CargoLifter – Als Brandenburg vom Fliegen träumte
Ich sitze in einem bequemen Liegestuhl. Meine Zehen versinken im beigefarbenen Sand. Auf meinem Schoß liegt Röhls Biografie über Wilhelm II. Ein Wasserfall rauscht, es sind 30 Grad, über mir biegen sich schwere Palmenwedel. Mein Blick wandert über die Südsee hinauf zur Decke der riesigen Halle, unter der sich mein tropisches Paradies befindet. Die Halle wurde Ende der 1990er-Jahre als Werft und Produktionsstätte für Luftschiffe gebaut. Die Vision scheiterte, das Unternehmen CargoLifter ging 2002 in Insolvenz. Zwei Jahre später öffnete die Halle ihre Tore für Badegäste und etablierte sich als größtes überdachtes Tropenparadies in Europa. Als Brandenburger verfolgten wir die Berichterstattung aufmerksam und waren gespannt, auf das erste Luftschiff, das in Brandenburg starten sollte. Doch dazu kam es nie. War es eine Vision oder ein Projekt, das nie eine Zukunft hatte? Erfahre, woran Brandenburgs Traum vom Fliegen scheiterte und warum heute Palmen in der Halle wachsen.
⏱ Etwa 20 Minuten Lesezeit

Vom sowjetischen Militärflugplatz zum Luftschiffhafen
Im Jahre 1996 gründete sich in Wiesbaden ein junges Unternehmen mit dem Namen CargoLifter. Die Gründer hatten eine Vision: Luftschiffe könnten schwere Lasten an entlegene Orte transportieren. Von 160 Tonnen war die Rede. Es gelang dem Unternehmen, tausende Aktionäre von dem Projekt zu begeistern. Mit den Geldmitteln erwarb CargoLifter 1998 ein Grundstück im Brandenburger Landkreis Dahme-Spreewald. Es handelte sich um den ehemaligen Militärflugplatz Briesen-Brand, im Volksmund auch „Little Prypjat“ genannt: So hieß die sowjetische Garnison, die dort stationiert war.
Das Areal wurde schon vorher als Flugplatz genutzt. Auf dem Gelände errichtete die Wehrmacht im Jahre 1938 einen Fliegerhorst. Dieser diente der Ausbildung von Piloten und war sehr einfach gestaltet. Der Start und die Landung erfolgten auf einem unebenen, mit Gras bewachsenen Gelände. Nach dem Krieg bauten die Sowjets das Gelände zu einem Flughafen aus.
Der Flughafen ist heute ein Lost Place
Beim Besuch des Tropical Islands siehst du von dem ehemaligen Flughafen nichts. Die Gebäude befinden sich ein bis zwei Kilometer Luftlinie entfernt in einem Waldgebiet. Die militärische Nutzung des Flughafens durch die sowjetischen Streitkräfte endete im Jahre 1992.
Heute ist der Teil des Areals verfallen und darf nicht betreten werden. Wie sicher sich der Zustand der Gebäude heute darstellt, ist nicht bekannt.
Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte erwarb die Bundesrepublik Deutschland das Gelände. Sie verkaufte es 1998 an CargoLifter. Ein ehemaliger Militärflugplatz sollte zur neuen Heimat der Luftschiffe werden.
Das Unternehmen nutzte einige der Gebäude und richtete unter anderem ein Besucherzentrum ein. Zwischen 1999 und 2000 wurde die gigantische Halle gebaut. Das Land Brandenburg steuerte 32 Millionen Euro Fördermittel hinzu.
Eine Vision erobert das Land Brandenburg
Wir fanden die Berichterstattung über CargoLifter spannend. Es war eine Aufbruchstimmung im ersten Jahrzehnt nach der Wende. Überall wurde gebaut und modernisiert. Dass unser Bundesland zur Heimat der neuen geplanten Riesenluftschiffe werden sollte, hat uns fasziniert.
Damals dachten wir nicht darüber nach, dass das Projekt scheitern könnte. Eher konnten wir es gar nicht erwarten, die Luftschiffe am Himmel schweben zu sehen. Nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch die Politik war von der Idee begeistert. Arbeitsplätze sollten geschaffen werden, was für Brandenburg sehr wichtig war. Viele Betriebe waren nach der Wende verschwunden. Wenn das erste Luftschiff startete, würde das weltweit für Schlagzeilen sorgen.
Finanzmittel vom Staat und von Aktionären
Die Finanzierung des Projekts erfolgte durch die Aktionäre und durch öffentliche Fördermittel. Im Verlauf der Jahre standen Mittel von mehr als 300 Millionen D-Mark zur Verfügung. Viele Aktionäre waren beim Spatenstich im Mai 1998 dabei. Nach zwei Jahren Bauzeit ragte die freitragende Halle weit sichtbar in den Himmel. Sie sollte als Werft und Produktionsstätte dienen. Von dem geplanten Luftschiff Typ CL-160 passten zwei Modelle in die Halle.
Neben dem Land Brandenburg förderte der Bund das Projekt mit Krediten und Zuschüssen. Im Mai 2000 ging CargoLifter an die Börse. Durch die intensive Berichterstattung und einen Besuch des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder erhielt das Vorhaben bundesweite Bekanntheit. Doch diese rief auch Kritiker auf den Plan. Medien wie die Financial Times und der Spiegel berichteten mehrfach über die Entwicklung des Luftschiffes. Der Luftfahrtjournalist Heiko Teegen zweifelte die Machbarkeit an. Und tatsächlich kam das Projekt nicht wirklich voran.
Luftschiff CL-160: War das Projekt machbar?
Das Luftschiff CL-160 sollte Lasten von bis zu 160 Tonnen über eine Strecke von bis zu 10.000 Kilometern transportieren. Es verstand sich als Ergänzung zu Schiene, Schifffahrt und Luftfracht. Der große Vorteil lag nach Ansicht der Visionäre darin, dass Luftschiffe keinen klassischen Flughafen benötigen und faktisch überall landen können. So sollte es möglich sein, schwere Güter an Orte zu transportieren, die keine gute Infrastruktur haben. Im Gespräch waren Windkraftanlagen und Turbinen.
Es gab die Idee und eine Halle. Doch die Kritiker zweifelten zunehmend an der Machbarkeit der Vision von CargoLifter. Die Last wäre zu hoch angesetzt, die Flugfähigkeit nicht gesichert und die Wirtschaftlichkeit stünde infrage. Hinzu kamen Fragen rund um die Wetterempfindlichkeit des Flugobjekts und die technische Umsetzung, die bis zuletzt nicht bis ins Detail ausgearbeitet war.
Die Zweifel summierten sich
CargoLifter hatte Aktionäre, den Bund und das Land Brandenburg von seiner Vision überzeugt. Es stand viel Geld zur Verfügung, um die Idee des Transports schwerer Lasten mit einem Luftschiff in die Realität umzusetzen. Doch nach der Jahrtausendwende stagnierte das Projekt.
Während die Investoren auf die Fertigstellung eines Prototypen warteten, tüftelten die Macher an den Einzelheiten. In der Folge summierten sich die Zweifel. Würde das Konzept jemals tragfähig sein?
Nach und nach häuften sich die Fragen. War die Vision technisch überhaupt machbar? Werden Unternehmen wirklich ein Luftschiff nutzen wollen oder setzen sie doch auf die bewährten Transportwege? Kann ein Luftschiff Lasten günstiger von A nach B bewegen?
Bis zum Beginn des Jahres 2002 gelang es CargoLifter nicht, fertige Baupläne vorzulegen. Die Konstruktion der Details war nicht abgeschlossen. Das Geld wurde knapp, Termine nicht eingehalten. Hunderte Millionen Euro fehlten, um das Projekt zur Marktreife zu bringen. Neue Investoren fanden sich nicht.
Im Juni 2002 meldete CargoLifter Insolvenz an. Die Tochtergesellschaften folgten. 500 Beschäftigte erhielten kein Geld mehr. Das Projekt war gescheitert.
Was wurde aus den Investitionen?
CargoLifter hinterließ eine tragische finanzielle Bilanz. Die Aktionäre gingen ebenso leer aus wie die Investitionsbank des Landes Brandenburg, die Kredite bereitgestellt hatte. Das Land Brandenburg bekam magere zwei Millionen Euro aus dem Verkauf der Halle.
Das Insolvenzverfahren der Cargo Lifter AG endete 2023. Das Unternehmen wurde 2024 aus dem Handelsregister gelöscht. Die Aktien waren wertlos, viele Anleger hatten ihr Erspartes verloren.
Vision oder Fake?
Diese Frage stand nach der Insolvenz im Raum. Heute weiß man, dass CargoLifter tatsächlich ein Luftschiff bauen wollte. Die Vision hätte durchaus Wirklichkeit werden können. Diese Einschätzung teilen auch zahlreiche Experten.
Im Volksmund war nach der Insolvenz von einem „Fake“ die Rede. Im ersten Jahrzehnt nach der Wende waren die Folgen der Teilung noch sehr deutlich spürbar. Ein westdeutsches Unternehmen hatte den Osten abgezockt und Fördergelder eingestrichen, ohne jemals den Bau eines Luftschiffes geplant zu haben. Diese Aussage hörte man oft. Doch sie stimmte nicht.
Eine Reihe von Gründen führte zum Scheitern der Vision, mit der sich CargoLifter gegründet hatte. Die Verantwortlichen kauften ein Grundstück und ließen eine Halle errichten, bevor ein tragfähiges Konzept für den Bau des Luftschiffes vorlag. Es gelang bis zum Schluss nicht, die Idee in ein Projekt umzuwandeln, das mit einer sicheren Konstruktion auf dem Markt Bestand haben konnte.
Grundsätzlich ist es möglich, dass ein Luftschiff schwere Lasten tragen kann. Doch es war noch sehr viel Entwicklungsarbeit notwendig. Die Zeit wurde knapp, das Geld reichte nicht aus. Dass CargoLifter niemals die Absicht hatte, das CL-160 zu bauen, konnte nie bewiesen werden.
Das Projekt ist zu früh gestartet
CargoLifter startete sein Projekt zu früh. Vor dem Kauf des Grundstücks und dem Bau der Halle hätten die Pläne vorliegen und von Experten freigegeben werden müssen. Erst wenn das technische Konzept steht, kann die Planung für die Umsetzung beginnen. Die Visionäre sind den umgekehrten Weg gegangen und schufen eine Werkshalle, ohne einen Bauplan zu haben. Das konnte nicht funktionieren.
Die Entwicklungen für das Luftschiff CL-160 sind in der Schublade verschwunden. Es ist absolut unwahrscheinlich, dass es sich eines Tages über Deutschland erheben wird. Und so müssen wir bei nächtlichen Fahrten auf der Autobahn mit etwas Glück weiterhin einem Schwerlasttransport folgen, weil wir ihn nicht überholen dürfen. Tagsüber blockieren meterlange Hänger mit den Windradflügeln die raren Parkplätze für LKWs und Gespanne. Das haben wir auf unseren Fahrten mit dem Wohnwagen durch Europa oft gesehen.
Was wurde aus CargoLifter?
Im Jahre 2005 gründeten ehemalige Verantwortliche mit der CL CargoLifter GmbH & Co. KGaA eine neue Firma. Ein kleiner Teil der Aktionäre investierte nochmals. Das Unternehmen arbeitet bis heute an der Leichter-als-Luft-Theorie, die Ballons zum Transport von Lasten oder zur Rettung von Menschen aus Katastrophengebieten einsetzen will. Erste Tests waren erfolgreich.
Der Name CargoLifter wurde ganz bewusst gewählt, um an die Vision anzuknüpfen. Es handelt sich aber um ein eigenständiges Unternehmen. Somit lebt die Idee in einer kleineren Variante weiter.
Tropical Islands: Wochenendspaß und Mahnmal des Scheiterns
Wir sind gern im Tropical Islands und haben dort immer schöne Stunden verbracht. Dass sich die Halle in ein kleines Tropenparadies verwandelte, anstatt abgerissen zu werden, ist das positive Erbe von CargoLifter.
Auf der anderen Seite stecken in der Halle Verluste in dreistelliger Millionenhöhe. Zehntausende Anleger haben ihr Erspartes verloren. Das Land Brandenburg investierte in eine Vision, die letztlich keinen wirtschaftlichen Aufschwung brachte.
Wenn wir unsere Zehen im Südseesand vergraben, stellen wir uns manchmal vor, wie die Halle geöffnet wird. Ein Luftschiff verlässt sie nach der Wartung. Es steigt in den Brandenburger Himmel auf und begeistert die Schaulustigen, die es zufällig erblicken. Später wird es den Flügel eines Windrades aufnehmen und an seinen Bestimmungsort transportieren. Die Autobahnen und Raststätten werden entlastet.
Für uns ist Tropical Islands nicht nur Wochenendspaß, sondern auch ein Mahnmal des Scheiterns. Visionen sind gut und wichtig. Deutschland hat viel zu wenige davon. Doch wenn der Traum in einer Insolvenz mit Millionenverlust endet, ist das nicht richtig.
Hätte es vermieden werden können? Ich sage „ja“. Experten sollten gehört werden, bevor eine überdimensionale Halle in ein weitläufiges Gelände gesetzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Visionäre von morgen aus der Geschichte der CargoLifter AG lernen.


ISSN 3053-674X
TS 2025-50


