Liebe CDU, so fühlen sich Eure Reformen an

Liebe CDU, so fühlen sich Eure Reformen an

Wir schreiben das Jahr 2026. Sachsen-Anhalt hat gewählt. Die Stimmen der AfD haben sich im Vergleich zur letzten Wahl verdoppelt. Einen Tag später gesteht Bundeskanzler Merz in einer Pressekonferenz ein, dass er die Bürger nicht erreichen kann. Ich habe die Pressekonferenz verfolgt und dachte mir, dass ich dem Bundeskanzler doch einmal eine E-Mail schreiben könnte, in dem ich ihm erkläre, warum ich mich von ihm unerreicht fühle. Diese würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht lesen. Deshalb schreibe ich meine Gedanken an dieser Stelle nieder. Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, haben Sie im Entferntesten eine Vorstellung davon, was die Ideen von Kommissionen und Wirtschaftsweisen für den Bürger in Ostdeutschland – und anderswo – bedeuten? Ich bin Ü50, mein Mann ebenfalls. Möchten Sie uns zuhören?

⏱ Etwa 18 Minuten Lesezeit

Eine Frau schaut auf den Magdeburger Dom und sorgt sich angesichts der geplanten Reformen, dargestellt auf Briefen, um ihre Zukunft.
Die Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt stand stellvertretend für den Trend in Deutschland, die AfD durch einen hohen Stimmenzuwachs zum Wahlsieger zu machen. Nicht Rechtextremismus, sondern die Sorgen um die Zukunft treiben viele Bürger von den Volksparteien weg.

Warum wir die CDU nicht mehr wählen können

Wir waren Mitte 20, als wir nach der Wende das erste Mal in ein Wahllokal gingen. Das war im Herbst 1994. Ich war mit unserem dritten Kind schwanger. Wir hatten einige Tage zuvor die Schlüssel für unser neues Reihenhaus bekommen. Das finanzierten wir mit einem Förderkredit des Landes Brandenburg und einem Eigenkapitalanteil aus dem Erbe meines Vaters. Er war sehr früh verstorben.

Im Flur stand unser Campingfernseher auf dem Boden. Das Display war kaum größer als ein Smartphone, das Bild schwarz-weiß. Wir wollten um 18 Uhr die erste Hochrechnung sehen. Die CDU lag deutlich vorn. Das freute uns. Helmut Kohl hatten wir als Ostdeutsche viel zu verdanken. Gemeinsam mit der CSU gewann er die Wahl mit 41,4 Prozent. Er regierte mit der FDP, Klaus Kinkel war sein Vizekanzler und Außenminister.

Heute wissen wir, dass es seine letzte Amtsperiode war. Vier Jahre später gewann die SPD die Wahl. Gerhard Schröder regierte mit den Grünen bis zum Jahre 2005. Dann begann die Amtszeit von Angela Merkel. Und mit ihr, so empfinden wir es, endete die Zeit, in der es uns als Familie finanziell wirklich gut ging.

Das klassische Familienmodell

Für den Osten war es ungewöhnlich, aber wir lebten eine Version des klassischen Familienmodells. Da mein Mann im Schichtdienst arbeitete, verdiente ich mit kleinen Jobs und in freiberuflicher Tätigkeit etwas dazu. Wir wollten nicht, dass unsere Kinder einen Schlüssel um den Hals tragen mussten, wenn sie aus der Schule nach Hause kamen. Die Kosten für unser Haus waren niedrig, wir konnten von dem Gehalt meines Mannes gut leben.

Unsere Kinder wurden älter, ich intensivierte meine freiberufliche Tätigkeit. Nun verdienten wir doppelt und konnten uns mit unserem Wohnwagen schöne Urlaube leisten. Wir gingen oft essen, ins Kino und wir unternahmen viel. So hätte es weitergehen können. Doch unser Traumurlaub in Frejus an der Côte d’Azur war aus heutiger Sicht das Ende eines Lebensabschnitts, auf den wir mit viel Wehmut zurückblicken.

Die Sache mit dem Deutschunterricht

Unser jüngster Sohn hat ein Handicap. Er wurde in den 2010er-Jahren im Rahmen der Inklusion an einer Regelschule unterrichtet. Wir erstritten beim Schulamt eine Wochenstunde mit der Förderlehrerin, in der unser Sohn eine Einzelbetreuung bekam. Bei der Einschulungsuntersuchung wurde uns gesagt, dass während seiner ganzen Schulzeit eine Begleitung stattfände. Das wäre schön gewesen!

Nach sechs Wochen wurde die Einzelbetreuung gestrichen. Die Deutschlehrerin war schwanger und bekam ein Beschäftigungsverbot. Von der Direktorin erfuhren wir, dass die Neuvergabe der Stelle wegen des Beschäftigungsverbots nicht möglich wäre. Die Förderlehrerin, in Deutsch ausgebildet, musste vertreten. Für die Betreuung der Förderkinder gäbe es in dieser Zeit keine Kapazitäten.

Ihre persönlichen Probleme stehen nicht zur Debatte

Am Abend schaute ich die Nachrichten. Der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich von der CSU begrüßte auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen die ersten syrischen Flüchtlinge, die vor dem Bürgerkrieg geflohen waren. Vor den wartenden Journalisten sagte er, dass die Kinder ab dem nächsten Montag individuellen Deutschunterricht bekämen.

Ich klappte meinen Rechner auf, suchte die E-Mail-Adresse des Innenministeriums und fragte nach, warum die Ressourcen für den individuellen Unterricht meines Sohnes und anderen Kindern mit Förderbedarf nicht vorhanden wären, obwohl es Kapazitäten für den Deutschunterricht von Kindern gibt, die zu und kommen. Das Land Brandenburg hatte in den Jahren zuvor Förderschulen geschlossen, wir hatten keine Alternative zur Regelschule.

Nach drei Wochen bekam ich tatsächlich eine Antwort. Nicht von Herrn Friedrich, sondern von einem Staatssekretär. Er wies mich zurecht, dass meine persönlichen Probleme nicht zur Debatte stünden. Es war das erste Mal nach der Wende, dass ich das Vertrauen in die Politik verlor.

Selbstverständlich sollten die syrischen Kinder unterstützt werden. Doch warum gab es für unsere Kinder keine Ressourcen? Das habe ich nicht verstanden.

Corona und die Kriege

Nach unserem persönlichen Traumurlaub in Südfrankreich begann die Corona-Pandemie mit all ihren Einschränkungen. Ministerpräsident Woidke unterstützte besonders „strenge“ Maßnahmen. Wir fuhren nach Niedersachsen zum Einkaufen und hatten keine Erklärung dafür, warum das in Brandenburg nicht möglich war.

Mit dem Ukraine-Krieg endete die Zeit der günstigen Lebensmittel und der niedrigen Wohnkosten. Unser Abschlag für Erdgas war mit rund 60 EUR im Monat über Jahre hinweg stabil geblieben. Wir hatten den Keller und das Dachgeschoss unseres Reihenhauses ausgebaut, damit jedes unserer vier Kinder ein eigenes Zimmer hatte. Somit beheizten wir 150 qm Wohnfläche und 30 qm Keller auf vier Etagen.

Heute leben wir zu Dritt in dem Haus, unsere Kinder sind erwachsen, nur der Jüngste wohnt noch bei uns. Unser monatlicher Gasabschlag beträgt derzeit 150 EUR. Berichten zufolge haben wir vor dem kommenden Winter halbleere Gasspeicher.

Es gibt den Konflikt zwischen den USA und dem Iran mit der Blockade der so wichtigen Straße von Hormus. Das Erdgas verteuerte sich nach dem Beginn des Ukraine-Krieges erneut, obwohl wir es angeblich gar nicht aus dem Nahen Osten beziehen. Nun müssen wir uns auf einen weiteren Kostenanstieg von bis zu 40 Prozent einstellen. Wirtschaftsministerin Reiche sieht keinen Grund für eine Regulierung.

Die Veränderung der Arbeitswelt durch die KI

Wenn ich heute lese, dass die KI die Arbeitswelt in Deutschland verändern könnte, ringe ich mir ein müdes Lächeln ab. Ich habe fünfzehn Jahre als SEO-Autorin gearbeitet. Textoscript war meine Agentur, über die ich die Aufträge abwickelte. Dann kam der November 2022. OpenAI veröffentlichte ChatGPT. Binnen eines Vierteljahres verlor ich 80 Prozent meiner Aufträge.

Bis dahin gab es etwa 20.000 bis 30.000 Kollegen aus meiner Branche, die sich neu orientieren mussten. Während alle Medien regelmäßig berichten, wenn irgendwo ein Betrieb schließt und 800 Menschen ihren Job verlieren, gab es über uns Texter und Autoren keine einzige Meldung.

Ich habe mich mit Mitte 50 insofern neu orientiert, dass ich gemeinsam mit meinem Mann die Arbeit an den Projekten beschloss, von denen du eins gerade liest. Neben Textoschript schreibe ich einen Reise- und Kulturblog und einen Autorenblog. Weitere Ideen sind im Aufbau. In meinem Alter und ohne klassische Berufserfahrung wollte ich mich dem Arbeitsmarkt nicht mehr anbieten.

Chronische Erkrankungen und Arbeitslosigkeit

Wie tausende andere Menschen in Deutschland, muss ich aufgrund einer chronischen Erkrankung regelmäßig Medikamente nehmen. Und meinen Anteil dafür bezahlen, auch in der Zeit, in der ich selbst gar kein Geld verdient habe. Mein Mann musste ganz selbstverständlich für mich aufkommen.

Schockiert hat uns eine Arbeitslosigkeit im Bekanntenkreis. Der Betroffene wurde zu Unrecht fristlos gekündigt und hatte vorher fast 40 Jahre versicherungspflichtig gearbeitet. Obwohl von Anfang an klar war, dass diese Kündigung vor einem Gericht kein Bestand haben kann, bekam die Familie über einen Zeitraum von mehr als zwei Monaten keinen einzigen Cent. Eine fristlose Kündigung ist Schuld des Gekündigten, bis das Gericht etwas anderes feststellt. So argumentiert die Arbeitsagentur. Bis zum ersten Termin kann es dauern, denn Gerichte sind überlastet. Ein „Gütetermin“ binnen sechs Wochen ist keine Regel mehr.

In der Summe bleibt festzustellen, dass sich unser Leben seit unserem Urlaub an der Côte d’Azur im Juli 2019 massiv verändert hat. Die Kaufkraft des Verdienstes, den mein Mann erwirtschaftet, ist stark gesunken, weil die Lebenshaltungskosten massiv angestiegen sind. Gleiches gilt für die Energie, das Erdgas und den Kraftstoff. Wir haben Glück und können das Deutschlandticket nutzen. Doch aus 49 EUR wurden in nichtmal drei Jahren 63 EUR. Für 2027 ist der nächste Preissprung bereits angekündigt. Im Gespräch sind eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke und die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Und das ist immer noch nicht alles.

Eine kleine Zusammenfassung

Mehr als dreißig Jahre sind vergangen, seit wir auf unserem kleinen Kofferfernseher die Wahlergebnisse verfolgt und uns über den Sieg von Helmut Kohl gefreut hatten. Zwischen damals und heute liegen sieben Jahre unter Gerhard Schröder, sechszehn Jahre Kanzlerin Merkel und die Ampel, von der wir persönlich gar nicht überzeugt waren. Kanzler Merz regiert seit anderthalb Jahren.

Wir dachten wirklich, es könnte nicht schlimmer werden. Die CDU haben wir seit 2015 nicht mehr gewählt, uns aber trotzdem gefreut, dass Olaf Scholz keine weitere Amtszeit bekam. Doch dann hielt die neue große Koalition für uns Überraschungen bereit, mit denen wir in diesem Ausmaß nicht gerechnet hatten. Und das, nachdem wir gemeinsam mit Millionen weiteren Haushalten jeden Tag die steigenden Kosten tragen müssen.

Dazu gehören:

  • Lebensmittel
  • Energie
  • Erdgas
  • Kraftstoff
  • Gastronomie

Wer zur Miete wohnt, kämpft zusätzlich regelmäßigen Erhöhungen. Wir müssen uns um unsere Heizung kümmern. Unser Eigenheim war als Altersvorsorge gedacht. Nun kann es sein, dass wir mit unserer Gasheizung nicht alt werden dürfen und ungeplant hohe Kosten für eine Alternative investieren müssen.

Es geht noch weiter: Die Regierung Merz plant Reformen, die uns wirklich mitten ins Gesicht treffen, wenn ich das mal so höflich ausdrücken darf. Und wieder sind nicht nur wir betroffen: Wer zwischen 1968 und 1973 geboren wurde und früh mit der Berufstätigkeit begonnen hat, könnte eine böse Überraschung erleben.

Lieber Herr Bundeskanzler Merz,

Sie haben in der Pressekonferenz, der Sie sich nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 stellten, folgenden Satz gesagt:

Unser Land braucht grundlegende Reformen. Das muss man nicht nur erklären, sondern auch emotional besser vermitteln.

Friedrich Merz am 7. September 2026 in der Bundespressekonferenz nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

In unserem privaten Haushalt gibt es nur eine Erwerbsbiografie. Ich habe nicht in die Rentenversicherung eingezahlt. Gleichwohl werde ich dem Staat nicht auf der Tasche liegen, da ich durch mietfreies Wohnen im Eigenheim, Tantiemen und, so mein Mann früh gehen müsste, durch eine Witwenrente abgesichert wäre.

Aufgrund einer chronischen Erkrankung benötige ich viermal im Jahr Medikamente. Mein Mann hat mit 17 Jahren eine Lehre begonnen und würde im Alter von 62 Jahren die Grenze von 45 Arbeitsjahren für besonders langjährige Versicherte erreichen. Seit vielen Jahren hat er neben seinem Hauptjob einen Minijob, den er aus Interesse ausübt. Abhängig von meinen Einkünften bin ich zeitweise über meinen Mann familienversichert.

Die Reformen und Vorschläge der Regierung Merz

Die Ideen von Kommissionen und Wirtschaftsweisen und die bereits beschlossenen Gesetzesänderungen darf ich kurz zusammenfassen:

  • Abschaffung der kostenfreien Familienversicherung für Frauen, die kein Kind unter zwölf Jahren haben und niemanden pflegen (bereits beschlossen)
  • Erhöhung der Zuzahlung für Medikamente um 50 Prozent und Einschränkung der Leistungen bei der Krankenversicherung (bereits beschlossen)
  • Abschaffung der Abgabenbefreiung für Minijobs (Vorschlag der Rentenkommission)
  • Abschaffung des vorzeitigen Renteneintritts für langjährig Beschäftigte, genannt „Rente mit 63“ (Vorschlag der Rentenkommission)
  • Erhöhung des Renteneintrittsalters für Jahrgänge ab 1964 (Vorschlag der Rentenkommission)
  • Höhere Rentenbeiträge zur Finanzierung einer Kapitalrente von bis zu einem Prozent vom Bruttoeinkommen (Vorschlag der Rentenkommission)
  • Abschaffung der Witwenrente bei Umwandlung in eine Rentensplitting (Vorschlag von Wirtschaftsweisen)
  • Abschaffung der Mütterrente, weil sie ein Steuergeschenk wäre, das sich die Regierung nicht leisten kann (Vorschlag von Wirtschaftsweisen)

Diese Reformen würden unseren Haushalt allesamt betreffen. Mit Blick auf unsere Kinder kämen zwei weitere Vorschläge hinzu:

  • Kürzungen beim Unterhaltsvorschuss
  • Kürzungen beim Elterngeld

Und es ginge noch weiter. Arbeitnehmer sollen am ersten Tag eine Krankschreibung beibringen, länger arbeiten und es soll möglich werden, Arbeitsverträge für den Zeitraum von bis zu vier Jahren zu befristen.

Darf ich Ihnen, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, vorrechnen, was das für unseren Haushalt bedeuten würde?

Die Rechnung eines Durchschnittshaushalts

Wir sind ein Haushalt mit Durchschnittseinkommen. Mein Mann ist Arbeitnehmer, ich verdiene unterschiedlich und nehme die kostenlose Familienversicherung dann in Anspruch, wenn ich unter den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen bleibe. Mein Mann hat einen Arbeitsweg von 40 Kilometern einfache Strecke, die er mangels ÖPNV und Schichtarbeit mit dem Auto zurücklegen muss.

Ich habe vier Kinder bekommen und erhalte voraussichtlich eine Mütterrente von 480 EUR brutto im Monat. Für die Beitragszeiten, die ich vor der Geburt meiner Kinder gesammelt habe, kommen noch einmal 300 EUR hinzu. Somit hätte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit Anspruch auf eine große Witwenrente, sollte mein Mann früh gehen müssen. Die mögliche Zahlung von Tantiemen für meine Autorentätigkeit lasse ich außen vor.

Nun stehen uns massive Kürzungen bevor. Der Einkommensverlust durch Ihre Reformen und die hohen Kosten für Energie und Kraftstoff setzt sich wie folgt zusammen. Die Werte habe ich auf ganze Zahlen auf- oder abgerundet. Sie betreffen einen Kalendermonat.

  • Familienversicherung: 110 EUR
  • Kapitalrente: 45 EUR (ab 2030)
  • Minijob: 240 EUR (bei voller Abgabenpflicht in Steuerklasse III)
  • Fahrtkosten: 65 EUR (Dieselfahrzeug, Preiserhöhung pro Liter von 1,75 EUR auf 2,40 EUR)
  • Medikamente: 100 EUR (Mehrkosten bei 50 % Erhöhung)

Sollten alle Vorschläge im Bundestag und Bundesrat beschlossen werden, ergäbe sich für uns rein rechnerisch eine monatliche Zusatzbelastung von 560 EUR. Bei einem durchschnittlichen Nettoeinkommen von 3.300 EUR im Hauptjob (bundesweiter Durchschnittsverdienst in Steuerklasse III) und dem Minijob von bislang 600 EUR monatlich ergibt sich ein Einkommensverlust von etwa 14,7 Prozent.

Für Sie, verehrter Herr Bundeskanzler, sind 560 EUR vermutlich nicht viel Geld. Sie antworteten auf die Frage, ob Sie Millionär seien, einmal mit dem Satz, dass Sie jedenfalls nicht darunter lägen. Ihr Einkommen als Bundeskanzler übersteigt das eines deutschen Durchschnittshaushalts um mehr als das Zehnfache. Hinzu kommen steuerfreie Vergünstigungen, die dem Bürger nicht zugedacht werden.

Für uns und einige hunderttausend Familien in unserer Altersgruppe, geboren zwischen 1968 und 1973, und mit unseren Erwerbsbiografien, ist das ein enormer Betrag.

Längere Lebensarbeitszeit und Kürzung der Renten

Fassen wir zusammen, was sonst noch so geplant ist: Für meinen Mann würde die Abschaffung der „Rente mit 63“, die für ihn eine Rente mit 65 Jahren wäre, bedeuten, dass er zweieinhalb Jahre länger arbeiten oder eine Rentenkürzung von bis zu 14,7 Prozent in Kauf nehmen müsste. Denn analog zur Streichung des früheren Renteneintritts für langjährig Versicherte müsste er aufgrund seines Geburtsjahres bis zum Alter von 67,5 Jahren arbeiten. Ein vorzeitiger Renteneintritt mit Abschlägen wäre erst ab dem 64. Geburtstag möglich.

Die Kapitalrente, für die er ab 2028 zwangsweise Beiträge entrichten müsste, greift Berechnungen zur Folge erst ab 2050. Da wären wir beide im neunten Lebensjahrzehnt. Ob wir das noch erleben, ist fraglich.

Wird die Mütterrente wieder abgeschafft, bleiben mir 300 EUR monatliche Bruttorente. Ich weiß, dass ich nicht eingezahlt habe, und erwarte auch nichts. Aber sind 120 EUR Bruttorente für die Erziehung eines Kindes, das später den Generationenvertrag bedienen wird, wirklich zu viel? Die Niederlande zahlen jedem Staatsbürger eine Grundrente von etwa 1.250 EUR. Aber das bemerke ich nur nebenbei.

Die Witwenrente kann weg, weil Frauen heute für sich selbst sorgen können, sagen Wirtschaftsweise, die in der Regel nie wertschöpfend gearbeitet haben und ihr üppiges Gehalt vom Steuerzahler beziehen.

Man kann diese Rente streichen, wenn man das den Frauen rechtzeitig sagt. Denn selbst wenn ich morgen einen Job fände und bis zu meinem Renteneintritt mit 68 Jahren Durchschnitt verdienen würde, wächst mein Rentenkonto nur um 40 EUR brutto pro Arbeitsjahr. Denn mehr bekommt man nicht, wenn man 9.000 EUR Beiträge pro Monat einzahlt.

Das Rentensplitting würde einer massiven Rentenkürzung gleichkommen. Mein Mann überträgt mir die Hälfte seiner Rentenpunkte. Dann versterbe ich. Die Rentenpunkte, für er mehr 51 arbeiten musste, nehme ich mit ins Jenseits.

All diese Maßnahmen möchten Sie, sehr verehrter Herr Merz, uns als „Reform für die Zukunft unserer Kinder“ verkaufen.

Die Zukunft unserer Kinder?

Aus der bereits erwähnten Pressekonferenz stammt ein zweites Zitat von Ihnen:

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Zukunft unseres Landes und die Chancen unserer Kinder und Enkelkinder.

Friedrich Merz am 7. September 2026 in der Bundespressekonferenz nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Ich habe vier Kinder und fünf Enkel. Und ich fasse mich kurz:

Die Zukunft unserer Kinder und Enkel retten Sie nicht, indem Sie Oma und Opa länger arbeiten lassen, ihnen die Renten kürzen und für die Mütter Unterhaltsvorschuss und Elterngeld reduzieren.

Sie sichern diese Zukunft nicht, indem sie unserem Nachwuchs ein Sondervermögen von einer Billion Euro zur Abzahlung aufbrummen und von ihnen verlangen, dass sie länger arbeiten, nicht mehr krank sind und ihre Kinder in die Ganztagsbetreuung geben, damit die Mütter dem Staat im Alter nicht auf der Tasche liegen. Den ungerechten Generationenvertrag, der kinderlose Frauen bevorzugt und die „Erzeuger und Betreuer“ der künftigen Rentenzahler in die Altersarmut schickt, benenne ich nur am Rande.

Sie haben mit Ihrem Zitat recht: Das Land braucht grundlegende Reformen. Aber doch bitte nicht zu Lasten derjenigen, die alle Kosten schultern und dafür sorgen, dass es in Deutschland überhaupt eine junge Generation gibt.

Uns müssen Sie diese Reformen weder erklären noch emotional vermitteln. Wir wollen sie nicht. Und darum ist die CDU für uns nicht mehr wählbar!

Mit herzlichen Grüßen

Eine Bürgerin aus Ostdeutschland

Keine Diskussion!

Am gleichen Tag, dem 7. September 2026, gaben die SPD-Chefs Bärbel Bas (Arbeitsministerin) und Lars Klingbeil (Finanzminister und Vize-Kanzler) auf einer eigenen Pressekonferenz zu Protokoll, dass die Abschaffung der „Rente mit 63“ so nicht kommen solle und das sie mit der Bundesregierung reden würden, an welchen Stellen Veränderungen notwendig wären. Und wie reagierte der Kanzler darauf?

Es wird keine Diskussionen über die Aufweichung der Reformen geben.

Bundeskanzler Friedrich Merz am 7. September 2026 bei einer Fraktionssitzung am Abend.

Der am frühen Nachmittag sichtlich geknickte und einsichtig wirkende Kanzler hatte die Wahl der von ihm als „Wutbürger“ titulierten Sachsen-Anhalter offenbar schnell vergessen und ging zur Tagesordnung über. Er stellte klar, wer das Sagen hat. Nur leben wir in einer parlamentarischen Demokratie und nicht in einer Merz-Diktatur. Der Ausgang des Streits wird sicher nicht nur von mir mit Spannung erwartet.

Kein Jammern, sondern nüchterne Tatsachen

Uns geht es nach wie vor gut. Wir sind auch mit einer Urlaubsreise nach Holland zufrieden, können unsere Rechnungen zahlen und möchten uns gegen die Schublade des Jammer-Ossis verwehren. Ich habe nur nüchterne Zahlen beschrieben, die viele Haushalte treffen könnten oder ihnen jetzt schon enorm zu schaffen machen. Hätten wir heute noch vier Kinder, würde unser Budget mit einem Durchschnittsgehalt und meinem Zuverdienst sehr knapp sein.

Wir lebten von 2.300 DM

Das ist für mich ein Punkt, den ich zur Diskussion stellen möchte: In den 1990er-Jahren lebten wir zu Fünft von 2.300 Mark im Monat. Umgerechnet wären das 1.175 EUR, doch aufgrund der gesunkenen Kaufkraft des Euro ist das nicht mehr vergleichbar. Einmal im Jahr fuhren wir in den Campingurlaub. Wir hatten niedrige Energiekosten. Lebensmittel und Kraftstoff waren günstig.

Heute reicht ein Durchschnittseinkommen von etwa 50.000 EUR brutto im Jahr für zwei Personen gerade so aus. Viele Haushalte, gerade in Ostdeutschland, erzielen dieses Einkommen gar nicht.

Kraftstoff und Mietkosten

Die Grünen forderten in den 1990er-Jahren einen Preis von fünf Mark für einen Liter Kraftstoff. Das war damals utopische Polemik, die viele belächelten. Benzin kostete etwa 1,30 DM pro Liter.

Heute ist ein Preis von „fünf Mark“ Realität für alle Menschen, die arbeiten müssen und keine Möglichkeit haben, sich um 11.45 Uhr an der Tanke anzustellen, bevor die Preise um 30 Cent auf 2,50 EUR in die Höhe schießen. Die einmalige Preiserhöhung um zwölf Uhr war eine tolle Idee der Politik, um die Spritkosten auf einem hohen Niveau zu halten. In Polen ist der Liter um bis zu 60 Cent günstiger.

Wenn wir die ortsübliche Miete für unser Reihenhaus zahlen müssten, hätten wir uns längst nach einem neuen Zuhause umgesehen. Wie viele Menschen im mittleren Lebensalter, hatten wir beim Kauf unseres Eigentums noch Glück. Unser Sohn, verheiratet, Vater von zwei Kindern und Hauptverdiener, weil die Mama mit dem zweiten Kind in Elternzeit ist, hat keine Chance auf die Finanzierung eines Eigenheims im Speckgürtel von Berlin. Dabei erwirtschaftet auch er nicht etwa Mindestlohn, sondern den Durchschnittsverdienst.

Reformen statt Kürzungen

Die Bundesregierung plant empfindliche Einschnitte für Arbeitnehmer bei einer weiteren Erhöhung der Sozialabgaben. Sie verkauft es dem Bürger als Reformen. Tatsächlich sind es Kürzungen von sozialen Errungenschaften, für die Gewerkschaften und Arbeitnehmer Jahrzehnte gekämpft hatten. Die beitragsfreie Familienversicherung gab es seit den 1950er-Jahren.

Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt von 6. September 2026 zeigt, dass sich die Menschen das nicht mehr gefallen lassen möchten. In Ostdeutschland ist der Lebensstandard niedriger. Es gibt Ausnahmen auf beiden Seiten. Doch statistisch ist es so.

Hendrik Wüst, Ministerpräsident von NRW und potenzieller Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2029, forderte an Tag Zwei nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ein Verbot der AfD. Glaubt er gemeinsam mit anderen Befürwortern, dass die Menschen dann wieder brav CDU wählen würden? Die Politik hat immer noch nichts verstanden!

Ein Selfie von meinem Mann, unserem Sohn und mir aus dem Jahre 2019. Wir sind mit unserem Wohnwagen nach Südfrankreich gefahren. Rückblickend war es das Ende eines Lebens, in dem wir soziale und finanzielle Sicherheit hatten.

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TS 2026-33

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