vor mehr als fünf Jahrzehnten in meiner brandenburgischen Heimatstadt und gebe dir einmal einen Blick hinter die Kulissen. Denn anstatt den jammernden Ossi anzugreifen, wäre es hilfreich, sich mit dem Leben in Ostdeutschland auseinanderzusetzen. Vielleicht würde das zu mehr Verständnis führen?

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Ein Blick in eine ostdeutsche Stadt zwischen Plattenbauten und sanierten Fassaden. Es ist das Leben in Ostdeutschland im Alltag.
Ostdeutsche Städte sind heute hübsch saniert. Der Solidaritätszuschlag machte es möglich, und Hilfen von der EU. Plattenbauten und alte Kulturhäuser erzählen vielerorts von der Vergangenheit. Das Leben hinter der Kulisse ist häufig nicht so stark vom Wohlstand geprägt, wie in Westdeutschland.

Zwei Mädchen auf einem Tandem in Mecklenburg

Wir schreiben das Jahr 1983. Meine Cousine und ich fahren mit einem Tandem durch ein winziges Dorf im Bezirk Schwerin. Ein Onkel von uns hatte dort ein Bauernhaus.

Meine Cousine und mich trennt ein Lebensjahr, doch uns unterscheidet viel. Die Schwester meiner Mutter ist nach der Grenzöffnung mit einem falschen Pass nach West-Berlin geflohen. Ihr Freund, ebenfalls ein Bürger der DDR, hielt sich am 12. August 1961 dort zu Besuch auf. Am nächsten Morgen war die Grenze zu. Er blieb und holte seine Freundin nach. Es funktionierte. Beide siedelten nach Westdeutschland über. Meine Cousine wurde in Frankfurt am Main geboren.

Meine Mutter war die Jüngste von sechs Geschwistern. Vier entschieden sich für das Leben in der BRD. Als die Mauer gebaut wurde, war sie achtzehn Jahre alt. Sie hatte gerade ihr Abitur bestanden und in Leipzig einen Studienplatz an einer Fachhochschule bekommen. Eine Tante lebte in West-Berlin, sie hätte meine Mutter bei sich aufgenommen. Doch sie hing zu sehr an ihrer Heimat und vor allem an meiner Oma, die allein in der DDR zurückgeblieben wäre.Nur ein Bruder war geblieben. Mein Onkel, der das Bauernhaus im heutigen Mecklenburg hatte. Doch er hatte zu meiner Oma ein nicht so enges Verhältnis.

Der Gegensatz zwischen Ost und West

Meine Cousine, ich nenne sie Kathrin, und ich verstanden uns gut, als Kinder. Einmal im Jahr sahen wir uns für zehn Tage bei der Oma in Mecklenburg. Die Zeit ist fest in meiner Erinnerung verankert. Doch die Unterschiede in unserem Leben und im Alltag konnten größer kaum sein. Als wir Teenager waren, las Kathrin die Bravo. Sie besuchte Konzerte von Depeche Mode und Herbert Grönemeyer. Udo Lindenberg besuchte regelmäßig Freunde, die in ihrer Straße lebten. Er zog seinen Hut tief ins Gesicht, sodass ihn niemand erkannte.

Kathrin trug schicke Klamotten, nutzte einen schwarzen Kajalstift und konnte Schallplatten ihrer Lieblingsbands kaufen. Die Urlaube verbrachte die Familie auf den ostfriesischen Inseln, in Griechenland oder Italien. Sie kamen in einem VW Käfer, später in einem Golf. Die Westautos wurden auf dem Marktplatz in dem kleinen Dorf gern bestaunt.

Klamotten, Kassetten und Süßgkeiten

Meine Eltern fuhren einen froschgrünen Trabbi. Als Teenager nahmen wir unsere Lieblingslieder aus dem Westradio auf Kassetten auf, die pro Stück 20 Mark kosteten. Meine Klamotten waren umspektakulär. Ein paar tolle Teile hatte ich, von meinem Hamburger Onkel, die zog ich am liebsten an. Und was mir Kathrin für einen Tag auslieh.

Mit meinen Eltern und meinem Bruder fuhr ich in den Urlaub an die Ostsee. Wir lebten nah an der Grenze zu West-Berlin. Dass wir ganz anders lebten und weniger Freiheiten hatten, bekam ich früh mit.

Je älter ich wurde, desto intensiver dachte ich darüber nach, warum das alles so war. Wieso ist meine Mutter geblieben und ihren Geschwistern nicht gefolgt? Warum musste ausgerechnet ich in der DDR leben? Die bunte Werbung des Westfernsehens flimmerte auch bei uns im Osten jeden Tag über den Bildschirm. Besonders die leckeren Süßigkeiten hatten es mir angetan. Wir waren darauf angewiesen, dass wir sie geschenkt bekamen. Kaufen konnten wir sie nicht.

So könnte ich noch lange weiter erzählen. Von Büchern, die wir nicht lesen durften. Von der Freiheit, meine Onkel in Hamburg und im Emsland zu besuchen. Nach Holland, Paris oder London zu reisen.

Kathrin und ich sind nicht nur unterschiedlich aufgewachsen. Wir haben auch ganz verschiedene Lebenswege genommen.

Ganz unterschiedliche Lebenswege

Nach der Schulzeit begann ich eine Ausbildung. Ich schloss die heutige Mittlere Reife mit der Note 1,6 ab, doch ich wurde nicht für das Abitur vorgeschlagen. Mein Vater gehörte als Meteorologe nicht zur Arbeiterklasse.

Mein Berufswunsch Lehrerin scheiterte am „Stimmtest“. Heute weiß ich, dass ich für einen Studienplatz nicht infrage kam, weil meine Eltern studiert hatten und Arbeiterkinder an den Universitäten bevorzugt aufgenommen wurden. Ich begann eine Ausbildung zur Krankenschwester und lernte meinen Mann kennen. Wir waren 18 und 19, als wir heirateten. Da war unser erstes Kind schon geboren. Das Zweite kam, als wir ein Jahr älter waren. Das war normal, in der DDR. Ein paar Monate nach der Geburt unseres zweiten Sohnes feierte Deutschland die Wiedervereinigung.

Mit der Wende riss der Kontakt ab

Kathrin verließ die Schule nach dem Abitur, studierte Jura und machte in der Finanzbranche Karriere. Sie hat einen Namen, den man googeln kann, und lebt in Süddeutschland. Ihre Kinder bekam sie sehr viel später als ich. Das letzte Mal sahen wir uns bei der Beerdigung meiner Tante. Das ist zwanzig Jahre her.

Nach der Wiedervereinigung begannen die Geschwister aus West und Ost um das Haus unserer Oma zu streiten. Bürger aus der BRD waren in der DDR nicht erbberechtigt. Die Anwälte der westdeutschen Geschwister forderten das Erbe ein. Meine Mutter hatte auf das baufällige Haus verzichtet. Später wurde es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Vier Geschwister teilten sich letztlich 8.000 DM. Meine Mutter, die Alleinerbin war, ging leer aus. Sie hatte sich an dem Rechtsstreit nicht beteiligt.

Meine Tante störte sich an dem vereinten Deutschland. Vielleicht hatte sie Angst, dass wir fluchtartig unsere Heimat verlassen und Unterstützung erwarten. Oder sie kam mit ihrem eigenen Leben nicht klar. Ihre Sehnsucht nach der Heimat Mecklenburg war zeitlebens groß gewesen. Sie lebte in NRW.. Vielleicht hat sie ihre Flucht angesichts der Wende bereut. Ich kann es nur mutmaßen. Sie erkrankte an Krebs, lehnte jegliche Therapie ab und starb früh.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Kindheit, in der meine Cousine und ich miteinander Tandem fuhren. In der wir spielten, lachten, mit unseren Eltern kochten und einfach nur wunderbare Sommer verbrachten. Es war auch eine Kindheit, in der Ost und West aufeinander prallten.

Der Verlust unserer Identität

Unsere jährlichen Familientreffen endeten mit dem Tod meiner Oma. Ich war sechzehn. Kathrin und ich hatten nach der Beisetzung ein Gespräch über die unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen, in denen wir lebten. Ich verteidigte den Sozialismus mit den Argumenten, die ich in der Schule gelernt hatte. Bei uns gab es Zusammenhalt, wir halfen einander. Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und die Angst, sich nichts zum Essen kaufen oder die Miete nicht zahlen zu können, gab es in der DDR nicht.

Meine Cousine hielt mit einem Satz dagegen, den ich nie vergessen habe. „Der Mensch denkt viel zu kapitalistisch, als dass Euer System funktionieren könnte.“ Vermutlich war das, ebenso wie bei mir, Schulwissen.

Die Wende kam drei Jahre nach dem Tod meiner Oma. Wir waren euphorisch, reisten nach West-Berlin, nach Hamburg zu meinem Onkel, an die Nordsee und nach Holland. Die D-Mark wurde unser Zahlungsmittel. Endlich konnten wir all die Dinge kaufen, die wir aus der Werbung kannten. Wir durften reisen. Die Welt kennenlernen. Doch mit zwei kleinen Kindern fehlte uns das Geld.

Arbeitslosigkeit und Mieterhöhungen

Auf die Euphorie folgte Realität. Mein Mann, ich und meine Eltern wurden nach der Wende arbeitslos. Mein Bruder ging noch in die Schule. Im Schuljahr 1989/90 herrschte Planlosigkeit. Lehrer reisten in den Westen aus oder bekamen aufgrund ihrer Aktivitäten in der Stasi ein Berufsverbot auferlegt. 1993 bekam er einen Realschulabschluss ohne jegliche Prüfungen und ohne nützlichen Unterricht in den Hauptfächern. Sein Start ins Berufsleben war schwierig. Mein Vater starb ein Jahr nach der Wiedervereinigung mit 51 Jahren. Er hatte seine Entlassung nicht verkraftet.

Unsere Miete erhöhte sich innerhalb von zwei Jahren um 300 Prozent. Kurz vor seinem Tod hatte mein Vater sein Elternhaus verkauft. Wir wollten den Verkauf rückgängig machen, wurden aber von einem westdeutschen Richter abgeschmettert. Von dem Erlös konnten wir uns ein kleines, neu gebautes Reihenhaus kaufen. So waren wir vor weiteren Mieterhöhungen geschützt.

Unsere ehemaligen Nachbarn zahlten zehn Jahre nach der Wiedervereinigung 1.500 Prozent mehr Miete für die gleiche Wohnung im Plattenbau. Sie hatte neue Fenster und eine Dämmung bekommen. Innen hatte sich nicht viel verändert. Die Bäder waren nicht gefliest. Die Heizungsrohre nachgerüstet. Die Balkone waren nicht vergrößert worden. Viele Menschen hatten keine Arbeit. Etliche Betriebe schlossen. Alle Mitarbeiter wurden entlassen. Wer arbeitete, verdiente oft nur wenig Geld. Das ist in einigen Regionen Ostdeutschlands bis heute so.

Professoren mit ostdeutscher Biografie? – Fehlanzeige!

Der Glanz der bunten Werbung verblasste schnell. Wir waren eine Familie, hatten normale Berufe und keinen Drang, ganz schnell Geld zu verdienen. In der neuen Wohnsiedlung, in der wir nun lebten, waren wir von Westdeutschen umgeben. Ossis konnten sich den Kauf eines neuen Hauses nicht leisten. In unserer Reihe wohnten Richter, Staatsanwälte und Mitglieder der neu gewählten brandenburgischen Landesregierung.

Schon damals stellte ich mir die Frage, ob es fähige Juristen aus Ostdeutschland gibt, die vakante Stellen besetzen könnten. Über die Rückabwicklung des Hausverkaufs hatte ein westdeutscher Richter geurteilt. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich damals, dass all jene, die in ihrer Heimat keinen Fuß fassen konnten, nun zu uns in den Osten kamen. Ich war zu jung, um mir darüber ein Urteil erlauben zu können.

Als meine Kinder etwas größter waren, holte ich mein Abitur nach und studierte Germanistik und Geschichte. Es dauerte etwas länger, Günter Jauch würde meine zahlreichen Hochschulsemester kritisch hinterfragen. In all den Jahren hörte ich bei einem einzigen Professor mit ostdeutscher Biografie. Er war der Wendezeit nach Frankreich gegangen und hatte dort studiert.

Zu Beginn eines Herbstsemesters saß ich plötzlich mit der Lehrerin meines Sohnes in einem Seminar. Ihr Mann hatte nach der Wende seinen Job verloren und arbeitete nun in Westdeutschland. Ihre Kinder waren zum Studium „nach drüben“ gegangen. Doch sie konnte ihrer Familie nicht folgen, weil sie keine Lehrbefähigung für die westdeutschen Bundesländer hatte. Also holte sie im Alter 50 Plus ihren Master nach. Es ist doch interessant, dass die Wanderung von West nach Ost keine Probleme bereitete, umgekehrt aber schon!

Eine Stadt, die baut, blüht auf

Dieser Slogan stand in den 1990er-Jahren in der Nähe des Ortseingangsschildes meiner Heimatstadt. Die Stadtverwaltung entschied sich, im großen Stil Bauland auszuschreiben. Bis heute verdoppelte sich die Einwohnerzahl. Die meisten Zuzügler kommen aus Berlin und aus NRW. Ich habe oft das Gefühl, innerhalb meiner eigenen Heimatstadt umgezogen zu sein. Kaum jemand spricht unseren Dialekt. Der Satz „ich bin ja nicht von hier“ ist uns von zufälligen Gesprächen gut vertraut. Ein Freund meines jüngeren Sohnes wusste schon im Kindergarten, dass er in Stuttgart geboren wurde. Unsere Nachbarn stören sich daran, wenn die Enkel im Garten spielen.

Wir leben manchmal als Fremde in einer Stadt, in der meine Familie väterlicherseits seit mehr als zwölf Generationen ihre Wurzeln hat. Für uns Einheimische gibt es eine augenzwinkernde Bezeichnung, die jeder für sich beanspruchen darf, der im Ort – oder dem naheliegenden Krankenhaus – geboren wurde. Mein Mann, gebürtiger Anhalter, aufgewachsen in Mecklenburg, findet es lustig, dass er nicht dazugehört. Doch die Westdeutschen stören sich daran. Sie fühlen sich ausgeschlossen und rufen Stammtische ins Leben, zu denen sich anmelden darf, wer im Rheinland oder in Nordhessen geboren wurde. Als Retourkutsche, sozusagen.

Unser Volksfest war ihnen zu laut, es wurde von zehn auf drei Tage reduziert. Nach mehr als zwanzig Jahren der Klagen auf Unterlassung beugte sich die frisch gewählte Bürgermeisterin dem Druck. Der Altbürgermeister und sein Erster Beigeordneter waren in unserer Stadt aufgewachsen. Die neue Bürgermeisterin nicht. Unsere Tradition war ihr fremd.

Bin ich frustriert?

In den sozialen Netzwerken würde ich nach diesen Schilderungen garantiert von einem westdeutschen User hören, dass ich jammere und frustriert bin. Hier, auf meiner eigenen Plattform, darf ich das richtigstellen: Ich tue weder das eine noch bin ich das andere. Ich habe recht nüchtern aus unserem Leben erzählt. Und möchte noch ein kleines Erlebnis aus jüngerer hinzufügen.

Eine kleine Anekdote

Wir haben seit vielen Jahren ein kleines Boot. Auf diesem arbeite ich im Sommer gern. Wenn mein Mann zur Schicht muss, fahren wir an einen wilden Badestrand. Am Rande steht unser Auto. Wir sind nicht die Einzigen, die diesen Strand auf diese oder ähnliche Weise nutzen. Natürlich immer mit der gebotenen Rücksicht auf Schwimmer oder Kinder, die im Wasser plantschen.

An einem Abend war der Strand leer. Mein Mann musste in die Nachtschicht. Plötzlich tauchte ein Mann aus einem der Gärten auf, die hinter dem kleinen Strand liegen. Er erklärte uns, dass das Anlegen verboten wäre.

Mein Mann sagte süffisant: „Verboten? Alles klar!“

Der Herr meinte: „Ach, Sie wissen das und machen das trotzdem?“

Mein Mann wurde pampig. „Das sehen Sie doch!“

Der Herr wollte eine Erklärung. Er stand wie ein Polizist, die Arme in die Hüften gestemmt, am Ufer. „Ich möchte wissen, warum Sie das machen.“

Bevor mein Mann etwas erklären konnte, meinte ich, dass er lieber nichts sagen solle. Am Dialekt konnte man erkennen, woher der Mann stammte. Er kam aus NRW. Nachdem er hörte, was ich gesagt hatte, ging er in seinen Garten zurück.

Es gab aber auch ein anderes Erlebnis. Zwei Herren aus Bayern halfen meinem Mann, das Fahrrad vom Boot abzuladen und erkundigten sich nach einem Restaurant in der Nähe. Dabei interessierten sie sich für unser DDR-Oldieboot.

Nicht alle Westdeutschen sind gleich. So wie wir Ossis verschieden sind. Aber das Zurechtweisen erleben wir leider oft. In der Bahn. Im Supermarkt. Oder im Alltag. Wir kennen ein anderes Miteinander, aus dem Land, in dem wir aufwuchsen. Man half und unterstützte sich gegenseitig. Heute werden als Alternative die Ellenbogen ausgefahren.

Der Ossi und das Oktoberfest

In unserer Kleinstadt gibt es einen Satz, der gern zitiert wird. Von wem er stammt, ist nicht bekannt.

Man stelle sich vor, der Ossi kommt nach Bayern und schafft das Oktoberfest ab.

Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass dieses Vorhaben kaum von Erfolg gekrönt sein würde. Doch bei uns funktioniert sowas. Dass das zu Unmut und Spaltung führt, ist sicherlich verständlich.

Passen wir zueinander?

Wenn ich heute in meinem Zuhause nach meiner Identität suche, ist es schwer, die Wurzeln zu finden. Beim Klassentreffen gelingt es. Dort ist die Meinung einigermaßen eindeutig: Der Wessi und wir passen nicht zueinander. Dieser Meinung würde ich mich anschließen.

Das ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache. Meine Cousine Kathrin und ich sind unterschiedlich aufgewachsen. Wir haben verschiedene Lebenswege genommen. Wäre sie in der DDR geboren worden, mit einem Akademiker als Vater, hätte sie nach der Schule nicht Jura studieren dürfen. Sie hätte nicht von ihren Eltern vermittelt bekommen, dass man gut verdienen muss, um gut leben zu können. Und dass Vorsorge für die Rente wichtig ist.

Geld spielte in der DDR nur eine untergeordnete Rolle. Vorsorge war kein Thema. Wovon auch? Jeder bekam seine kleine Rente. Grundstücke hatten keinen Wert, die Ersparnisse waren klein. Mit der Wiedervereinigung wurde der größte Teil des Ersparten durch fünf geteilt. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wende ist das Vermögen, das an die folgenden Generationen vererbt wird, deutlich kleiner als in Westdeutschland.

Nun sollen wir also die Klappe halten und aufhören zu jammern. Und wir sollen doch bitte eine Partei wählen, die dem Westdeutschen genehm ist. So funktioniert die Einheit eines Volkes aber nicht. Wenn sich, bildlich gesprochen, der Stärkere über den Schwächeren erhebt, mag das für den Stärkeren eine Art Genugtuung bedeuten. Doch der Schwächere fühlt sich noch kleiner. Noch unbedeutender. Und wenn er versucht, seinen Standpunkt zu erklären, wird sich auch darüber erhoben.

Fragen, nicht urteilen

In einem anderen Artikel habe ich mehrfach die Frage gestellt, warum wir Zeitzeugen nicht gefragt werden. Warum es uns nicht möglich ist, unsere Geschichte zu erzählen. Urteile und Abwertungen kommen häufig von Menschen, die das Leben in Ostdeutschland gar nicht kennen.

Wenn ein Wessi über den Ossi spricht

Florian Schroeder wuchs in Westdeutschland auf. Laut Wikipedia studierte er Germanistik und Philosophie. Ob er einen Abschluss hat, geht aus dem Eintrag nicht hervor. Er zeigte früh Talent für Parodien und verdient damit sein Geld. Er lebt im feinen Prenzlauer Berg und hat für seine aktuelle Tour Hallen in Gera, Erfurt und Leipzig gebucht. Karten sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes noch zu haben. An mir, dem Jammer-Ossi, der sich angesprochen fühlt und die Klappe halten soll, wird Florian Schroeder keinen Cent verdienen.

In seiner Biografie fehlt mir der Bezug zu Ostdeutschland und zu dem Leben der Ostdeutschen. Was qualifiziert ihn, sich über Menschen zu erheben, deren Leben er gar nicht kennt und nicht beurteilen kann?

In meiner Recherche zu den Reaktionen habe ich gelesen, dass ihm Ostdeutsche Zustimmung signalisieren. Vielleicht haben sie die Satire erkannt. Oder sie sind genervt, von Leuten wie mir, die auch Jahrzehnte nach der Wende eine gewisse Verbundenheit mit ihrem Leben in der DDR führen.

Das Kreuz auf dem Wahlzettel

Es sind nicht nur die unterschiedlichen Lebenswege, die uns spalten. Es ist auch das Kreuz auf dem Wahlzettel. Umfragen sehen die AfD in Sachsen-Anhalt vorn. Das ist der Grund, für das Reel des Florian Schroeder.

Doch anstatt sich mit ungeschickter Satire oder einer handfesten Beleidigung in Szene zu setzen,, hätte er sich doch einfach mal in den RE1 setzen können. Der fährt von Berlin nach Magdeburg. Dort wäre er auf den Marktplatz oder den Domplatz gegangen und hätte die Menschen gefragt, aus welchem Grund sie die AfD wählen möchten. Vielleicht wäre sein Verständnis für die Ostdeutschen nach einem solchen Nachmittag gewachsen. Die Schlagzeilen, die er produziert hätte, wären mit Sicherheit positiver gewesen.

Das Leben in Ostdeutschland – es war ein anderes

Mehr als vierzig Jahre ist es her, dass Kathrin und ich auf dem Tandem durch das kleine Dorf fuhren. Damals waren wir im Backfischalter. So sagte es unsere Oma, geboren 1900 nicht ohne Stolz. Wir kamen aus ganz verschiedenen Welten, hatten als junge Mädchen aber doch die gleichen Themen.

Mit der Wiedervereinigung verband uns nichts mehr. Unsere Familien hatten sich durch den Erbstreit entzweit. Kathrin und ich hatten damit nichts zu tun. Doch weder sie noch ich nahmen den Kontakt wieder auf.

Das Leben hatte die beiden Mädchen auf dem Fahrrad getrennt. Die Kindheit und Jugend in Ost und West. Und so ist es in vielen Köpfen bis heute. Irgendwo auch in meinem. Wir sind anders aufgewachsen. Unser Land trat der BRD bei. Doch nicht alle von uns haben es geschafft, ihre Identität im vereinten Deutschland neu zu finden. Anstatt zu beschimpfen, sollte man versuchen zu verstehen und hinter die hübsch sanierten Fassaden schauen. Das wäre ein erster Schritt, zur wahren Wiedervereinigung.

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