Lügen über meine Mutter
„Lügen über meine Mutter“ ist die Verfilmung eines Romans von Daniela Dröscher, der im Jahre 2022 erschienen ist. Im Mittelpunkt der Handlung steht Ela, Hausfrau und Mutter, die sich vor ihrem Ehemann aufgrund ihres Gewichts rechtfertigen muss. Sie bekommt ein zweites Kind, nimmt nach der Geburt zu und wird diskriminiert. Die Kritiken zu dem Film waren nicht sehr gut. Die Handlung des Romans soll nicht optimal umgesetzt sein, die Thematik würde zu sehr auf das Gewicht reduziert werden. Wir kennen das Buch nicht und sind ohne Vorwissen und somit unvoreingenommen in den Film gegangen. Uns hat er gefallen und sehr nachdenklich zurückgelassen.
Lügen über meine Mutter: Das Wichtigste in Kürze
- Kinostart: 08.10.2026
- Drama, Komödie: FSK 12
- Dauer: 106 Minuten
- Hauptdarsteller: Rosalie Thomass, Golo Euler, Elise Lindner
- Regisseur: Aaron Lehman
- Deutschland, TOBIS Film
Drei Facts zum Film
- Einblick in das Familienleben der 1980er-Jahre.
- Rosalie Thomass verkörpert die Rolle sehr authentisch.
- Die Handlung basiert auf einer Romanvorlage, steht aber für sich: Du musst den Roman nicht zwingend kennen.
Sehenswert?
Wir sind in der DDR aufgewachsen, das Rollenbild der Frau war dort ein anderes. Für uns war der Film ein interessanter Einblick in eine Welt, die wir nicht kennen. Es ist ein Film mit einem gewissen Anspruch, der nicht ausschließlich unterhalten möchte. Wir fanden ihn sehenswert.
Einblick in das Leben einer Familie in den 1980er-Jahren in der BRD
Ela ist sieben Jahre alt und gerade zur Schule gekommen. Sie lebt mit ihrer Mutter Cornelia und dem Vater Werner in einer Kleinstadt, irgendwann in den 1980er-Jahren in der BRD. Das Mädchen erzählt die Handlung aus einer kindlichen Perspektive. Schnell wird klar: Sie liebt ihre Mutter sehr und versteht trotz ihres kindlichen Alters, dass der Vater ungerecht ist. Dieser kennt keine Zurückhaltung, wenn er sich in Gegenwart der Tochter über das Gewicht der Tochter beschwert.
Cornelia füllt ihre Rolle als Hausfrau und Mutter geradezu stoisch aus. Sie kocht, putzt, kümmert sich um die Tochter, schläft mit ihrem Mann. Gern würde sie arbeiten. Da Ela nun zur Schule geht, sucht sie ihre alte Firma auf und bekommt einen Posten als Chefsekretärin angeboten. Eine bessere Stellung, als vor ihrer Mutterschaft. Doch die Nacht mit ihrem Mann hat Folgen. Cornelia bekommt ein zweites Kind. Arbeiten gehen ist erst einmal kein Thema mehr.
Die Rolle des Ehemannes
Werner ist in seinem Job nicht besonders erfolgreich. Er wartet auf eine Beförderung, die er nicht bekommt, und spricht über weitere Probleme in seinem Betrieb. Einen Schuldigen für seine Situation hat er gefunden: Es ist seine Ehefrau Cornelia, die aufgrund ihres Gewichts „nicht vorzeigbar“ wäre. Er äußert sich dahingehend, dass es ihm gar nicht gelingen könnte, eine bessere Stellung zu bekommen, solange seine Frau nicht abnimmt. Das verlangt er von ihr, indem er eine Waage kauft und beim Wiegen daneben steht. Das Gewicht dokumentiert er in einem Heft.
Er verlangt Diäten, die Cornelia auch bereitwillig durchführt. Doch sie bringen keinen Erfolg. Nach einer Nacht mit ihrem Mann, in der es zum Sex kommt, wird sie schwanger. In der Szene wird deutlich, wie sehr sich Werner am Gewicht seiner Frau stört. Cornelia scheint zu genießen. Die Schwangerschaft wirft sie in ihrer Lebensplanung und in dem Wunsch, wieder arbeiten zu gehen, zurück. Zumal sich Werner nicht über den Nachwuchs freut.
Werner ist ein Patriarch, der seine Frau kontrolliert und unterdrückt. Es ist kaum zu verstehen, dass sie sich das gefallen lässt. Ihr Widerstand ist schwach. Sie wirft die Zeitungen mit den Diäten in den Papierkorb und stellt ihren Körper in einfacher Kleidung auf einer Feier zur Schau, die ihr Mann allein besucht. Er tanzt mit einer schlanken Frau, sie tanzt allein.
Ein rückständiges Frauenbild
Der Film vermittelt ein Frauenbild, das absolut rückständig ist. Zumindest haben wir das so empfunden. In der DDR war es selbstverständlich, dass die Frau arbeiten ging. Es gab keine Arbeitspflicht, sie konnte auch zu Hause bleiben. Und so gab es sicher auch bei uns Frauen, die Cornelias Rolle ausfüllten. Doch die Norm war das nicht. Ob die Männer der Hausfrauen in der DDR so patriarchisch waren, kann ich nicht beurteilen. In meinem Umfeld war es nicht so. Es herrschte Gleichberechtigung, auch in den so genannten Hausfrauen-Ehen.
Es hat mich entsetzt, wie ungehindert Werner seine Frau kritisiert und für sein eigenes Versagen verantwortlich macht. Cornelia ist eine gepflegte, sehr attraktive Frau, die ihren Kindern Liebe schenkt und ihre Rolle in der Familie perfekt ausfüllt. Ihr Gewicht liegt über der Norm. Und es erhöht sich nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Werner möchte die Frau, die er aufgrund ihres Äußeren ablehnt, im Bett gern haben. Als sich ihr Körper nach der Geburt des Kindes verändert, wird er noch ungerechter. Dabei ist das Kind doch die Folge der gemeinsamen Nacht!
Dieses rückständige Frauenbild hat in der BRD tatsächlich existiert. Bis zum Jahre 1977 mussten Frauen ihren Ehemann fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Es gibt Bücher aus den 1950er-Jahren, von denen ich anfangs nicht glaubte, dass deren Existenz wirklich real ist. Darin standen Anleitungen, wie die Frau ihrem Ehemann das Leben schön machen kann. So sollte sie ihm die Pantoffeln und die Zeitung bringen und darauf achten, dass er sich nach getaner Arbeit gebührend ausruhen kann.
Werner versagt – Cornelia hat Schuld
Über die Arbeit von Werner erfährt der Zuschauer nicht sehr viel. Er spricht darüber, dass es längst überfällig wäre, ihm eine bessere Position zu geben. Doch stattdessen gibt es immer wieder Ärger, ein anderer Job und ein höheres Gehalt sind nicht in Sicht. Doch Werner reflektiert sich keinesfalls selbst. Er sitzt zu Hause am Tisch und demütigt seine Frau. Wenn sie endlich abnehmen würde, dann wäre ihm die bessere Position sicher.
Als ein wenig klischeehaft habe ich die Mutter von Werner empfunden, die selbstverständlich mit auf dem Grundstück lebt. Cornelia ist für sie ein Mensch zweiter Klasse. Sie ist nicht nur zu dick, sondern hat überhaupt keine Vorzüge. Ebenso wie von Werner, muss sich Cornelia auch von ihrer Schwiegermutter beleidigen lassen.
Ein Magenband soll helfen
Werner lässt nicht locker. In seinem Frust über die Situation an seiner Arbeitsstelle stellt er seine Frau Cornelia in den Mittelpunkt des Angriffs. Nahezu alle Diskussionen drehen sich um ihr Gewicht. Schließlich willigt sie ein, sich von einem Arzt helfen zu lassen. Die Kilos sollen durch ein Magenband purzeln. Es funktioniert. Zum 40. Geburtstag von Werner präsentiert sich Cornelia in einem figurbetonten Kleid. Sie hat sichtbar abgenommen.
Parallel dazu darf sie mit einer Erbschaft rechnen. Sie erfüllt ihrem Ehemann den Traum von einem Haus mit Pool. Sie selbst entzieht sich durch den Umzug der Schwiegermutter. Die Schlussszene des knapp zwei Stunden spielenden Films ist sehr prägnant und überraschend. Cornelia hat an Stärke und Selbstbewusstsein gewonnen.
Tochter Ela erzählt den Film
Der Filmtitel „Die Lügen meiner Mutter“ bezieht sich auf die Tochter Ela. Sie bildet den Mittelpunkt der Handlung und erzählt die Rolle ihrer Eltern innerhalb der Beziehung aus einer kindlichen Perspektive. Dabei ist sie in meinen Augen für eine Siebenjährige sehr weit entwickelt. Doch Kinder, die jeden Tag sehen, wie Konflikte ausgetragen werden, können das mitunter besser reflektieren, als wir Erwachsenen es glauben.
Ela wird von Elise Lindner gespielt. Das Mädchen ist bislang noch nicht als Schauspielerin in einer Hauptrolle in Erscheinung getreten. Sie spielt die Ela überzeugend. Bei derartigen Rollen besteht die Gefahr, dass die Kinder altklug wirken. Doch das ist bei Ela nicht der Fall. Sie beobachtet und wird durch das prägende Verhalten ihres Vaters zwischen die Eltern gedrängt. Ela muss sich damit auseinandersetzen, das der Vater ihre Mutter permanent abwertet. Sie wird dazu gezwungen, sich zu positionieren. Letztlich ist sie ihrer Mutter eine große Stütze.
Eine interessante Dramaturgie
Rosalie Thomass spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern sie hat aus der Buchvorlage von Daniela Dröscher das Drehbuch entwickelt. Darin schreibt sie Tochter Ela immer wieder erklärende Dialoge zu. Die Kleine ist selbst ein Mädchen und bekommt früh mit, dass der Vater ihre Mutter aufgrund ihrer Figur abwertet. Dies könnte für eine Tochter traumatische Folgen haben. Doch Ela bleibt Beobachterin. Sie denkt nicht, wie es andere Mädchen vielleicht tun würden, über ihr eigenes Essverhalten nach. Sondern kommentiert das Verhalten des Vaters, als würde sie von außen zusehen und gar nicht selbst ein Mittelpunkt der Handlung sein. Ich fand diese Umsetzung wirklich interessant.
Ein unterhaltsamer Kinoabend
Trotz dieser im Grunde schwierigen Problematik ist der Film „Lügen über meine Mutter“ kein ernstes Drama. Es gibt viele Szenen, die in das Genre der Komödie abgleiten. Vor allem das Spiel von Mutter und Tochter hat eine lockere Dynamik, vor allem dann, wenn der Vater nicht zu Hause ist. Im Verlauf der Handlung wachsen beide zusammen. Die Mutter zieht Mut aus den Worten ihrer Tochter und gewinnt an Selbstbewusstsein. Beide haben Spaß miteinander. Ihrer jüngeren Tochter ist Cornelia eine sehr gute Mutter.
Es erwartet dich ein unterhaltsamer Kinoabend. an dem du nicht nur nachdenkliche Szenen siehst, sondern der dir Spaß und Ablenkung bringt. Wenn du die Möglichkeit hast, schau dir den Film im Kino an oder warte ein wenig, bis er im Stream oder als digitale Version zum Kauf verfügbar ist. Alternativ kannst du ihn bei verschiedenen Anbietern zum einmaligen Anschauen ausleihen.
Fazit: „Lügen über meine Mutter“ – ein überholtes Rollenbild
Ich habe den Film gemeinsam mit meinem Mann angeschaut. Das Rollenbild, das offenbar in der BRD gelebt wurde, hat uns irritiert. Wir kannten Westdeutschland nur aus dem Fernsehen und aus der Werbung. Wir waren Kinder, später Teenager. Es war für uns ein unerreichbares Paradies, das wir überwiegend mit Konsum in Verbindung brachten. BRAVO, Kassetten, Konzerte der Lieblingsbands und tolle Klamotten. Über das Leben der Menschen in der BRD wussten wir wenig. Wir hatten Verwandte, die im Westen lebten. Sie hatten die DDR vor dem Bau der Mauer verlassen. Meine Tanten waren alle berufstätig.
Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es kein Ost und West. Wie kommt es, dass sich die Biografien der Frauen nach 40 Jahren Teilung derart unterscheiden? Da es sich um einen autofiktionalen Roman handeln soll, der biografische Elemente erhält, ist davon auszugehen, dass die Unterdrückung der Frau und die Schuldumkehr des erfolglosen Mannes im wahren Leben passiert sind. Dass dies möglich wäre, hat uns sehr nachdenklich gemacht. Genau genommen bröckelt die Fassade, die uns vom „Leben im Westen“ vermittelt wurde.
Der Film als interessantes Zeitdokument
Für uns ist der Film ein interessantes Zeitdokument, das unsere Vorstellung vom Leben in der BRD zurechtgerückt hat. Wir fanden das Spiel von Mutter und Tochter eindrucksvoll. Dass der Vater unsympathisch ist und negative Gefühle auslöst, ist sicherlich gewollt.
Wenn du den etwas anspruchsvolleren Film, gepaart mit witzigen Elementen und einem überraschenden Ende magst, dann ist „Die Lügen meiner Mutter“ für dich eine echte Empfehlung. Dies gilt insbesondere für Kinogänger, die nicht in der BRD der 1980er-Jahre gelebt haben. Sei es, weil sie zu jung waren oder in der DDR aufwuchsen.
Das Spiel von Rosalie Thomass ist absolut genial. Wir kannten die Schauspielerin noch nicht und würden gern mehr von ihr sehen. Unser Fazit: Diesen Film solltest du nicht verpassen!


ISSN 3053-674X
TS 2026-30


