ESC 2026 und Sarah Engels: Warum sie so heftig diskutiert wird
Beim ESC 2026 war Sarah Engels mit ihrem Lied „Fire“ der Act für Deutschland. Selten gab es im Vorfeld so viele Diskussionen um einen Künstler oder eine Künstlerin. Die Follower der erfolgreichen Influencerin feierten ihren Star in den sozialen Medien und machten die Kritiker teils mit wüsten Beschimpfungen mundtot. Bei den Buchmachern rangierte der Song dort, wo er letztlich auch landete: Auf den hinteren Plätzen. Das löste Debatten aus, ob Deutschland überhaupt noch am ESC teilnehmen sollte. Es wäre eine politische Veranstaltung, die uns zeigen würde, dass Deutschland keiner mag. Ist das so oder war Sarah Engels vielleicht doch eine Fehlbesetzung? Ich habe mir den ESC angeschaut und plädierte fürs Weitermachen. Das nächste Mal bitte mit einem Künstler, dem das Ranking nicht völlig egal ist.
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Wenn aus einem Musikabend eine Grundsatzdebatte wird
Seit meiner Kindheit höre ich unheimlich gern Musik. Dabei kann ich mich für viele Genres begeistern: Pop, Schlager, Rock, Klassik und Rap. Vielleicht schaue ich deshalb so gern den ESC. Zumal ich die Show das erste Mal im Jahre 1974 angeschaut habe. Das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her und ich war noch ganz klein.
Deutschland konnte die größte Musikshow der Welt bislang nur zwei Mal gewinnen. Nicole holte den Sieg im Jahre 1982, Lena Meyer-Landrut gewann 2010. Viele Songs platzierten sich in den Top Ten. Aktuell schaffte das Michael Schulte im Jahre 2018 das letzte Mal. Darüber hinaus ist die Bilanz der letzten zehn Jahre eher ernüchternd: Wir richteten uns oft auf einem der letzten Plätze ein.
| Jahr | Künstler | Song | Platzierung |
|---|---|---|---|
| 2025 | Abor & Tynna | „Baller“ | 15 |
| 2024 | Isaak | „Always on the Run“ | 12 |
| 2023 | Lord of the Lost | „Blood & Glitter“ | 26 |
| 2022 | Malik Harris | „Rockstars“ | 25 |
| 2021 | Jendrik | „I Don’t Feel Hate“ | 25 |
| 2020 | Ben Dolic | „Violent Thing“ | ESC abgesagt |
| 2019 | S!sters | „Sister“ | 25 |
| 2018 | Michael Schulte | „You Let Me Walk Alone“ | 4 |
| 2017 | Levina | „Perfect Life“ | 25 |
| 2016 | Jamie-Lee | „Ghost“ | 26 |
2026 erreichte Deutschland Platz 23. Die Reaktionen in Deutschland auf das erneute ESC-Desaster waren erwartbar: Wir sollten unsere Teilnahme an der Veranstaltung beenden, weil es ein politischer Zirkus sei und weil uns sowieso niemand leiden könne. Man wolle unser Geld und sonst nichts.
Der politische Kontext von Bulgarien
So ganz haltlos sind die Vorwürfe nicht. Es fällt in jedem Jahr auf, dass sich die skandinavischen Länder gegenseitig eine hohe Punktzahl geben. Die Ukraine und Israel liegen weit vor. Griechenland bekommt Stimmen von Zypern und umgekehrt. Wir geben oft Punkte an Österreich und bekommen von dieser Sympathie nichts zurück.
Den ESC 2026 hat Dara aus Bulgarien gewonnen. Mit unglaublichen 516 Punkten begeisterte sie sowohl die Jurys der 35 Teilnehmerländer als auch das Publikum, das sie mit weitem Abstand auf den ersten Platz wählte.
Ich habe mir die Frage gestellt, aus welchem politischen Kontext heraus Bulgarien gewonnen haben könnte. Das Land ist nicht Schauplatz eines Krieges. es polarisiert nicht mit einer besonders richtungsweisenden Politik oder mit besonders fähigen oder unfähigen Politikern. Wir wissen, dass etwa eine halbe Million Bulgaren in Deutschland leben und dass das Schwarze Meer herrliche Urlaubsorte hat. Ansonsten ist das Land eher neutral.
Ein ESC-Song muss einen Eindruck hinterlassen
Der bulgarische Beitrag hinterließ Eindruck. Und darum geht es beim ESC: Jury und Publikum müssen sich nach 25 Auftritten an Highlights erinnern und daraus ein Ranking erstellen. Dara hat gemeinsam mit ihren Produzenten einen Popsong mit verschiedenen Elementen geschaffen, die immer wieder überraschten. Sarah Engels beschränkte sich auf zwei Strophen mit einem Refrain, bei dem sich „Fire“ auf „Liar“ reimt. Okay, das kann man machen. Es geht aber nicht so ins Ohr wie „Bangaranga“.
Wenn ich mich an die Show erinnerte, fällt mir ein Musiker mit Wollmütze und Stiefeln ein, ein Rapper, der über Malle sang, eine junge Opernsängerin, ein Klavier, aus dem eine Plattform fuhr, und ein Mann im Kettenhemd, der von einer Frau ein Amulett geschenkt bekam. Alle landeten im Ranking vor Sarah Engels.
Persönlich fand ich den Beitrag von Großbritannien und Österreich auch besser. Es waren die Plätze hinter Deutschland. Doch das ist mein persönlicher Geschmack. Über „Michelle“, den Song aus Israel, der mit Bulgarien um den Sieg kämpfte, müssen wir nicht diskutieren: Gesungen in drei Sprachen und mit viel Gefühl, war die Platzierung aus musikalischer Sicht in meinen Augen berechtigt.
Du hast den ESC nicht gesehen? Dann verschaffe dir selbst einen Eindruck. Mir blieb Platz Zwei im Ohr. Aber vielleicht bin ich voreingenommen, weil französische Songs direkt in mein Herz wandern.
Sarah Engels setzte auf nackte Haut, auf einen Song, den Kritiker als nicht mehr zeitgemäß einschätzten, und auf ein hohes Selbstbewusstsein. Sie ist in Deutschland bekannt und sorgte für viele Schlagzeilen. Die meisten waren positiv.
Zwischen TV-Rampenlicht und ESC-Realität: Der Fall Sarah Engels
Wir schreiben das Jahr 2026. Deutschland schickt Sarah Engels zum ESC. Sie ist 33 Jahre alt und blickt auf eine Musikkarriere zurück, die eher von ihrer medialen Präsenz geprägt ist, als von den großen Hits. Sie war nie die Nummer 1 der Charts und konnte bislang keinen Kulthit landen, den das ganze Land mitsingen kann.
Bekannt wurde Sarah Engels durch DSDS. In den Jahren 2009 und 2010 flog sie früh aus der Show. Im Jahre 2011 erreichte sie die Mottoshows und wurde in Show Eins herausgewählt. Ihr Gesang überzeugte die Jury, doch ihr selbstbewusstes Auftreten hinter den Kulissen schreckte die Zuschauer ab.
In der dritten Mottoshow war Sarah Engels wieder dabei, da Nina Richel nicht weitermachen konnte. Sarah kämpfte sich bis ins Finale, wo sie hinter Pietro Lombardi den zweiten Platz belegte. Aus dieser Zeit stammt ihr erfolgreichstes Album. Im Jahre 2020 landete sie mit „Te Amo Mi Amor“ einen Streaminghit auf Spotify. Sie nahm mit Stereoact und DJ Herzbeat je einen Song auf.
In großen Konzerthallen ist Sarah Engels nie aufgetreten. Auf ihren Touren spielt sie „Sofakonzerte“ oder sie bucht kleine Säle, in die maximal 1.500 Personen passen. Diese private Atmosphäre hat den Grund, dass sie größere Hallen nicht füllen könnte.
Influencerin und TV-Medienpräsenz
Sarah Engels lässt ihre Songs produzieren. Sie hat keine Gesangsausbildung und spielt kein Instrument. Dies veranlasst Kritiker zur der Meinung, dass ihre Stimme und ihre Performance austauschbar wären. Die Vocalcouches bei DSDS hätten Sarah Engels geprägt.
Dennoch ist sie sehr erfolgreich. Sie hat sich eine Karriere als Influencerin aufgebaut. Dort geht es aber nicht um ihre Musik, sondern um Themen rund um Lifestyle und Familie.
Seit ihrer DSDS-Teilnahme ist Sarah Engels häufig im TV zu sehen. Sie gewann Formate wie „The Masked Singer“ und „Das große Promi-Backen“. Außerdem nahm sie bei „Let’s Dance“ und „Dancing on Ice“ teil. Sie spielte im Traumschiff eine kleine Nebenrolle und drehte einen Spielfilm für SAT1.
Schlagzeilen machte sie mit der Trennung von ihrem ersten Ehemann Pietro Lombardi und dem Umgang mit dem gemeinsamen Sohn. In jüngerer Zeit teilte sie auf Instagram immer wieder gegen ihren Ex-Mann und seine neue Familie aus. Derartige Posts und das allgemein sehr selbstbewusste Auftreten sind Grund dafür, dass Sarah Engels nicht überall beliebt ist.
Sarah Engels beim ESC 2026
Im Januar 2026 wurde bekannt, dass Sarah Engels am Vorentscheid für den ESC teilnehmen würde. Sie gewann ihn am 28. Februar 2026 mit dem Song „Fire“, der von einem fünfköpfigen Team produziert wurde. Sie selbst ist daran beteiligt und gab an, das Feuer in einer jeden Frau neu erwecken zu wollen.
Eine Welle rollte durch die sozialen Netzwerke. Die Fans von Engels lieferten sich mit den Kritikern derbe Verbalschlachten. Derweil sahen die Buchmacher des ESC Deutschland, wie in den Jahren zuvor, auf den hinteren Plätzen.
Wir müssen hinter der Künstlerin stehen
Wir müssen hinter Sarah Engels stehen und sie unterstützen.
So oder ähnlich war es vielfach in den sozialen Medien zu lesen. Große Boulevardzeitungen lobten Sarah Engels für ihre Performance. Kritik wurde gar nicht zugelassen.
Ich kannte Sarah Engels seit DSDS. Ein Fan ihrer Musik bin ich nie geworden. Nachdem ich ihren Auftritt im Halbfinale des ESC angeschaut hatte, konnte ich die Kritiker verstehen. Auch mir war die Stimme etwas zu dünn, der Song zu austauschbar und die Performance zu körperbetont. Ich wagte mich, das vor der Ausstrahlung des Finales in einer Diskussion auf Facebook zu schreiben und wurde übel angegegriffen. Ich wäre neidisch, hätte selbst in meinem Leben nichts erreicht und hätte von Musik keine Ahnung.
Vergleich mit Lena Meyer-Landrut? – Bitte nicht!
Sie erinnert mich an ESC-Siegerin Lena Meyer-Landrut (34). An dieses Gefühl von 2010. Mehr Sympathieträger als Sarah Engels geht kaum. Ich würde ihr den Sieg so sehr gönnen. Und trotzdem habe ich diese leise Ahnung, dass es am Ende nicht reicht. Nicht ihretwegen. Sondern unseretwegen. Deutschland tut sich schwer beim ESC. Zu oft gab es null Punkte, zu oft landeten wir hinten. Beliebtheit lässt sich nicht proben. Sie entsteht oder eben nicht.
Quelle: Tanja May. BILD-Artikel vom 15.05.2026
Das Zitat aus dem BILD-Artikel von Tanja May habe ich mit einigem Erstaunen gelesen. Der Vergleich mit Lena Meyer-Landrut hinkt ebenso wie die Aussage, dass Frau May Sarah Engels den Sieg gönnen würde. Woran macht sie diesen Wunsch fest? Am Song, an der Performance, an der Stimme oder daran, dass Deutschland doch endlich wieder jemand lieb haben möge?
Thomas Hermanns ist „nicht besonders glücklich“
„Ich muss leider sagen, dass ich mit dem Lied an und für sich leider nicht besonders glücklich bin“
Thomas Hermanns in der Warmup-Show zum ESC am 16. Mai 2026 in der ARD
Das Lied wäre retro, ohne es sein zu wollen, fügte Hermanns hinzu und spricht mir damit aus der Seele. Ich frage mich, warum niemand von den Verantwortlichen schon vor dem Vorentscheid erkannte, dass ein solcher Song leider sehr austauschbar ist. Hinzu kam eine Performance, die sich leider zu sehr an der Musicalrolle der Satine in Moulin Rouge orientierte, die Sarah Engel im Musical Dome in Köln verkörpert. Nackte Haut und Windmaschine als Ersatz für einen guten Song? Es hat nicht funktioniert.
Der Auftritt in Wien – Ein oscarreifes Scheitern
Ein übersteigertes Selbstbewusstsein wurde Sarah Engels schon bei DSDS im Jahre 2011 zugeschrieben. Da war sie 18 Jahre alt. In Wien inszenierte sie sich hollywoodreif in einem flammenden Designerkleid, das einer für den Oscar nominierten Schauspielerin auf dem roten Teppich in Hollywood sehr gut gestanden hätte. Für Wien war es übertrieben, finde ich.
Schon beim Halbfinale, bei dem Sarah Engels außer Konkurrenz auftrat, zeichnete sich in meinen Augen ab, dass das Lied überhaupt keine Chance hat. Sarah Engels leistete sich einen stimmlichen Wackler und konnte gegen die laute Musik zeitweise gar nicht ansingen. Das klappte im Finale etwas besser.
Im Finale hatte Deutschland den Startplatz Nummer Zwei. Engels konkurrierte mit Acts, die im Gedächtnis blieben. Als Startplatz Vier angekündigt wurde, werden viele Zuschauer den Song bereits vergessen haben.
Es kam, wie es die Buchmacher und viele kritische Stimmen vorausgesehen hatten: Deutschland landete mit mageren zwölf Punkten auf dem 23. Platz und wurde Drittletzter.
Mir ist das Ranking ganz egal
Ich hab von Anfang an gesagt, das Ranking ist für mich komplett egal.“
Sarah Engels auf Instagram
Ist es gerechtfertigt, dass eine Künstlerin zum ESC fährt, die sich für das Abschneiden ihres Auftritts und damit auch ihres Landes überhaupt nicht interessiert? Mich persönlich hat das befremdet. Sollte man als Künstlerin, die ihr Land in einem internationalen Wettbewerb vertritt, nicht doch ein wenig Ehrgeiz mitbringen? Welche Meinung hast du dazu? Schreib es gern in die Kommentare.
Nach der Niederlage, die von den Buchmachern und den Kritikern erwartet wurde, stellte sie sich am Abend den Fragen eines Reporters, der während der ESC-Aftershow mit Barbara Schöneberger und Thomas Hermanns live aus Wien berichtete.
Ich hatte so viel Spaß und ich bin so happy, dass ich es genießen konnte. Wir hätten nichts anders machen können an diesem Abend. Alles andere entscheiden die Sterne oder wer auch immer. Ich bleibe positiv, wie ich bin.
Wie hart ist dieser Moment, wenn da nicht so viele Punkte kommen?
Du, ich hatte einiges zu tun, ich hatte eine Tüte voller Süßigkeiten, ich hatte nichts gegessen, ich hab richtig reingehauen.
Sarah Engels in einer ersten Stellungnahme nach dem ESC-Finale in Wien am 16. Mai 2026
Wir saßen vor dem Fernseher und sahen uns etwas irritiert an. Was war denn das für eine Reaktion? Hat Sarah Engels überhaupt nicht wahrgenommen, dass sie von den Zuschauern nicht einen einzigen Punkt bekam, weil sie sich in ihrem Süßwarenkorb vergraben hatte?
Wäre ein wenig Demut angebracht?
Ein wenig Demut und Einsicht hätte Sarah Engels besser zu Gesicht gestanden, als ein erneuter Schub an überbordendem Selbstbewusstsein. Interessant wäre die Antwort auf die Frage gewesen, warum es von den Zuschauern „Zero Points“ gab.
Doch bevor der Reporter die Frage stellen konnte, war die Acteurin mit einem Luftkuss verschwunden. Vorher hatte sie gesagt, dass sie sich jetzt umziehen müsse, weil sie in dem Kostüm nicht auf die Toilette gehen konnte. Der Reporter blieb etwas sprachlos zurück.
Dass es auch anders geht, zeigte Cosmo, ein junger österreichischer Musiker, der für sein Heimatland antrat und hinter Sarah Engels auf dem 24. Platz landete.
Ich bin nicht enttäuscht … Wir haben sechs Punkte … das sind sechs sehr wertvolle Punkte. Vielen lieben Dank.
Der österreichische Teilnehmer Cosmo nach dem ESC-Finale am 16. Mai 2026 in Wien
Etwas später gab Engels im Bademantel ein weiteres Interview. Auch da war sie voll des Eigenlobes. Es wäre schön gewesen, auf dieser großen Bühne zu stehen. Ihre Familie wäre stolz auf sie und sie wollte später ihren Enkeln davon erzählen.
Business at Usual
Noch in der Nacht folgten Postings auf dem Instagram-Kanal der Influencerin, die 1,8 Millionen Follower hat. Dort postete sie Eindrücke von der Show und betonte noch einmal, dass es ihr nicht um die Platzierung ginge.
Ein Empfang in Deutschland blieb aus. Auffallend war auch, dass die Medien entweder positiv oder gar nicht berichteten. Wollten sie künftige Künstler nicht verschrecken? Sarah Engels hat den ESC abgehakt. Sie steht erneut im Musical Dome in Köln als „Satine“ vor der Kamera und rührt für ihre Auftritte fleißig die Werbetrommel.
Bitte sendet nur noch Berufsmusiker zum ESC
Mir drängt sich der Eindruck auf, dass es ihr nie um die Musik ging und auch nicht um den Sieg oder um eine gute Platzierung. Es ging um Aufmerksamkeit, Klicks und Follower. Wir täten gut daran, in den folgenden Jahren einen Musiker zum ESC zu senden und nicht eine Influencerin, die einen ganz anderen Fokus hat.
Der ESC 2026 schlug hohe Wellen. Jetzt ist er Geschichte. Ich hoffe, dass wir den Beitrag und die Persona Sarah Engels mit etwas Abstand kritischer sehen und im nächsten Jahr einen Act nach Sofia senden, dem das Ranking nicht völlig egal ist.
Dara, die Gewinnerin von 2026, ist in Bulgarien ein Superstar. Sie schreibt ihre Songs selbst, hat eine Gesangsausbildung und viel Bühnenerfahrung. Dazu performte sie einen Song mit vielen Facetten. Das reichte aus, um sowohl die Jurys als auch die Zuschauer zu begeistern.
Haben wir einen solchen Künstler oder eine solche Künstlerin? Mir fällt niemand ein. Doch ein wenig mehr Siegeswillen und etwas weniger Selbstbewusstsein sind vielleicht eine Mischung, die im nächsten Jahr zu einer höheren Platzierung führen könnte.
ESC abschaffen? Nein!
Die eingangs erwähnte politische Grundsatzdebatte kochte nach der schlechten Platzierung von Sarah Engels beim ESC 2026 wieder hoch. Deutschland gehört neben Spanien, Irland, Großbritannien, Frankreich und Italien zu den „Big Five“. Es sind die Länder in Europa, die die größten Rundfunkanstalten und damit auch die höchste Reichweite haben. Deshalb zahlen sie laut Verteilungsschlüssel der European Broadcasting Union den höchsten Beitrag. In 2026 waren es für Deutschland etwa 620.000 EUR.
Im Gegenzug sind die Länder immer im Finale dabei. Sie müssen sich nicht qualifizieren. Dies ist ein herber Kritikpunkt, der unterschiedlich interpretiert wird.
- Deutschland gibt für diese Veranstaltung zu viel Geld, obwohl wie nie gewinnen.
- Wenn sich Deutschland qualifizieren müsste, würden schlechte Acts im Halbfinale herausfallen und wir sparen uns die Schmach, ganz hinten zu landen.
- Deutschland soll aus der Veranstaltung komplett aussteigen. Das Geld kann gespart werden, wir brauchen kein Event, bei dem wir nur verlieren.
Ich schaue den ESC seit über 50 Jahren und kann kein System erkennen, nach dem Länder, die viel Geld zahlen, immer verlieren, oder Staaten, die durch Krieg belastet sind nur gewinnen. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs in 2022 gewann die Ukraine einmal im gleichen Jahr. 2023 siegte die Schweiz, 2024 Schweden und 2025 Österreich. Bulgarien ist der Sieger in diesem Jahr. Ich erkenne darin keine Gesetzmäßigkeit, die Länder, die es aufgrund ihrer politischen Lage schwer haben, bevorzugen würde.
Deutschland kann gewinnen – mit dem passenden Act
Ich bin überzeugt, dass Deutschland auch in den 2020er-Jahren noch einen Sieg holen könnte. Wir brauchen nur den passenden Act. Das wird keine Nicole mit weißer Gitarre sein und keine Lena, die frisch und fröhlich auf der Bühne in eigenwilligem Englisch performt. Es muss ein Künstler sein, der für das Format brennt. Und ein Song, der sofort ins Ohr geht. Sparen wir uns nackte Haut, lange Extensions und eine mittelmäßige Stimme. Gehen wir aufs Ganze. Dann haben wir Erfolg.
Warum sind wir immer beleidigt?
Anstatt nach einem solchen Act zu suchen, sparen wir uns die Kritik an der Künstlerin, geben zu Protokoll, dass wir nichts falsch gemacht haben und beweinen unser Ansehen in Europa. Niemand kann uns leiden, alle wollen nur unser Geld.
Wenn es wirklich so wäre, dass uns niemand leiden kann, sollten wir einmal darüber nachdenken, warum das so ist. Was das Geld betrifft, zahlen wir das, was der Schlüssel ausrechnet. Und beleidigt immer so weiter zu machen, wird uns nicht zum dritten Sieg verhelfen.
Ich freue mich auf den ESC 2027 in Sofia
Ich möchte auch 2027 einen ESC sehen und freue mich heute schon auf die Show in Sofia. Das Land hat eine eindrucksvolle kulturelle Tradition. Dara kündigte bereits an, dass ihre Heimat diese Tradition der Welt nahebringen möchte. Von Deutschland wünsche ich mir, dass die Verantwortlichen die Show analysieren und den Schlüssel zum Erfolg finden. Vielleicht sind öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und ein in die Jahre gekommener Stefan Raab nicht der richtige Weg?
Hätte man Apache und Udo Lindenberg mit „Komet“ zum ESC geschickt, hätte das begeistert. Da bin ich mir ganz sicher. Starten wir neu, in 2027, anstatt die beleidigte Leberwurst zu spielen. Und lernen wir aus dem Jahr mit Sarah Engels, dass der ESC keine Bühne für eine Influencerin ist, die Sofakonzerte gibt.

ISSN 3053-674X
TS 2026-25





