Wie die Volksparteien ihr Volk verloren

Wie die Volksparteien ihr Volk verloren

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wechseln sich die großen Volksparteien CDU/CSU und SPD mit der Regierungsverantwortung auf Bundesebene ab. In den ersten zwanzig Jahren stellte die CDU den Bundeskanzler. Willy Brandt übernahm im Jahre 1969 als erster Regierungschef der SPD. Bis heute regierten sechs Kanzler von der CDU und vier von der SPD. Konrad Adenauer schaffte im Jahre 1957 das einzige Mal eine absolute Mehrheit bei den Wählerstimmen. Der kleine Koalitionspartner war über Jahrzehnte die FDP. Heute ist die Partei im Bundestag nicht mehr vertreten und die AfD hat in Umfragen die absolute Mehrheit. Wann haben die Volksparteien ihr Volk verloren? Der Versuch einer Analyse.

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Eine kleine Geschichte der deutschen Regierungsparteien

CDU und SPD sind Volksparteien, die seit 1949 auf Bundesebene konsequent Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich verzeichnen. Dabei werden die CDU und die bayerische CSU seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland in einem gemeinsamen Ergebnis gewertet. Doch was ist eine Volkspartei überhaupt?

In der Politikwissenschaft ist der Begriff der Volkspartei nicht eindeutig definiert. Die Bezeichnung stammt aus dem Kaiserreich. Liberale Parteien gaben sich diesen Namen. So gab es im Kaiserreich eine Freisinnige Volkspartei und eine Fortschrittliche Volkspartei.

In der jüngeren Geschichte ist der Begriff nicht einheitlich definiert. Er steht lediglich für eine sehr große Partei. CDU und SPD unterscheiden sich in der Ausrichtung der Politik und in ihrem Gründungsjahr.

Die SPD ist die älteste deutsche Partei im Bundestag. Sie wurde 1863 als ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein) gegründet und trägt seit 1890 ihren heutigen Namen. CDU/CSU und SPD gelten als die großen Volksparteien in Deutschland.

Die CDU beschreibt sich als eine überkonfessionelle Sammlungspartei, die seit ihrer Gründung im Jahre 1945 ganz bewusst nicht nur eine bestimmte gesellschaftliche oder religiöse Gruppe vertreten hat.

Zehn Bundeskanzler regierten das Land

Von Konrad Adenauer bis Friedrich Merz regierten bislang zehn Bundeskanzler das Land. Sechs stellte die CDU, vier die SPD. Konrad Adenauer war der einzige Kanzler, der in einer Bundestagswahl eine absolute Mehrheit erreichen konnte. Das war im Jahre 1957. Dennoch bezog er die FDP und der Deutschen Partei (DP) weiter in die Regierungsarbeit ein.

Friedrich Merz führt seit 2025 eine knappe Regierung mit nur elf Stimmen Mehrheit. In der Geschichte der Bundesrepublik war er der erste Kanzlerkandidat, der im ersten Wahlgang nicht genug Stimmen bekam. Aufgrund der starken Opposition, angeführt von der AfD, regiert er mit nur elf Mandaten Mehrheit.

Bis zur Legislatur von Kanzler Gerhard Schröder im Jahre 1998 war die FDP immer an der Regierung beteiligt. Im Jahre 2013 flog sie erstmals aus dem Bundestag. In der aktuellen Regierungsperiode ist sie nicht im Parlament vertreten.

Große Koalitionen gab es unter Bundeskanzler Kiesinger, unter Kanzlerin Merkel und aktuell unter Friedrich Merz. Aufgrund der unterschiedlichen Ausrichtung der Parteiprogramme von CDU und SPD sind diese Regierungsbündnisse nicht unumstritten.

Die Regierungsbündnisse seit der Gründung der Bundesrepublik im Überblick:

1949–1953 Konrad Adenauer (CDU)  ·  CDU/CSU + FDP + DP
1953–1957 Konrad Adenauer (CDU)  ·  CDU/CSU + FDP + DP + GB/BHE
1957–1961 Konrad Adenauer (CDU)  ·  CDU/CSU + FDP + DP
1961–1963 Konrad Adenauer (CDU)  ·  CDU/CSU + FDP
1963–1966 Ludwig Erhard (CDU)  ·  CDU/CSU + FDP
1966–1969 Kurt Georg Kiesinger (CDU)  ·  CDU/CSU + SPD
1969–1974 Willy Brandt (SPD)  ·  SPD + FDP
1974–1982 Helmut Schmidt (SPD)  ·  SPD + FDP
1982–1998 Helmut Kohl (CDU)  ·  CDU/CSU + FDP
1998–2005 Gerhard Schröder (SPD)  ·  SPD + Grüne
2005–2009 Angela Merkel (CDU)  ·  CDU/CSU + SPD
2009–2013 Angela Merkel (CDU)  ·  CDU/CSU + FDP
2013–2021 Angela Merkel (CDU)  ·  CDU/CSU + SPD
2021–2025 Olaf Scholz (SPD)  ·  SPD + Grüne + FDP
seit 2025 Friedrich Merz (CDU)  ·  CDU/CSU + SPD

Nicht jede Parteienkombination passte zusammen

Stabile Regierungen bildeten sich aus der Kombination CDU/CSU und FDP sowie aus der SPD und den Grünen, weil diese Parteien in ihren Programmen und der Ausrichtung größere Schnittmengen haben. Die Ampel unter Olaf Scholz löste sich vor dem Ende der Legislatur auf, weil die FDP die Regerungsbeteiligung aufgrund von Unstimmigkeiten aufkündigte. Danach rutschte sie unter die Fünf-Prozent-Hürde. Der Vorsitzende Christian Lindner zog sich in der Folge aus der aktiven Politik zurück.

CDU und SPD dominieren die Politik über Jahrzehnte

In den ersten Jahren der Bundesrepublik waren neben CDU/CSU, SPD und FDP noch kleinere Parteien wie die Deutsche Partei (DP) und der GB/BHE an Regierungen beteiligt. Bei der GB/BHE handelt es sich um den Gesamtdeutschen Block/Bund der Heimatvertriebenen. Es waren konservative Parteien, von denen viele Wähler zur CDU wechselten.

Erst in den 1980er-Jahren konnte mit den „Grünen“ eine neue Partei die Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Nach der Wende kam die PDS hinzu, die sich als Nachfolgepartei der ostdeutschen SED gründete und später in „Die Linke“ umbenannte.

2013 gründete sich die AfD. Sie sitzt seit 2017 im Bundestag und liegt seit April 2026 bei Umfragen zur Bundestagswahl vorn. Seit 2024 gibt es das BSW, das sich nach der Linken-Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht benannte. Das Bündnis konnte im Gründungsjahr bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen auf Anhieb zweistellige Ergebnisse zwischen 11,8 und 15,8 % erzielen. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 verpasste es den Einzug in den Bundestag nur knapp.

Mehr als 70 Jahre dominierten CDU und SPS die Bundespolitik. Doch seit den 2020er-Jahren bahnen sich Veränderungen an. Kleinere Parteien sorgen für Verschiebungen der Mehrheiten oder erschweren die Bildung von Koalitionen. Dies gilt vor allem für die Grünen, die bereits an zwei Regierungen beteiligt waren, und für die AfD.

Gründung und Aufstieg der Partei „Die Grünen“

Die Partei „Die Grünen“ gründete sich im Januar 1980 in Karlsruhe. Sie entstand aus verschiedenen Gruppierungen und Bürgerinitiativen, die sich in den 1970er-Jahren unter anderem für den Schutz der Umwelt, für die Friedensbewegung und gegen die Atomkraft einsetzten. Es dauerte einige Zeit, bis sich aus dieser Mischung unterschiedlicher Interessen eine regierungsfähige Partei entwickelte.

Die Grünen als Regierungspartei

Seit 1983 sitzen die Grünen mit einer Unterbrechung in der Legislatur von 1990 bis 1994 im Bundestag. 1993 schlossen sie sich mit dem ostdeutschen „Bündnis 90“ zusammen und nennen sich seitdem die „Bündnis-Grünen“. Im Bundestag haben sie sich seitdem mit einer konstanten Prozentzahl deutlich über der Fünfprozenthürde etabliert. Ihr bestes Ergebnis erzielten sie im Jahre 2021 mit knapp 15 Prozent. Sie wurden Teil der Ampel-Regierung unter Olaf Scholz.

Ergebnis der „Grünen“ bei den Bundestagswahlen seit der Gründung im Jahre 1980:

Bundestagswahl Grüne
1980 1,5 %
1983 5,6 %
1987 8,3 %
1990* 3,8 %
1994 7,3 %
1998 6,7 %
2002 8,6 %
2005 8,1 %
2009 10,7 %
2013 8,4 %
2017 8,9 %
2021 14,8 %
2025 11,6 %

* 1990 war die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl. Die westdeutschen Grünen traten als GRÜNE an und erreichten 3,8 %. Im Osten trat Bündnis 90/Grüne an und kam auf 1,2 %. 1993 schlossen sich die Grünen und Bündnis 90 zur Partei Bündnis 90/Die Grünen zusammen.

Zwischen 1998 und 2005 regierten die Grünen gemeinsam mit der SPD unter Gerhard Schröder. In diesen Jahren wurden mit der sogenannten „Agenda 2010“ grundlegende Reformen des Sozialsystems beschlossen, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Dazu zählt unter anderem die Grundsicherung, die lange nach ihrem Entwickler Peter Hartz als „Hartz IV“ benannt war.

Gründung und Aufstieg der AfD

Die „Alternative für Deutschland“ wurde im Februar 2013 in Oberursel von Bernd Lucke gegründet. Er ist Professor für VWL, Wachstum und Konjunktur an der Universität Hamburg und bekleidet diese Professur bis heute. Er gründete die AfD mit dem Ziel, gegen den Euro-Rettungsschirm zu protestieren. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel plädierte für die Unterstützung von Griechenland und anderer Staaten der Eurozone. Das Ziel der Partei um Lucke und Mitgründern Frauke Petry war die Abkehr vom Euro und eine Volksabstimmung über den weiteren Verbleib Deutschlands in der EU.

Mehrere Kursänderungen seit der Gründung

Nach einem Richtungsstreit mit dem nationalkonservativen Lager um Frauke Petry trat Lucke 2015 aus seiner Partei aus. Petry wurde 2017 als Parteivorsitzende abgewählt und verließ die AfD ebenfalls. An die Spitze traten Alexander Gauland und Alice Weidel.

Heute hat sich die Partei in ihren Inhalten von dem ursprünglichen Kurs weit entfernt. Sie beschreibt sich auf ihrer offiziellen Webseite als liberal, konservativ und überzeugt demokratisch. Mit ihrer Politik hat sie sich in den letzten fünf Jahren in der Gunst der Wähler etabliert. Seit 2026 liegt sie in den Umfragewerten zur Bundestagswahl deutlich vor den Volksparteien. Da die nächste Wahl turnusmäßig im Jahre 2029 stattfindet, haben diese Umfragen nur einen informellen Charakter.

Abschneiden der AfD bei Bundestagswahlen seit ihrer Gründung:

Jahr AfD Ereignis
2013 4,7 % Gründung der AfD · erster Parteivorsitzender: Bernd Lucke · Bundestagswahl knapp verpasst
2017 12,6 % Erstmals im Deutschen Bundestag
2021 10,3 % Zweiter Bundestagseinzug
2025 20,8 % Zweitstärkste Kraft bei der Bundestagswahl
2026* 27,6 % Aktueller Umfragewert

* 2026: aktueller Durchschnitt von acht Bundestagswahl-Umfragen, Stand 5. September 2026. Umfragen sind Momentaufnahmen und kein Wahlergebnis.

Der Verfassungsschutz beobachtet die AfD bundesweit als rechtsextremistischen Verdachtsfall. Mehrere Landesverbände werden von den jeweiligen Landesämtern als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Auf der anderen Seite verzeichnet die AfD immer mehr Zuspruch vonseiten der Wähler.

Rufe nach einer Überprüfung der AfD in Hinblick auf ein mögliches Verbot werden immer wieder laut. Nach der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt sprach NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst einen entsprechenden Vorschlag aus. Andere Stimmen stellen sich dem entgegen: Man müsse Millionen Wähler ernst nehmen und sie nach den Gründen für ihre Wahlentscheidung fragen, anstatt über ein Verbot der Partei zu diskutieren.

Kann eine Landtagswahl den Kanzler stürzen?

Am 6. September hat das kleine Bundesland Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag gewählt. Die Umfragen sagten es voraus und sie behielten recht: Die AfD wurde mit einer Zustimmung von 44,3 Prozent Wahlsieger. Die CDU halbierte ihr Ergebnis im Vergleich zu den Wahlen im Jahre 2021.

Und dann traue ich mir zu, die AfD mit ihren Wählerinnen und Wählern zu halbieren. Das geht.

Friedrich Merz bei einem Auftritt im Jahre 2018. Er kandidierte für den CDU-Parteivorsitz.

Dieser Satz des Bundeskanzlers, acht Jahre vor dem Wahlabend im September 2026 gesprochen, wurde häufig zitiert. Denn die AfD hatte den umgekehrten Weg geschafft: Sie halbierte die Werte der CDU im Vergleich zur Sachsen-Anhalter Landtagswahl im Jahre 2021 und bescherte der einst großen Volkspartei eines Adenauer und Kohl ein historisches schlechtes Wahlergebnis.

Abstrafung der Bundespolitik?

Hatte der Kanzler einen Anteil an dem schlechten Abschneiden der CDU? Diese Frage wurde lebhaft diskutiert. Seine ablehnende Haltung gegenüber der AfD ist deutlich. Er sprach sich immer wieder für die Brandmauer aus und verwies In einer Pressekonferenz am Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt auf das Grundgesetz, an das sich auch Sachsen-Anhalt halten müsse. Zu diesem Zeitpunkt war völlig offen, wie es nach der Wahl weitergeht. Viele Wähler wünschten sich eine Koalition mit der CDU. Doch der Landesvorsitzende und Ministerpräsident Sven Schulze erteilte dieser Idee eine Absage. Die CDU werde in die Opposition gehen und stünde für Konsolidierungsgespräche nicht zur Verfügung.

Auch den Kanzler kümmerte der Wählerwille wenig. Wenige Tage zuvor bezeichnete er die Sachsen-Anhalter mit Hinblick auf die starken Umfragewerte der AfD als „Wutbürger“. Einen Wahlkampfauftritt am Geiseltalsee ließ er mit Scharfschützen abschirmen.

Nach der Wahl wurden mögliche Konsequenzen diskutiert. Auch der Rücktritt des Bundeskanzlers. Doch Friedrich Merz machte klar, dass er sich nicht aus seiner Verantwortung stiehlt. Er wäre für vier Jahre gewählt und würde seine Reformen nun beschleunigen. Dabei waren es unter anderem eben diese Reformen, die bei den Menschen in Sachsen-Anhalt Ängste auslösten und bundesweit lebhaft diskutiert werden.

Die Geburt einer neuen Volkspartei?

Die AfD konnte nicht nur in Sachsen-Anhalt einen enormen Stimmenzuwachs erreichen. Das hatte sie bereits im September 2024 in Sachsen, Brandenburg und Thüringen geschafft. Mit mehr als 32 Prozent wurde sie in Thüringen stärkste Kraft. Regierungsverantwortung übernahm Mario Voigt von der CDU in einer Minderheitsregierung. In den beiden anderen Bundesländern lag die AfD mit knapp 30 Prozent auf dem zweiten Platz. In Mecklenburg-Vorpommern wird Ende September gewählt. Die Umfragen sehen die AfD mit mehr als 35 Prozent ebenfalls vorn. In Berlin belegt sie gemeinsam mit den Grünen den dritten Platz.

Bei diesen Erfolgen stellt sich die Frage, ob die AfD auf dem Weg zu einer neuen Volkspartei ist. Der Politikwissenschaftler Heinz-Rudolf Korte, bekannt aus seinen Einschätzungen an Wahlabenden des ZDF, hat dazu eine eindeutige Meinung:

Die Parteien der Mitte erfahren eine andere Definition. Denn die Mitte hat ja diesmal ganz eindeutig die AfD gewählt. Sie hat aus allen Bevölkerungsgruppen Zulauf bekommen. Der Definition einer Volkspartei nach ist das jetzt eine Volkspartei, die AfD, wenn man solche Wähler hat.

Professor Heinz-Rudolf Korte am 7. September 2026 im heute-journal des ZDF

Wenn wir dieser Einschätzung folgen und davon ausgehen, dass eine Volkspartei in der einfachen Definition eine große Partei ist, stellt sich für mich diese Frage:

Wann haben die Volksparteien CDU/CSU und SPD ihre Wähler verloren? Wie konnte die AfD in Ostdeutschland und in den Umfragen für den Bund so stark werden?

Im Grunde herrscht eine gewisse Einigkeit darüber, dass nicht jeder Wähler der AfD eine rechtsextreme Politik wünscht oder selbst ein Rechtsextremist ist. Eine große Rolle spielt die Unzufriedenheit darüber, wie Deutschland in den letzten zehn Jahren regiert wurde.

Sieben Gründe für den Erfolg der AfD

Es sind verschiedene Gründe, aus denen Wähler ihr Kreuz bei der AfD machen. Sieben wesentliche Meinungen, die aus Umfragen hervorgehen, habe ich einmal zusammengetragen:

  • Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und das Gefühl, von ihnen nicht mehr vertreten zu werden.
  • Migration und Asylpolitik – für manche ist es das das wichtigste Thema überhaupt.
  • Wirtschaftliche Sorgen, steigende Lebenshaltungskosten oder Angst vor sozialem Abstieg.
  • Ablehnung der Klimapolitik und insbesondere von Vorgaben, die als Bevormundung empfunden werden.
  • Protestwahl: Manche wählen die AfD, um den anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen, ohne mit jedem Punkt des AfD-Programms einverstanden zu sein.
  • Misstrauen gegenüber Politik, Medien oder staatlichen Institutionen.
  • Konservative oder national orientierte Vorstellungen, die Wähler bei den anderen Parteien nicht mehr ausreichend vertreten sehen.

Darüber hinaus gibt es natürlich Menschen, die rechtsextreme Einstellungen teilen. Dies darf man nicht komplett ausblenden. Doch es ist nicht der einzige Grund für den Erfolg der AfD in Umfragen und bei den Wahlergebnissen. Im Wesentlichen fühlen sich die Wähler von den Altparteien nicht mehr verstanden oder vertreten.

Abkehr von der Politik der Altparteien

In den letzten Jahren haben sich Wähler von den Altparteien abgekehrt. Darüber hinaus schafft es die AfD, Nichtwähler zu mobilisieren. In der Tat verlangt die Politik der Altparteien von den Menschen sehr viele Einschnitte. Sie betreffen alle Bereiche und greifen tief in das persönliche Leben ein. Dazu zählen Einschnitte bei der Gesundheitsversorgung, der Pflege und der Rente. Nicht alle Ideen sind bislang in Gesetze umgewandelt worden. Doch die Regierung hält trotz weitreichender Proteste an der Umsetzung von Vorschlägen fest, die von Kommissionen erarbeitet worden.

In der Folge wünschen sich immer mehr Menschen eine andere Politik. Inwieweit die AfD die Route wirklich verändern könnte, kann niemand seriös vorhersagen, denn die Partei hatte bislang nirgendwo Regierungsverantwortung. Doch das scheint kein Hindernis zu sein:

Zwischen 2021 und 2025 konnte die AfD ihr Ergebnis verdoppeln. Ein Jahr nach dem Antritt von Friedrich Merz als Bundeskanzler hat sie in Umfragen erstmals bundesweit eine Mehrheit. CDU/CSU und SPD haben massiv an Stimmen verloren.

Bundestagswahl CDU/CSU SPD AfD
2013 41,5 % 25,7 % 4,7 %
2017 32,9 % 20,5 % 12,6 %
2021 24,1 % 25,7 % 10,3 %
2025 28,6 % 16,4 % 20,8 %
2026* 20,6 % 12,7 % 27,6 %

* 2026: aktueller Durchschnitt von acht Bundestagswahl-Umfragen, Stand 5. September 2026. Umfragen sind Momentaufnahmen und kein Wahlergebnis.

Doch warum haben sich die Menschen von den beiden großen Parteien abgewendet? Ich sehe fünf Gründe:

Fünf mögliche Gründe

  • Die Ampel unter Bundeskanzler Olaf Scholz war tief zerstritten und musste vorzeitig aufgeben. Sie war bei den Wählern nicht zuletzt wegen unpopulärer Entscheidungen wie dem Heizungsgesetz von Robert Habeck unbeliebt.
  • Die Kriege zwischen Russland und der Ukraine sowie den USA und dem Irak haben die Kosten für Energie und Kraftstoff massiv in die Höhe getrieben. Das hat die Wirtschaft geschwächt, zu Pleiten und Insolvenzen geführt und das Leben der Bürger deutlich verteuert.
  • Die Reformpläne der großen Koalition unter Friedrich Merz greifen tief in die Lebensplanung der Menschen ein und sorgen für weitere Belastungen, etwa durch Einschränkungen bei der Familienversicherung für Ehepartner und Erhöhung der Kosten für die Gesundheit.
  • Die geplante Rentenreform stößt nicht nur bei den Bürgern, sondern auch bei den Gewerkschaften auf massive Ablehnung. Vor allem die Abschaffung der Rente für besonders langjährige Versicherte und das mögliche Ende der Minijobs werden scharf kritisiert.
  • Friedrich Merz ist als Kanzler lauf Umfragen so unbeliebt wie keiner seiner Vorgänger. Er zeigt wenig Verständnis für die Sorgen der normalen Bürger und wurde für Aussagen kritisiert, dass Menschen nicht genug arbeiten würden und zu häufig krank wären.

In der Folge wünschen sich die Menschen eine andere Politik. Da sie diese durch den Regierungswechsel von der Ampel unter Olaf Scholz zur großen Koalition von Friedrich Merz nicht bekommen haben, sehen viele Wähler in der AfD die einzige Alternative.

Das Zwei-Parteien-System

Für mich stellt es sich so dar, als hätten wir ein Zwei-Parteien-System. Entweder wählt der Bürger die AfD oder er entscheidet sich für einen Verbund der anderen Parteien. In Sachsen-Anhalt müssten sich fünf Parteien zusammenschließen, um dann mit zwei Stimmen Mehrheit regieren zu können. Wahlverlierer und Ministerpräsident Schulze schloss das aus. Ob das im Bund auch so wäre? Und was passiert in der Politik, wenn eine Brandmauer zur Regierungsunfähigkeit führt? In Thüringen trat das BSW aus der Minderheitsregierung aus und stellt sich neu auf. Offenbar ist es schwierig.

Wenn die Sorgen der Menschen keine Rolle mehr spielen

Lange haben die Altparteien die Sorgen der Menschen nicht ernst genommen. Lieber zogen sie eine Brandmauer hoch und, so sagte es der BILD-Kolumnist Harald Martenstein sehr treffend, sorgten dafür, dass Bundesländer keine Regierungen mehr bilden können.

Seit dem Regierungsantritt von Friedrich Merz fällt auf, dass sich die Stimmung ändert. Sie richtet sich stärker gegen die Bundespolitik, während die Ablehnung gegen die AfD kleiner wird. Vielen Menschen bereitet dies Sorge. Sie vergleichen die Entwicklung mit der im Dritten Reich in den 1930er-Jahren.

Meine Großeltern mütterlicherseits haben beide Weltkriege bewusst erlebt. Oma und Opa väterlicherseits waren im Ersten Weltkrieg Kinder, im Zweiten Weltkrieg junge Erwachsene, die Kinder bekamen. Ich weiß aus ihren Erzählungen, dass die Zeit vor knapp einhundert Jahren eine andere war. Und würde mir wünschen, dass sich Menschen, die dieses Gleichnis ziehen, intensiver mit dem Nationalsozialismus beschäftigen.

Lasst die Menschen bitte ausreden!

Ich wünsche mir, dass die Politiker ihre Bürger fragt, was die Sorgen sind. Oder zuhört, wenn sie in den sozialen Netzwerken oder auf politischen Veranstaltungen sagen, was sie stört oder was sie sich wünschen.

Volksparteien sind in meinen Augen nicht nur große Parteien. Sondern sie identifizieren sich mit dem Volk und machen eine Politik für den Bürger. Mittlerweile scheint innerhalb der Parteien ein Umdenken stattzufinden. Denn eine Milliarde Euro, eingeplant für einen Tropenwaldfonds, steht angesichts der angespannten Haushaltslage zur Diskussion.

Es ist für den Bürger, auch für mich, wirklich schwer zu verstehen, warum wir in vielen Bereichen Einschnitte hinnehmen müssen, während die Regierung auf der anderen Seite große Summen für Entwicklungshilfe ausgibt. Das ist nur ein Beispiel. Und es ist ein schwieriges Thema.

Andreas Mattfeldt stellt sich hinter den verständnislosen Bürger und erntet viel Zustimmung. Wäre das der richtige Weg, die Bürger wieder von einer guten Politik zu überzeugen?

Wann die Volksparteien ihr Volk verloren

Ich denke, es gibt auf die Frage keine allgemeingültige Antwort und keinen fixen Zeitpunkt. Es war eine Summe von Entscheidungen, die im letzten Jahrzehnt getroffen wurden. Einige geben dem Bürger das Gefühl, er würde hinter anderen Dingen zurückstehen, obwohl er den Haushalt doch mit seinen Steuern mitfinanziert.

Vielleicht regen die schlechten Wahlergebnisse der etablierten Volksparteien auf der einen und der Aufstieg einer neuen Volkspartei auf der anderen Seite doch den einen oder anderen Politiker zum Nachdenken an.

In einer Woche wählt Mecklenburg-Vorpommern. Die CDU ist in den Umfragen einstellig. Die SPD profitiert von dem unermüdlichen Einsatz der Ministerpräsidentin Schwesig, die sich traut, die Politik ihrer eigenen Partei harsch zu kritisieren. Vielleicht ist das ein guter Anfang, der in die richtige Richtung führt. Und den etablierten Volksparteien Stimmen zurückbringt.

Sollte die SPD aus dem Landtag in McPom fliegen, wird es spannend. Werden wir dann vorzeitig an die bundesdeutsche Wahlurne gerufen? Derzeit liegt die AfD in allen Umfragen vorn. Eine absolute Mehrheit hat sie nicht. Und dann?

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