Geburtenrückgang in Deutschland: Woran liegt es?
Der Geburtenrückgang in Deutschland lässt sich nicht aufhalten: Seit dem Beginn des Jahrzehnts ist die Zahl der Kinder pro Frau weiter gesunken und auf einem historischen Tiefstand der 1990er-Jahre angelangt. Ich bin Mutter von vier erwachsenen Söhnen und liebe es, eine große Familie zu haben. Dennoch kann ich jede Frau verstehen, die sich gegen Kinder entscheidet oder maximal eins bekommen möchte. An unseren Enkelkindern erleben wir mit, wie schwer es Familien heutzutage gemacht wird. Das Leben mit einem Gehalt ist kaum noch möglich. Es gibt keine günstigen Wohnungen, die Kitaplätze sind rar oder teuer und die Inflation sorgt für teure Windeln und Schulsachen. Nun plant die Regierung weitere Einschnitte für Frauen und Familien. Ich blicke zurück, auf unsere Jahre als Eltern, und nenne mögliche Gründe, aus denen sich junge Menschen heute gegen das Kinderkriegen entscheiden.
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Das Wichtigste in Kürze:
- Die Geburtenrate ist mit 1,32 Kindern pro Frau auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren
- Frauen entscheiden schon früh im Leben, keine Kinder zu wollen
- Kinder sind in Deutschland bei vielen Vermietern und Arbeitgebern nicht willkommen
- Frauen, die nicht Vollzeit arbeiten, sind im Alter armutsgefährdet
- Die Politik plant, Entlastungen für Familien abzuschaffen
Warum werden in Deutschland so wenige Kinder geboren?
Die Regierung beklagt seit längerer Zeit einen Geburtenrückgang in Deutschland. Die offiziellen Zahlen bestätigen, dass die Geburtenrate auf einem historischen Tiefstand ist.
Trauriger Tiefstand: Die Geburtenrate ist laut Statistischem Bundesamt auf den tiefsten Wert seit fast 30 Jahren gefallen – auf 1,32 Kinder pro Frau. In beinahe allen Bundesländern wurden 2025 weniger Kinder geboren als im Vorjahr. Im Freistaat liegt die Quote leicht über dem Bundesschnitt.
Bayerische Staatszeitung am 02. Juli 2026
Doch woran liegt das? Es gibt nicht nur einen einzigen Grund, sondern eine Vielzahl von Argumenten, die gegen das Kinderkriegen sprechen. Denn Deutschland ist ein kinderfeindliches Land. Und diesen Begriff wähle ich ganz bewusst.
Kinder bekommen in Deutschland? – Es droht die Altersarmut
Schauen wir uns die Realität einer Durchschnittsfamilie einmal an. Nach der Geburt möchte die Mama zu Hause bleiben. Sie bekommt für drei Jahre Rentenpunkte in Höhe des Durchschnittsverdienstes gutgeschrieben. Das sind derzeit etwa 120 EUR brutto pro Kind. (Stand 2026). Elterngeld gibt es aber nur ein Jahr. Möchte die Mama zwei Jahre zu Hause bleiben, bekommt sie nur noch die Hälfte.
Nach dem dritten Geburtstag des Kindes erwirtschaftet eine Frau keine Rente mehr. Da das Rentenniveau in Deutschland mit 48 Prozent auf dem niedrigsten Stand in Europa ist, kann sie das später nicht mehr aufholen. Es bedeutet, dass sie sich spätestens mit dem dritten Geburtstag eine Arbeit in Vollzeit suchen sollte. Sonst droht die Altersarmut.
Doppelbelastung Vollzeit und Kindererziehung
Wer in Deutschland mit einem durchschnittlichen Verdienst eine gute Rente erarbeiten möchte, benötigt eine lückenlose Erwerbsbiografie. Dies bedeutet, dass lange Pausen für die Kindererziehung nicht möglich sind. Sie sorgen für Lücken, die später nicht wieder aufgefüllt werden können.
Für Eltern bedeutet dies, dass sie die Doppelbelastung zwischen Vollzeitjob und Kindererziehung stemmen müssen. Dies ist in der heutigen Arbeitswelt mit einem hohen Leistungsanspruch nicht mehr so einfach. Zu dem Acht-Stunden-Arbeitstag kommen längere Arbeitswege. In vielen Berufen wird in Wechselschicht gearbeitet.
Nach dem Arbeitstag wartet der Haushalt. Auch wenn sich beide Eltern die Hausarbeit teilen, bleibt wenig Raum, für Freizeitgestaltung oder schöne Momente. Diese werden auf arbeitsfreie Wochenenden oder den Urlaub verschoben.
In der Folge müssen Eltern entscheiden: Doppelbelastung oder Altersarmut? Immer mehr junge Menschen wählen das Berufsleben und bekommen maximal ein Kind.
Vermieter und Arbeitgeber mögen Kinder nicht sehr gern
Das ist nicht persönlich gemeint. Es gibt sicher viele Mütter, Väter und Großeltern, die Wohnungen vermieten, in großen Unternehmen Entscheidungen treffen und ihre eigenen Kinder und Enkel verwöhnen und über alles lieben. Doch mit den Kindern ihrer Mieter und ihrer Arbeitnehmer haben sie ein Problem.
Familien mit mehr als den obligatorischen zwei Kindern haben häufig Probleme, eine Wohnung zu finden. Das gilt auch für Eltern, die verheiratet sind, ihre Kinder gemeinsam erziehen und gut verdienen. Alleinerziehende sind häufig stigmatisiert und haben es noch schwerer.
Kind die Kinder erkrankt, gibt es Kinderkrankentage. Mutter oder Vater können zu Hause bleiben und bekommen Krankengeld. Doch das mögen die Arbeitgeber überhaupt nicht. Deshalb ist die Frage nach Kindern und der Betreuung im Krankheitsfall im Vorstellungsgespräch Standard und oft ein Ausschlusskriterium.
Im Jahre 2004 suchte mein Mann nach einer neuen Arbeit. Unsere Kinder waren zwischen zwei und 16 Jahren alt. Ich studierte und übernahm die Kinderbetreuung im Krankheitsfall. Dennoch sagte eine Personaldame beim Vorstellungsgespräch, dass das Unternehmen „solche Leute“ nicht einstellen werde.
Mein Mann fand einen anderen Job. Derzeit sucht das Unternehmen, das ihn damals ablehnte, händeringend nach Arbeitskräften. Vielleicht möchten sich Arbeitnehmer diese Strukturen nicht mehr antun? Ich fände das sehr gut.
Die Politik attackiert das klassische Familienmodell
Die Staatskassen sind leer. Die Politik muss sparen. Auf dem Prüfstand steht das klassische Familienmodell, in dem der Mann das Einkommen erwirtschaftet und die Frau sich um die Kinder kümmert. Einige arbeiten Teilzeit, andere im Minijob.
Wir sollen alle mehr arbeiten, sagt die Politik und greift Vergünstigungen für Paare und Familien an, die seit Jahrzehnten im Haushalt etabliert waren. Wenn die derzeit diskutierten Vorschläge zum Beschluss kommen, bedeutet dies für Familien, in denen ein Partner nicht oder nur geringfügig arbeitet, höhere Kosten.
Abschaffung des Ehegattensplittings für neue Ehen
Vom Ehegattensplitting profitieren Paare mit unterschiedlichem Einkommen. Wenn ein Partner 100.000 EUR brutto verdient und der andere nichts, reduziert sich der Steuersatz. Der Fiskus nimmt an, dass beide Partner die Hälfte des Einkommens erwirtschaftet haben. Somit kommt für das gesamte zu versteuernde Einkommen der Steuersatz für 50.000 EUR zur Anwendung. Die Ersparnis kann je nach Einkommen mehrere tausend Euro im Jahr betragen.
Abschaffung der beitragsfreien Familienversicherung
Ehepartner, die nur ein geringes Einkommen erzielen (derzeit 603 EUR brutto) können sich kostenlos über den Partner krankenversichern. Diese beitragsfreie Familienversicherung gibt es seit Jahrzehnten. Sie hindere Frauen an der Erwerbstätigkeit, suggeriert die Politik. Nun soll der Ehepartner einen Anteil seines Einkommens an den Fiskus abgeben. Im Gespräch sind bis zu 3,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Ausgenommen sollen nur pflegende Angehörige und Eltern von Kindern unter sieben Jahren sein.
Abschaffung der Minijobs
Den Minijob gibt es seit 2003. Er ermöglicht einen steuer- und abgabenfreien Verdienst von derzeit 603 EUR im Monat. Die Regierung möchte Minijobs nur noch für Schüler zulassen. Alle anderen sollen Abgaben zahlen. Damit wird insbesondere Frauen die Möglichkeit genommen, die Haushaltskasse mit einem Zuverdienst aufzubessern. Wer den Minijob als Zweiterwerb nutzt, hat künftig statt 603 EUR weniger als 400 EUR netto zur Verfügung. Auch diese Regelung dürfte viele Familien treffen.
Abschaffung der Witwenrente
Junge Menschen werden sich damit noch nicht auseinandersetzen. Aber die derzeit diskutierte Abschaffung der Witwenrente und der Übertritt zu einem Rentensplitting kann eine schlechtere Versorgung von Hinterbliebenen zur Folge haben. Auch hier trifft es vornehmlich Frauen, die keine klassische Erwerbsbiografie haben. Die Witwenrente wird aus den Rentenansprüchen eines Partners bezahlt, der oft ein langes Arbeitsleben hinter sich hat. Verstirbt er früh, würden die Einzahlungen zum Teil verfallen und Frauen noch tiefer in die Altersarmut rutschen.
Inflation macht das Leben teuer
Neben den Vergünstigungen, die Familien derzeit noch in Anspruch nehmen können, ist das Leben sehr teuer. In den 1990er-Jahren bekamen wir unser drittes Kind. Wir lebten vom Durchschnittsverdienst meines Mannes, konnten einmal im Jahr in den Campingurlaub fahren und unser Haus finanzieren. Die Nebenkosten betrugen monatlich etwa 300 DM. Wir beheizten das ganze Haus, da wir den Keller und das Dachgeschoss für die Kinder ausgebaut hatten.
Heute hat sich der Verdienst meines Mannes vervierfacht. Er übt immer noch den gleichen Beruf aus, arbeitet aber nach westdeutschem Tarif. Dennoch könnten wir von diesem Gehalt mit sechs Personen nicht mehr leben. Das Leben ist viel teurer, das Geld wenig wert.
Vom Erdgas bis zum Big Mac: Alles kostet mehr
In der Nacht der Währungsumstellung im Jahre 2002 kostete ein Liter Diesel 94 Cent. Heute war er vor zwölf Uhr mit 2 EUR ausgepreist. Pünktlich um die Mittagsstunde schießen die Kosten um 20 Cent pro Liter nach oben.
Die Nebenkosten für das Haus liegen derzeit bei 500 EUR im Monat. Die Rechnung für Erdgas hat sich seit dem Ukraine-Krieg verdreifacht. Dabei heizen wir gar nicht mehr das ganze Haus und haben auch deutlich niedrigere Temperaturen. Strom ist doppelt so teuer. Die Müllgebühren steigen jedes Jahr.
Ich könnte weitermachen: mit der Gastro, den Lebensmitteln, den Drogerieartikeln, einem Kinobesuch oder dem Urlaub. Wir fahren gern auf einen Campingplatz nach Holland. 2006 zahlten wir mit sechs Personen 1.500 EUR für drei Wochen. In diesem Jahr wären es 2.000 EUR, wenn wir zu zweit fahren würden. Aber für uns stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr.
Und da wir ab und zu Fast Food essen, wissen wir, dass der Döner einmal 3,50 DM kostete. Heute sind es 8 EUR. Der Big Mac Index stieg von 8,49 DM für das große Menü vor der Währungsumstellung auf 11,99 EUR. Das ist der dreifache Preis. Vom vierfachen Gehalt meines Mannes bleibt auch deshalb weniger Kaufkraft, weil die Sozialabgaben so stark gestiegen sind.
Ein Leben wie in einem Märchen
Wir leben in Ostdeutschland und haben zwischen 1987 und 2002 vier Kinder bekommen. Mein Mann war Alleinverdiener, ich habe keine klassische Erwerbsbiografie. Neben der Kindererziehung holte ich mein Abitur nach, studierte und war dann als freiberufliche Autorin tätig. Ich wollte einen selbstbestimmten Arbeitsalltag mit viel Zeit für die Kinder.
Mein Mann arbeitet im Schichtdienst. Wir wünschten uns trotzdem ein Familienleben. Unsere Kinder sollten nicht mit dem Schlüssel um den Hals in das leere Haus kommen oder den ganzen Tag in Kita oder Hort verbringen.
In den 1990er-Jahren konnten wir ein Reihenhaus am Rande von Berlin im Erstbezug kaufen. Zur Finanzierung erhielten wir über mehrere Jahre eine Befreiung von der Lohnsteuer und einen Förderkredit. So war es uns möglich, mit einem Gehalt ein neues Haus abzuzahlen und drei Kinder zu ernähren.
Insgesamt war ich acht Jahre zu Hause. Dann holte ich mein Abitur nach und studierte fünf Jahre. Mit Ende 30 begann ich zu arbeiten. Da war unser ältester Sohn bereits erwachsen. Wir haben unsere Kinder in der DDR früh bekommen.
Wenn ich auf die nächste Generation schaue, kommt es mit vor, als lebten wir in einem Märchenland. Heute ist es nicht mehr möglich, mit drei oder vier Kindern von einem normalen Gehalt zu leben und ein Haus zu finanzieren. Junge Familien bekommen oftmals nicht einmal eine Wohnung. Das Erziehungsgeld wurde gekürzt und soll nun weiter beschnitten werden. Kommen die bereits genannten Einschnitte für Familien, wird es für Mütter noch schwieriger, einige Jahre zu Hause zu bleiben.
Erziehungsgeld vs. Elterngeld
Bei der Geburt unseres jüngsten Sohnes im Jahre 2002 habe ich studiert und hatte kein Einkommen. Ich bekam zwei Jahre lang 305 EUR Erziehungsgeld im Monat. Meine Freundin, die in Mecklenburg lebt, erhielt das Geld drei Jahre lang. Zusätzlich bekamen wir 1.000 EUR vom Land für die Erstausstattung unseres Babys. Das gibt es seit Langem nicht mehr.
Unsere Schwiegertochter arbeitete vor der Geburt des zweiten Kindes 32 Stunden in der Woche für ein Durchschnittsgehalt. Sie erhält ein Elterngeld von 400 EUR monatlich für zwei Jahre. Ihr Erziehungsgeld wäre im Jahre 2002 deutlich höher gewesen. Für die Kürzung war die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen verantwortlich. Sie hat sieben Kinder.
Bleiben wir bei der Familie unseres Sohnes: Zum Einkommen zählen ein Gehalt, das Elterngeld und das Kindergeld. Seit der Geburt des zweiten Kindes ist die Dreizimmerwohnung zu klein. Seit zwei Jahren steht die Familie auf einer Warteliste für eine größere Wohnung. Etwa 25 Familien warten vor ihnen. Auf dem freien Wohnungsmarkt kostet eine Vierzimmerwohnung 1.800 EUR kalt. Das ist mit einem Gehalt in Ostdeutschland für eine Familie nicht finanzierbar.
Vom Märchenland in das Reich der Realität
Fassen wir zusammen: Junge Familien sind von der Inflation betroffen. Das macht es Frauen schwer, länger als ein oder zwei Jahre zu Hause zu bleiben. Denn ein Durchschnittsgehalt reicht für eine Familie nicht mehr aus. Familien bekommen weniger Elterngeld, wenn sie ein Baby betreuen. Einzig das Kindergeld ist in den letzten 20 Jahren um 100 EUR pro Monat und Kind gestiegen. Doch das gleicht die höheren Kosten nicht aus.
Junge Familien haben oft keinen Zugang zu günstigem Wohnraum. Der Bau eines Eigenheims ist faktisch ausgeschlossen, weil die Hürden der Förderprogramme sehr hoch sind.
Einige Dinge habe ich unberücksichtigt gelassen: Fehlende Kitaplätze, die schlechte Situation an den Schulen, Öffnungszeiten auf Spielplätzen und Restaurantverbote für Kinder halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Wobei Letzteres auch auf alternative Erziehungsmodelle zurückzuführen ist.
Mit kommt es vor, als hätten wir mit unseren vier Kindern in einem Märchenland gelebt. Und ich muss zugeben, dass ich heute maximal zwei Kinder bekommen würde. Denn auch ich bekomme nur eine geringe Rente. Meine Kinder kennen diesen Gedanken und nehmen ihn mir nicht übel.
Mich überrascht der Geburtenrückgang überhaupt nicht. Deutschland ist kein Land, in dem Frauen gern Kinder bekommen. Hinzu kommt, dass viele von ihnen gern eigenständig sein und sich nicht mehr von einem Partner abhängig machen möchten. In der Folge verzichten sie auf Kinder.
Junge Frauen möchten eigenständig sein
In den Medien und in den sozialen Netzwerken lese ich häufig Meinungen von Frauen, die sich schon früh im Leben gegen Kinder entscheiden. Die finanzielle Unabhängigkeit und ein gutes Auskommen im Alter sind nur ein Grund. Junge Frauen streben häufiger nach einer Karriere als zu der Zeit, in der ich Mutter war. Sie möchten reisen und sich selbst verwirklichen. Kinder passen nicht in die Lebensplanung.

Hinzu kommt das Bewusstsein, dass Auszeiten vom Beruf Altersarmut bedeuten können. Es gibt kaum bezahlbaren Wohnraum. Steuerliche Vergünstigungen für Familien stehen auf dem Prüfstand. Das Gesamtpaket macht wenig Lust auf Nachwuchs. Ich kann das sehr gut verstehen.
Nicht wenige junge Menschen sorgen sich um die Zukunft. Sie möchten keine Kinder in einer Welt setzen, die unsicher und voller Konflikte ist. Hinzu kommt das Bewusstsein, dass der Staat und die Gesellschaft Eltern mehr Steine in den Weg legen, als dass sie Unterstützung bieten. Auch das ist ein Grund für den Rückgang der Geburtenrate. Schauen wir uns die Zahlen doch einmal an.
Ein Blick auf die Geburtenrate
Auf den ersten Blick hat sich die Geburtenrate in den letzten 30 Jahren nur recht unwesentlich verändert. Im Jahre 1990 lag sie in Westdeutschland bei 1,45 Kindern pro Frau. Im Jahre 2025 waren es 1,32 Kinder. Diesen Wert gab es in der Mitte der 1990er-Jahre schon einmal. Die deutsche Wiedervereinigung ging mit einem Geburtenknick einher.
Geburtenrate in den 1980er-Jahren: DDR und Westdeutschland im Vergleich
| Jahr | Westdeutschland | DDR / Ostdeutschland |
|---|---|---|
| 1980 | 1,44 | 1,94 |
| 1985 | 1,28 | 1,73 |
| 1988 | 1,41 | 1,67 |
| 1989 | 1,39 | 1,56 |
| 1990 | 1,45 | 1,52 |
Angaben: zusammengefasste Geburtenziffer, also durchschnittliche Kinderzahl je Frau. Quelle: Statistisches Bundesamt / bpb.
Die Grafik zeigt, dass in der DDR deutlich mehr Kinder geboren wurden als in der BRD. Dies hing mit den besseren Bedingungen zusammen. Frauen konnten Kinder und Beruf ideal vereinbaren.
In der zweiten Tabelle siehst du, dass die Geburtenzahl trotz gering abweichender Geburtenziffer recht deutlich ausfällt. Woran liegt das?
Geburtenrate und Geburtenzahlen in Deutschland
| Jahr | Geburtenrate | Geurtenzahl |
|---|---|---|
| 1995 | 1,25 | 765.221 |
| 2000 | 1,38 | 766.999 |
| 2010 | 1,39 | 677.947 |
| 2020 | 1,53 | 773.144 |
| 2025 | 1,32 | 654.241 |
Angaben: Geburtenrate = zusammengefasste Geburtenziffer, also durchschnittliche Kinderzahl je Frau. Geborene Babys = Lebendgeborene pro Jahr. Quellen: FRED/World Bank und Statistisches Bundesamt.
- Die Geburtenziffer ist niedrig.
- Eine Frau bekommt heute durchschnittlich etwa 1,32 Kinder.
- Für eine stabile Bevölkerung wären langfristig etwa 2,1 Kinder je Frau nötig.
- Es gibt weniger Frauen im gebärfähigen Alter.
- Die Frauen, die heute zwischen etwa 25 und 40 Jahre alt sind, gehören zu den geburtenschwachen Jahrgängen der 1990er-Jahre.
- Weil damals weniger Kinder geboren wurden, gibt es heute auch weniger potenzielle Mütter.
Der Schneeballeffekt
Es entsteht ein Schneeballeffekt: Im Jahre 1995 wurden nur wenige Kinder geboren. Diese Kinder sind heute in einem Alter, in dem sie eine Familie gründen können. Doch aufgrund der niedrigen Geburtenrate vor 30 Jahren gibt es rein rechnerisch weniger Frauen. Selbst wenn jede dieser Frauen etwa 1,3 Kinder bekommt, sinkt die Zahl der Geburten dennoch weiter.
Demografen sprechen gern von einem demografischen Echo: Eine Generation mit wenigen Geburten führt Jahrzehnte später automatisch wieder zu weniger Geburten, selbst wenn jede Frau genauso viele Kinder bekäme wie früher.
Gebt unseren Kindern unser Leben zurück
Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen. Doch wenn die Politik die Bedingungen für Familien nicht wieder verbessert, wird die Geburtenrate wohl nicht wieder signifikant steigen. Wenn ich auf unser Leben als Eltern zurückblicke, sehe ich viele Vorteile, die es heute nicht mehr gibt. Daran sind politische Entscheidungen ebenso Schuld wie die Inflation.
Fassen wir die Bedingungen für eine Durchschnittsfamilie zur Jahrtausendwende zusammen:
- Günstige Lebensmittel und Drogerieartikel
- Günstiger Kraftstoff
- In Ostdeutschland gab es ausreichend bezahlbare Kitaplätze
- Familien konnten kostengünstig ein Eigenheim finanzieren (Förderkredit, Baukindergeld, Steuererleichterungen)
- Günstige Mieten im geförderten Wohnungsbau
- Geringe Kosten für Energie und Heizung
- Ehegattensplittung, kostenfreie Familienversicherung für Frauen
- Einführung der abgabefreien Minijobs
Heute zahlt eine Familie hohe Kosten für die Lebenshaltung. Die Mieten sind teuer, die Lebensmittel ebenfalls, der Kraftstoff kostet mehr als zwei Euro pro Liter. Die Vergünstigungen für den Bau oder den Kauf eines Eigenheims wurden weitestgehend abgeschafft. Durch die Inflation sind die Kosten für den Immobilienerwerb auf einem Höchststand.
Die Kosten für die Sozialversicherungen sind massiv gestiegen: Im Jahre 1995 kostete die Pflegeversicherung ein Prozent des Bruttolohns. Heute sind es vier Prozent. Je höher der Verdienst, desto mehr Steuern werden fällig. Es ist in all den Jahren nicht gelungen, die kalte Progression abzumildern.
Ich konnte mit einem normalen Gehalt ein Haus bauen
Vor einiger Zeit las ich auf Facebook den Kommentar eines älteren Herren, der in der BRD lebte und Alleinverdiener war. Wörtlich kann ich das Gesagte nicht wiedergeben, aber ich zitiere es aus der Erinnerung.
Ich hatte einen normalen Beruf. Trotzdem konnten wir mit meinem Geld ein Haus bauen und ein Auto kaufen. Meine Frau musste nicht arbeiten gehen. Sie kümmerte sich um unsere beiden Kinder.
Es ist ein Rollenbild, das heute so in vielen Familien gar nicht mehr gelebt werden möchte. Doch das ist eine andere Diskussion. Ich wünschte mir für alle jungen Familien, dass sie selbst entscheiden können, ob beide arbeiten gehen oder einer zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern möchte. Doch die Durchschnittsfamilie kann sich ein Leben von einem Gehalt gar nicht mehr leisten. Das ist sicher ein Grund für die niedrige Geburtenrate.

Fazit: Eltern haben es in Deutschland nicht leicht
Die Gründe für die niedrige Geburtenrate sind sehr verschieden. Das Rollenbild der Frau hat sich gewandelt. Viele Frauen haben Angst, die Doppelbelastung Familie und Vollzeitjob nicht tragen zu können. Entscheiden sie sich für die Familie, rutschen sie in die Altersarmut.
Das Leben ist teuer, die Hilfen für Familien sind nicht ausreichend. Vor allem ist die Akzeptanz von Kindern in der Gesellschaft sehr gering. Wir haben oft den Satz gehört, dass man mit drei Kindern asozial wäre. Es ist sehr traurig, dass Menschen so denken.
Unsere Gesellschaft braucht Kinder. Sie sind unsere Zukunft. Der Generationenvertrag liegt auf ihren Schultern. Vor allem schenken sie uns Freude und Lebensqualität. Die Familie ist ein wichtiger Baustein, der erhalten werden muss.
Die Politik ist gefragt
Die Politik sollte dringend mehr für Familien mit Kindern tun. Doch danach sieht es nicht aus. Die Wirtschaft braucht die Arbeitskraft der Frauen. Doch nicht jeder ist bereit, sein Kind den ganzen Tag in die Fremdbetreuung zu geben.
Wenn sich nichts ändert, wird die Geburtenziffer stagnieren oder weiter nach unten gehen. Das ist verständlich. Dann werden Politiker wieder kritisieren. Doch sie haben das selbst verschuldet. Ein Staat, der Eltern und Kinder derart vernachlässigt, darf sich nicht über fehlenden Nachwuchs beschweren.

ISSN 3053-674X
TS 2026-32


