ESC Deutschland: Seit Jahrzehnten mehr als nur Musik

ESC Deutschland: Seit Jahrzehnten mehr als nur Musik

Seit mehr 50 Jahren schaue ich den ESC. Ich bin ein Fan dieser Veranstaltung und habe kaum eine Gala verpasst. Aus jedem Jahr nehme ich mindestens einen Song mit, der in meiner ESC-Playlist landet. Ich lese die Pressemitteilungen am nächsten Tag und verfolge die Kommentare auf Social Media. Als Deutschland im Jahre 2010 das letzte Mal gewann, waren die sozialen Netzwerke noch nicht so präsent wie heute. Nach den Pleiten der letzten Jahre füllen sich Diskussionsspalten nach jedem Event mit Forderungen, Deutschland solle austreten. Der ESC wäre ein Politikum und uns mag sowieso niemand. Die großen Medienhäuser argumentieren ähnlich. Doch ist das wirklich so? Ich blicke zurück, auf persönliche ESC-Momente aus einem halben Jahrzehnt und sage dir, warum ich den ESC auch in den nächsten Jahren verfolgen werde.

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Den ESC schaue ich seit 1974. Da war ich ein kleines Mädchen. Unsere beiden Siege habe ich live verfolgt. Heute steht der Song Contest in der Kritik, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann.

Brighton 1974: mein erster ESC-Moment

Ich war vier Jahre alt, die Erinnerung ist weit entfernt. Wir sitzen im Wohnzimmer. Drei Generationen: Meine Großeltern, meine Eltern und ich. Mein Bruder war noch nicht geboren, ich sitze auf dem Schoß meiner Mutter und gucke in den Fernseher. Das Bild ist schwarz-weiß, es gibt keine Fernbedienung. Die Sender werden an einem Drehknopf eingestellt.

Es war der 6. April 1974. Warum ich an diesem Abend so lange wach bleiben durfte, weiß ich nicht mehr. Meine Mutter hat auch keine Antwort. Vermutlich bin ich wieder wach geworden oder konnte gar nicht erst einschlafen, weil meine Omi und mein Opa zu Besuch waren. Ich durfte mitschauen und fand es spannend, so lange aufzubleiben.

Abba gewinnt mit „Waterloo“

Zwei Frauen stehen Rücken an Rücken. Sie können richtig gut singen. Ein Mann begleitet sie am Klavier, ein anderer spielt Gitarre. An der Seite der Bühne spielt ein Orchester. Damals wurde nicht nur live gesungen, sondern auch live gespielt. Heute müssen die Musiker einen Antrag stellen, wenn sie ein Instrument spielen möchten.

Eine der beiden Frauen hat langes Haar und eine Kappe auf dem Kopf. Sie ist sehr hübsch. Die andere Frau hat rötliche Locken. Wie es in den 1970er-Jahren üblich war, trugen die Männer Schlaghosen und langes Haar.

Nachdem die Band ihren Song zu Ende gesungen hatten, brandet frenetischer Jubel auf. Ob ich die Verkündung noch gucken durfte oder eingeschlafen bin, hat sich aus meiner Erinnerung verabschiedet. Heute wissen wir, dass ABBA hatte mit „Waterloo“ gewonnen hatte. Es war der Beginn einer Weltkarriere. Und ich war wohl der jüngste Fan. Denn der Song gefiel mir und die Frau mit der Kappe auch.

ABBA tritt beim ESC 1974 mit „Waterloo“ auf und gewinnt. Quelle: YouTube

Ich wurde älter und freute mich immer, wenn ein Song von ABBA im Radio lief. Es blieb dabei, dass ich Agneta lieber mochte als Ann-Fried. Von den beiden Männern gefiel mir Benny besser. Dass er mit Anni-Fried verheiratet war und nicht mit Agneta, konnte ich nicht verstehen.

Übrigens: ABBA durften wir offiziell hören, in der DDR. Sogar der Film lief in unseren Kinos. Ich habe ihn mehr als einmal angesehen.

1982: Nicole gewinnt den ESC Deutschland

Acht Jahre später saß ich allein im Wohnzimmer. Wieder fand der Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der Wettbewerb damals hieß, in England statt. Die Sängerin Nicole kannte ich aus der Hitparade. Ich mochte ihre Lieder. Später kaufte ich mir im Intershop ihre erste Platte „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“. Sie war fünf Jahre älter als ich. Ich beneidete sie um ihr langes Haar. Meins wollte schon damals einfach nicht wachsen.

Nicole gewann den ESC im Jahre 1982 mit „Ein bisschen Frieden“. Quelle: YouTube

Damals durften die Songs vor der Ausstrahlung des Grand Prix nicht veröffentlicht werden. Das Lied „Ein bisschen Frieden“ war ganz neu, aber mir gefiel es sofort. Ich fand die weiße Gitarre toll, und den Gesang. Und ich bewundere Nicole, dass sie gar nicht aufgeregt zu sein schien.

Die spannende Verkündung der Punkte

Die Verkündung der Punkte war für mich damals fast spannender als die Musik. Meine Eltern waren bei Freunden eingeladen gewesen, sie kamen irgendwann dazu. Nicole konkurrierte mit Avi Toledano aus Israel, der für seinen Song „Hora“ ebenfalls viele Punkte bekam. Das musste ich googeln, ich konnte mich nur noch erinnern, dass es zwei Interpreten waren, die auf der Liste ganz oben standen.

Nicole schob sich nach vor, bekam immer wieder die begehrten zwölf Punkte und siegte deutlich mit 161 Punkten. Wir saßen im Wohnzimmer und jubelten. Damals war Fernsehen ein wirkliches Ereignis.

Nicole durfte ihren Song noch einmal singen. Da merkte man ihr die Aufregung an. Den Refrain sang sie auf Englisch. Ich blieb lange Fan ihrer Musik.

Deutschland feiert die Siegerin

Deutschland hatte das erste Mal den ESC gewonnen. Am nächsten Tag berichteten das Fernsehen in einer Sondersendung von der Ankunft Nicoles in Deutschland. An der Seite von Produzent Ralph Siegel wurde sie jubelnd von wartenden Fans empfangen. Das durften wir in der bislang 70-jährigen Geschichte des ESC nur noch ein einziges Mal erleben. Dazwischen gab es einige gute Auftritte, die in Erinnerung blieben und sehr gute Platzierungen erreichten.

Der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ zwischen den beiden deutschen Siegen

Für mich heißt der Contest bis heute „Grand Prix“. Dabei handelt es sich um den französischen Begriff für die Veranstaltung, die einen internationalen Charakter hat und deshalb zweisprachig ist. In den vorrangig englischsprachigen Ländern war es schon immer der Eurovision Song Contest. Seit 2004 ist „Eurovision Song Contest“ die offizielle Bezeichnung für die Gala. Es hat sich das Kürzel ESC etabliert.

Den zweiten und bislang letzten Sieg konnte Deutschland im Jahre 2010 erringen. Dazwischen gab es immer wieder sehr gute Songs, die ich bis heute gern höre. Mein Favorit aus dieser Zeit stammt aus dem Jahre 2004: Michelle trat mit ihrer Ballade „Wer Liebe Lebt“ an und belegte einen sehr guten achten Platz. Ich muss gestehen, dass ich kein ausgesprochener Fan der Sängerin bin. Aber ihre schlichte Performance in dem schönen Abendkleid und ihre Stimme haben mich – trotz kleiner Wackel‘ – mitgenommen. Es ist das einzige Lied von Michelle, das den Weg in meine Playlist gefunden hat. Alle Fans der Sängerin mögen es mir verzeihen.

Michelle trat 2004 mit ihrer Ballade „Wer Liebe Lebt“ an und belegte einen sehr guten achten Platz. Quelle: YouTube.

Überhaupt war der Zeitraum zwischen 1982 und 2010 sehr erfolgreich. Der ESC war in Deutschland eine Sendung, die sich großer Beliebtheit erfreute. Vor der Hamburger Davidswache fand in jedem Jahr eine Party statt, von der aus die Punkte für Deutschland live unter dem Jubel der Fans verkündet wurden. Showgrößen wie Thomas Hermanns und Barbara Schöneberger übernahmen die Moderation. Der Livekommentar wurde seit 1997 von Peter Urban gesprochen. Die Gala galt als Highlight, in jedem Jahr.

Die deutschen Beiträge zwischen 1983 und 2009 – es waren gute Acts dabei

Die 1980er-Jahre gelten als die Erfolgreichsten für Deutschland beim damaligen Grand Prix. Wir belegten häufig die vorderen Plätze. Die Künstler schufen gemeinsam mit ihren Produzenten Songs, von denen einige bis heute gespielt werden.

Deutsche ESC-Beiträge 1983 bis 2009

Ein Überblick über Deutschlands Beiträge beim Eurovision Song Contest – von Hoffmann & Hoffmann bis Alex Swings Oscar Sings!.

Jahr Künstler Titel Platzierung
1983Hoffmann und HoffmannRücksicht5.
1984Mary RoosAufrecht geh’n13.
1985WindFür alle2.
1986Ingrid PetersÜber die Brücke geh’n8.
1987WindLaß die Sonne in dein Herz2.
1988Maxi & Chris GardenLied für einen Freund14.
1989Nino de AngeloFlieger14.
1990Chris Kempers & Daniel KovacFrei zu leben9.
1991Atlantis 2000Dieser Traum darf niemals sterben18.
1992WindTräume sind für alle da16.
1993Münchener FreiheitViel zu weit18.
1994MeKaDoWir geben ’ne Party3.
1995Stone & StoneVerliebt in dich23.
1996Deutschland nahm nicht am Finale teil
1997Bianca ShomburgZeit18.
1998Guildo HornGuildo hat euch lieb7.
1999SürprizReise nach Jerusalem – Kudüs’e Seyahat3.
2000Stefan RaabWadde hadde dudde da?5.
2001MichelleWer Liebe lebt8.
2002Corinna MayI Can’t Live Without Music21.
2003LouLet’s Get Happy11.
2004Max MutzkeCan’t Wait Until Tonight8.
2005GraciaRun & Hide24.
2006Texas LightningNo, No, Never14.
2007Roger CiceroFrauen regier’n die Welt19.
2008No AngelsDisappear23.
2009Alex Swings Oscar Sings!Miss Kiss Kiss Bang20.

Kannst du dich noch an die guten ESC-Jahre erinnern? Welcher Song ist dein Favorit? Ich habe die Songs aus den Jahren 1983 bis 1989 bis heute in meiner Playlist. Danach wurde ich etwas anspruchsvoller. Vielleicht lag es auch daran, dass wir nach der Wende unseren ersten CD-Player kauften und Musik aus unserer Jugendzeit auf einer richtig guten Technics-Anlage hörten. In der DDR mussten wir uns mit Mono-Kassetten begnügen.

Meine Favoriten kurz vorgestellt

Ab den späten 1990er-Jahren wurden die Acts dann wieder interessanter. Diese drei Beiträge höre ich heute noch gern:

Guildo Horn: Guildo hat Euch lieb (1998): Es ist legendär, wie er während der Performance auf der Brüstung umher kletterte. Mit der verrückten Einlage und dem wirklich speziellen Song belegte er den siebten Platz. Für uns war es ein Wermutstropfen, dass Rosenstolz den Vorentscheid nicht gewinnen konnte. Wir waren damals schon große Fans und hätten es dem Duo gegönnt.

Stefan Raab: Wadde hadde dudde da (2000): Stefan Raab befand sich in dieser Zeit im Zenit seiner Karriere. Nachdem er Guildo Horn produziert hatte, trat er selbst an und konnte den fünften Rang erzielen. Das Lied war schon speziell. Aber man kam nicht daran vorbei. In Deutschland war es ein großer Hit, und Europa sprach über uns.

Texas Lightning: No, No, Never (2006): Ein Ohrwurm den ich bis heute total gern höre. Und bis heute verstehe ich nicht, warum dieser Song nur den 14. Platz belegte. Ein Jahr zuvor war Deutschland mit DSDS-Gracia das erste Mal Letzter geworden. Seitdem hörte man von der jungen Sängerin nicht mehr viel. Max Mutzke war auch ein Schützling von Stefan Raab. Er wurde in den Charts gefeiert. Wir konnten mit dem Song nicht viel anfangen.

Dafür lief dann No, No, Never in Dauerschleife. Country war überhaupt nicht unser Genre, doch die Stimme von Jane Comerford und Olli Diedrich am Schlagzeug waren irgendwie legendär.

2006 belegte Texas Lightning mit „No, No, Never den achten Platz. Quelle: YouTube

Die Beiträge aus den Jahren 2007 bis 2009 haben uns nicht so abgeholt. Das einte uns mit den europäischen Jurys. Und dann kam Lena.

Lena 2010: Der unbeschwerte Auftritt begeisterte

Zugegeben: Der Satellite-Song war sowas wie eine Hassliebe. Er lief im Radio hoch und runter. Kaum jemand, der gern Musik hörte, kam um ihn herum. Ich mochte ihn nicht so besonders, aber ich hörte ihn ständig. So ging es vielen.

Lena Meyer-Landrut war wenige Tage vor ihrem großen Auftritt in der Telenor-Arena in Oslo 19 Jahre alt geworden. Sie war ein Schützling von Stefan Raab und war vor ihrem großen Auftritt nahezu unbekannt. Ihr Englisch war eigentümlich, doch vielleicht war es die Besonderheit, die das Publikum faszinierte.

Lena Meyer-Landrut gewinnt den ESC im Jahre 2010 mit dem Song „Satellite“ von Stefan Raab. Quelle: YouTube

Ihr Auftritt war fröhlich und unbeschwert. Sie verzichtete auf eine Choreografie und trug ein schlichtes kurzes Kleid. Ihre Haare waren offen, sie lagen in Wellen. Es schien, als hätte sie ganz viel Spaß, als sie ihren Song performte. Genau dieses Gesamtpaket war es vermutlich, das ihr zum Sieg verhalf: Natürlichkeit, Schlichtheit und die Konzentration auf die Musik. Der Song ging ins Ohr, Lena konnte singen, sie erlaubte sich keinen Fehler und es funktionierte. Vielleicht sollten sich die Macher des ESC diesen Auftritt nochmal anschauen und daraus lernen?

Dass möglichst wenig Kleidung und möglichst viele aufreizende Posen keine gute Idee sind, zeigte der Auftritt von Sarah Engels in diesem Jahr. Auch in den Jahren davor lief es nicht rund. Nach dem Sieg von Lena konnten die deutschen Beiträge leider nicht mehr überzeugen.

ESC Deutschland nach Lena: Nur Michael Schulte überzeugte

Im Jahre 2011 trat Lena in Düsseldorf noch einmal an. Sie belegte den zehnten Platz. Der Song konnte nicht so überzeugen wie „Satellite“. Ein Jahr später schaffte Roman Lob mit „Standing Still“ einen achten Rang. Ich muss gestehen, dass ich mich an beide Songs nicht mehr erinnern kann.

Danach begann das ESC-Drama, an dem Deutschland bis heute laboriert. Nur Michael Schulte konnte die Flaute durchbrechen. Im Jahre 2018 schrieb er für seinen verstorbenen Vater den Song „You Never Walk Alone“. Es war ein emotionaler Song, der mit dem fröhlichen Auftritt von Lena nur auf den zweiten Blick vergleichbar ist: Michael Schulte verzichtete, ebenso wie Lena, auf eine Choreografie. Er trat in Alltagskleidung ans Mikrofon. Und er belegte den vierten Platz.

Michael Schulte schaffte im Jahre 2018 zum letzten Mal für Deutschland eine Platzierung in den Top 5: Mit seinem Song „You Never Walk Alone“ wurde er Vierter. Quelle: YouTube.

Nehmen wir noch Michelle dazu, die sich ebenfalls für einen schlichten Auftritt entschied, sollte uns das doch zeigen, dass wir keine pompöse Bühnenshow brauchen. Sondern einen Musiker, der hinter seinem Song steht und der es schafft, beim Zuhörer Emotionen zu erzeugen.

Deutsche ESC-Beiträge 2011 bis 2026

Ein Überblick über Deutschlands Beiträge beim Eurovision Song Contest – von Lena bis Sarah Engels.

Jahr Künstler Titel Platzierung
2011LenaTaken by a Stranger10.
2012Roman LobStanding Still8.
2013CascadaGlorious21.
2014ElaizaIs It Right18.
2015Ann SophieBlack Smoke27.
2016Jamie-LeeGhost26.
2017LevinaPerfect Life25.
2018Michael SchulteYou Let Me Walk Alone4.
2019S!stersSister25.
2020Ben DolicViolent ThingContest abgesagt
2021JendrikI Don’t Feel Hate25.
2022Malik HarrisRockstars25.
2023Lord of the LostBlood & Glitter26.
2024ISAAKAlways On The Run12.
2025Abor & TynnaBaller15.
2026Sarah EngelsFire23.

Ich bin überzeugt, dass wir nicht die richtigen Acts zum ESC schicken. Das ist keine Kritik an den Künstlern. Doch der ESC hat seine eigenen Regeln. Ein erfolgreicher Song muss einen Eindruck hinterlassen. Und dabei sollte man nicht unbedingt auf nackte Haut setzen. Das zieht im 21. Jahrhundert nicht mehr. Wie es anders geht, zeigen zwei Beiträge aus dem Jahr 2025. Ich finde sie bis heute genial.

2025: Wie Schweden und Estland auf sich aufmerksam machten

Der ESC 2025 fand in Basel statt. Die Show hat mir richtig gut gefallen. Die Moderation war kurzweilig, und es gab viele gute Acts, mit der ich meine ESC-Forever-Playlist füllen konnte. Zwei Auftritte sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Den Jurys und den Zuschauern auch: Tommy Cash aus Estland belegte mit „Espresso Macchiato“ den dritten Platz. Italien nahm den Song nicht sehr gut auf, da er das eigene Volk mit Klischees überschüttete. Tommy Cash, ein in Talinn geborener Rapper, entschuldigte sich später für den Song.

Tommy Cash belegte mit „Espresso Macchiato“ im Jahre 2025 den dritten Platz.

Mir blieb der Beitrag sofort in Erinnerung. Der eigentümliche Tanz und die Bühnenshow mit der Flitzerin war genial. Dass es sich um eine Tänzerin handelte, die in die Show eingeplant war, habe ich erst später begriffen. Auch im Radio macht der Song richtig gute Laune.

Wenn Finnlandschweden in die Sauna gehen

Schweden wurde im Jahre 2025 als Favorit gehandelt. Und auch diesen Song fand ich seit dem ersten Anhören absolut genial. Die Bühnenshow passte perfekt. Im Einspieler erfuhr der Zuschauer, dass Finnland eine schwedische Minderheit hat. Das Trio „KAJ“ sang in der Muttersprache. Ich schaffe es trotz Lyrics nicht, das Lied mitzusingen. Lediglich „Sauna“ verstehe ich.

KAJ zeigte mit „Bara Bara Bastü“ einen Auftritt, der Auge und Ihr verwöhnte. Quelle: YouTube.

Schweden erzielte den vierten Platz und unheimliche viele Sympathien. Auch bei mir: Ich habe mir den Auftritt unzählige Male angesehen und finde ihn immer noch ebenso genial, wie an dem Galaabend.

Deutschland braucht den richtigen Song

Und nun bitte ich die Verantwortlichen noch einmal eindringlich, aus diesen Erfolgen zu lernen. Vielleicht verirrt sich jemand aus der ARD hierher und nimmt sich die Tipps einer Zuschauerin, die den ESC seit mehr als 50 Jahren anschaut, zu Herzen?

  1. Wählt einen Musiker aus, der seinen Song selbst geschrieben hat und dahinter steht.
  2. Verzichtet künftig auf Bühnenshows, die vor 20 Jahren modern waren und heute eher als unangenehm gelten.
  3. Entscheidet Euch für einen Song, der sofort ins Ohr geht. Zwei Strophen und fünf Wiederholungen des Refrains ziehen beim ESC nicht.
  4. Der Künstler sollte Herzblut mitbringen! Ich möchte nie wieder hören, dass jemand antritt, dem die Platzierung „völlig egal“ ist
  5. Versteckt Euch nicht dahinter, das Deutschland niemand leiden kann. Die Musik der letzten Jahre war nicht gut genug, für eine bessere Platzierung.

ESC 2026

In diesem Jahr trat Sarah Engels für Deutschland an. Sie ist eine Musikerin, die durch DSDS bekannt wurde, die Show aber nicht gewinnen konnte. Es gab nie den großen Hit oder die ausverkauften Hallen. Sarah Engels verdient als Influencerin ihr Geld. Ihr Song „Fire“, gesungen auf Englisch, wurde von einem Produzententeam geschrieben. Eine Pop-Nummer, wie es sie tausendfach gibt. Man schwingt kurz die Hüfte, dann ist der Song vergessen.

Der Auftritt von Sarah Engels beim ESC 2026. Sie belegte den drittletzten Platz. Quelle: YouTube.

Das empfanden die Zuschauer wohl ähnlich, denn von ihnen bekam Deutschland keinen einzigen Punkt. Über den Auftritt von Sarah Engels habe ich einen separaten Artikel geschrieben.

Der Karriere von Sarah Engels hat das schlechte Abschneiden nicht geschadet. Treue Follower halten zu ihr, die Leitung des Musicals „Moulin Rouge“ in Köln, wo sie die „Satine“ verkörpert, ebenso. Für Deutschland ist der Imageschaden enorm. Aber die Künstlerin wies jede Verantwortung von sich. Die Medien hielten sich mit Kritik zurück. Und ich hoffe, dass Deutschland auch im nächsten Jahr dabei ist. Vielleicht erkennen die Macher mit etwas Abstand, dass wir auch 2026 einfach keinen guten Act ins Rennen geschickt haben.

Bulgarien holte den Sieg

Dara gewann mit „Bangaranga“ den ESC 2026 und holte den ersten Sieg überhaupt für Bulgarien. Auch dieser Song hat eine Einzigartigkeit, die in Ohr und Auge verblieben ist. Dara hat ihn selbst geschrieben. Von den Jurys bekam sie viele Punkte. Das Publikum verhalf ihr zum Sieg.

ESC-Siegersong 2026: Dara mit „Bagaranga“. Quelle: YouTube

Bulgarien hat einen Superstar auf das ECS-Parkett geschickt. Mit Bühnenerfahrung, starker Stimme, eigenem Song und einem Outfit, das sexy war, ohne in das Moulin Rouge abzudriften. Eine Kombi, die mit dem Sieg belohnt wurde.

Uns mag niemand, in Europa

Sarah Engels kehrte nach ihrem drittletzten Platz inkognito nach Hause zurück. Sie wurde nicht müde zu erklären, dass ihr die Platzierung von Anfang an egal gewesen sei und dass sie jetzt nach vorn schauen würde. Wenige Tage später stand sie wieder auf der Musicalbühne und performte die „Sandrine“ im Kölner Musical „Moulin Rouge“.

Während dessen quollen die sozialen Netzwerke über, mit Diskussionen. Alle großen Zeitschriften berichteten und stellten sich hinter Sarah Engels. Kritik an der Künstlerin, die die große Bühne wohl vorrangig genutzt hatte, um Klicks und Follower zu generieren – wer Deutschland vertritt, dem sollte die Platzierung vielleicht doch nicht egal sein – gab es kaum. Die Diskussion ging, wie auch in den Jahren zuvor, in eine andere Richtung.

Und mag sowieso keiner. Deshalb bekommen wir keine Stimmen.

Der ESC ist eine politische Veranstaltung und Deutschland hat keine Lobby.

Wir sollten an der Gala nicht mehr teilnehmen und auch nicht so viel bezahlen.

Die Kosten belaufen sich auf rund 600.000 EUR. Dafür muss sich Deutschland nicht für das Halbfinale qualifizieren. Und ja, der ESC hat eine politische Komponente. Aber dennoch kamen die Sieger der letzten vier Jahre aus Schweden, der Schweiz, aus Österreich und Bulgarien. In keinem dieser Länder herrschen Krieg oder andere politische Verwicklungen.

Die Songs sind schlecht bis durchschnittlich

Die Teilnehmer aus den Jahren 2023 bis 2025 kannst du der Tabelle entnehmen. Sie waren vollkommen unbekannt. Nach dem ESC habe ich von ihnen nie wieder etwas gehört. Der beste Song war in meinen Augen Baller der österreichischen Geschwisterduos Abor & Tynna. An die anderen beiden kann ich mich nicht mehr erinnern.

Fire von Sarah Engels war ein Song, der vor 20 Jahren vielleicht eine gute Platzierung erreicht hätte. Er ist austauschbar. Man hatte das Gefühl, ihn schon etliche Male in anderen Versionen gehört zu haben. Gab es nicht auch einen Plagiatsvorwurf?

Ich lege mich fest: Die Songs waren bestenfalls durchschnittlich, um nicht zu sagen schlecht. Darum müssen wir uns mit einer Spanne zwischen dem Mittelfeld und dem letzten Platz zufrieden geben. Wenn Dara einen deutschen Pass gehabt hätte: Wir wären die Sieger des Jahres 2026 gewesen. Denn der Song und der Auftritt waren genial.

Ich bleibe Fan des ESC – und freue mich auf das nächste Jahr

Als Fan des ESC habe ich in 52 Jahren nur wenige Shows verpasst. Ausgerechnet 2011 war ich nicht zu Hause, als Deutschland der Gastgeber war. Doch ich habe mir die Show später angeschaut. Auf der ESC-Seite ist das noch nach Jahren möglich.

Ich bleibe Fan des ESC und freue mich schon auf das nächste Jahr. Und ich bin überzeugt, dass auch Deutschland wieder ganz vorn landen kann. Es ist nicht so, dass uns keiner mag oder dass wir im politischen Musikzirkus untergehen.

Wir brauchen einfach nur einen guten Song und eine Performance, die nicht verstaubt aus der Zeit gefallen ist. Dann haben wir die gleichen Chancen wie jedes andere Land, das beim ESC auftritt. Toll wäre auch, wenn wir einen Künstler finden, der gewinnen möchte. Dann werden wir unseren dritten Sieg vielleicht in den nächsten Jahren holen. Ich glaube ganz fest daran!

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