Influencer in Dubai: Luxusleben als Geschäftsmodell?
Warum folgen Millionen Menschen fremden Familien, um sich Tag für Tag deren Luxusleben anzuschauen und Kommentare mit Herzchen und viel Zustimmung zu hinterlassen? Diese Frage stelle ich mir seit vielen Jahren. Zwischen Poollandschaften im Garten der prächtigen Villa, dem Einkaufen in der schillernden Mall und der Werbung für Socken, Bekleidung, Matratzen und Tee bewegen sich die Lebensinhalte der Influencer, die ihre Follower seit Jahren begeistern und mit der Darstellung ihres Privatlebens Millionen verdienen. Doch hinter dieser Inszenierung steckt viel mehr. Die Influencer sind ein Produkt ihres privaten Tagebuchs. Wenn die Fassade Risse bekommt, weil Einflüsse von außen das perfekte Bild trüben, liegt das Paradies ganz schnell in Trümmern. Doch das wird nicht reflektiert: Die Influencer in Dubai verlassen ihr Zuhause und verlagern ihre heile Welt an einen anderen Strand. Kann ein solches Geschäftsmodell dauerhaft Erfolg haben?

Millionen folgen einem inszenierten Luxusleben – warum?
Ich beginne meinen Artikel mit einem Outing: Obwohl ich den Altersdurchschnitt einer jeden Community sprenge, weil die Influencer meine Kinder und deren Kinder meine Enkel sein könnten, schaue ich mir regelmäßig an, was einige Influencer zu erzählen haben. Genau genommen sind es drei Familien, die nach Dubai auswanderten. Mein Sohn, Mitte 20, kritisiert mich regelmäßig dafür. Warum unterstützt du sowas?
Mit Ausnahme des einen Followers, den diese Accounts als Zuwachs zu verzeichnen haben, leiste ich leider keine Unterstützung. Ich kaufe nichts und ziehe aus den Angeboten keinerlei Inspiration. Ich folge, weil ich das Phänomen hinter dem Geschäftsmodell verstehen möchte. Und ich gebe zu, dass ich neugierig bin, wie viele Jahre die Familien es noch schaffen, ihre Anhänger zu begeistern. Zu guter Letzt mag ich Gossip: Mit einer Tüte Popcorn zuschauen, wie sich einige Influencer die Welt schönreden. Manchmal bringt es mich zum Schmunzeln. Doch meistens lassen mich die Reels und Storys nachdenklich zurück.
Fragen über Fragen
Wie empfinden junge Mamas, die ihre Babykilos noch nach einem Jahr mit sich tragen, wenn eine Influencerin drei Monate nach der Geburt ihren perfekten Body vor dem Spiegel präsentiert?
Was löst es aus, wenn eine Influencerin und Dreifachmama von ihrer perfekten Work-Life-Balance zwischen dem Gym im eigenen Haus und dem geschnittenen Gemüse in der blitzsauberen Küche ihre Storys dreht? Die meisten Mamas müssen arbeiten gehen, haben keinen Platz für eigene Fitnessgeräte und wenig Zeit für das Workout, weil sie ihre Küche selbst sauberhalten müssen.
Fühlt es sich gut an, wenn eine junge Mama frühmorgens mit ihrem Kleinkind bei Minusgraden das Haus verlassen und ihr Kind in die Kita bringen muss, während sich die Influencerfamilie bei sonnigen 25 Grad Celsius im eigenen Pool vergnügt?
Das sind drei von vielen Fragen, die ich nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld stelle. Die Antworten sind immer ähnlich: Die tolle Figur der Influencerin setzt einige frisch gebackene Mamas unter Druck. Die blitzsaubere Küche und der selbstbestimmte Tagesablauf können negative Gefühle auslösen. Warum schaffe ich es nicht, meine Familie jeden Tag frisch und gesund zu ernähren und gleichzeitig die Küche so sauber zu halten. Ich würde jetzt auch gern an irgendeinem Pool liegen, aber das können wir uns mit drei Kindern nicht leisten.
Luxusleben versus Alltag einer deutschen Familie
Es liegt mir fern, eine Neiddebatte anzustrengen. Das Problem ist, dass der Darstellung Sätze hinzugefügt werden, die den Druck über die Bilder hinaus erhöhen: Das schafft Ihr auch! Kümmert Euch um Eure mentale Gesundheit! Hier ist mein Programm für den perfekten Body-Shape. Eine halbe Stunde am Tag ist immer machbar.
Die meisten Influencer halten ihr reales Leben privat. Nur wenige zeigen ihre Hausangestellten und geben zu, dass sie selbst ein Leben führen, das sich von dem der breiten Mehrheit unterscheidet. Anna-Maria Ferchichi, Ehefrau des Rappens Bushido, gehört zu den Influencerinnen, die ein gewisses Maß an Ehrlichkeit mitbringen. Sie steht zu ihren Beautybehandlungen und erzählt oft, wie schwierig der Alltag ihrer Mutter mit sechs Kindern war. Anna-Maria selbst kennt eine Zeit, in der sie ihr Geld in einem Jeansladen verdienen musste. Und sie gibt zu, dass sie ihren Followern nur kleine Ausschnitte aus ihrem Leben zeigt.
Den Bezug zum Alltag der deutschen Durchschnittafamilie vermisse ich bei Sarah Harrison komplett. Ihr Leben ist Tag für Tag ebenso perfekt wie ihr Body, die gut erzogenen Kinder und der attraktive Ehemann. Fremdgehgerüchte werden als „unverschämt und traurig“ beiseite geschoben. Ob derartige Berichte stimmen oder nicht, weiß nur das Paar selbst. Doch ganz sicher ist es nicht so, dass die Follower den Harrisons ihre perfekte Ehe nicht gönnen, wie Sarah in dem Artikel zitiert wird. Manchmal benötigt zu viel Perfektion einfach nur ein Ventil.
Bitte sei doch ein wenig authentischer!
Wenn ich um Rat gefragt würde, hätte ich an Sarah die Bitte, doch ein bisschen authentischer zu sein. Die deutsche Durchschnittsmama versorgt drei Kinder und den Haushalt nach sechs bis acht Stunden Arbeit plus Arbeitsweg. Sie hat an vielen Tagen keine halbe Stunde Zeit, um in ein Fitnessstudio zu fahren und dort zu trainieren. Das eigene Gym im Haus ist oft aus Platzgründen gar nicht möglich.
Liebe Sarah, weißt du nichts, von der Wohnungsnot in Deutschland? Von Familien, die in beengten Verhältnissen leben, weil sie nichts Größeres finden oder weil sie sich kein weiteres Zimmer leisten können? Du erwähnst deine Angestellten nicht, aber ich persönlich glaube nicht, dass du dein großes Haus und die Küche ganz allein sauber hältst. Die deutsche Durchschnittsmama hat kein Personal.
Du kommst doch aus bodenständigen Verhältnissen. Über deinen Ehemann ist wenig bekannt, doch auch er wurde nicht reich geboren. Kannst du dich gar nicht mehr reinversetzen, in die Lebenswelt einer Dreifachmama, die, wie du einst, in einer Bank arbeitet? Sie hat wirklich wenig Zeit für Gym, Shape und Work-Live-Balance. Oft ist sie froh, wenn sie abends auf der Couch eine halbe Stunde zur Ruhe kommt.
Als das sicherste Land der Welt in einer Krise versank
27. Februar 2026. Sarah Harrison postet ein Video, in dem sie in einer Reihe hübsch inszenierter Fotos erzählt, was sie gemeinsam mit ihrem Ehemann in ihrem Leben erreicht hat und dass sie für immer mit ihm zusammenbleiben wird. Ich bekam den Post angezeigt, nachdem es die ersten Explosionen in Dubai gegeben hatte. Denn an diesem Tag begann der Krieg zwischen den USA und dem Iran.
Sarah Harrison löschte den Post nicht. Sie äußerte sich nicht zu der aktuellen Lage. Auf ihrem sonst so lebhaften Account herrschte Schweigen. Die Follower rätselten und sorgten sich in den Kommentaren.
Am nächsten Tag meldete sich Sarah aus einem halbdunklen fensterlosen Zimmer. Sie wäre ein ängstlicher Mensch, ihr Mann wäre gerade mit einer Tochter in Frankreich und sie würde in einigen Tage mehr dazu sagen.
Ein Platz im ersten Flieger nach Deutschland
Während tausende Deutsche bangend in Hotels, auf den Flughäfen der VAE oder auf zwei beiden Kreuzfahrtschiffen der TUI auf Hilfe der Regierung oder des Reiseveranstalters warteten, kündigte Ehemann Dominic in einer Nachricht aus Frankreich an, seine Familie schnell zu vereinen.
Nach der vorübergehenden Sperrungen des Luftraums über der Golfregion landete der erste Flieger aus Dubai am Nachmittag des 3. März in Frankfurt am Main. Fast zeitgleich posteten Sarah und Dominic Harrison auf ihren Accounts Bilder der Wiedervereinigung der Familie.
Die Erklärung folgte einen Tag später: Die Rückreise erfolgte mit einem Köfferchen über den Oman und Istanbul. Die Follower schickten Herzchen und freuten sich, dass die Familie wieder vereint war. Ich habe mich vor allem für die Kinder gefreut: Kein Kind sollte derartige Erfahrungen verarbeiten müssen.
Die Harrison-Töchter leben in der Erklärung, dass sie vor einem schweren Gewitter so überstürzt aus Dubai geflohen wären. In einer späteren Story aus dem Elternhaus sagte Sarah, dass sie ihre Kinder von allem Leid fernhalten wolle und deshalb mit dieser Lüge arbeitet. Jeder müsse selbst wissen, wie er seine Kinder erzieht. Da stimme ich der Influencerin zu. Ich hätte es anders gelöst und ihnen die Wahrheit gesagt.
Mit Geld lässt sich alles regeln
Dass die Familie in Sicherheit ist, freute mich ebenso, wie ich allen anderen Betroffenen eine schnelle Heimreise und eine rasche Verarbeitung des Erlebten gewünscht habe. Doch ich hinterfrage, wie es möglich ist, dass sich Menschen, die in Dubai leben, auf den ersten verfügbaren Flieger buchen, während die Landsleute auf Sonnenliegen in Tiefgaragen oder den Sitzgelegenheiten am Flughafen ausharren müssen und nicht wissen, wie der nächste Tag verläuft.
In den Kommentaren habe ich kritische Fragen vermisst. Niemand interessierte sich dafür, ob es überhaupt möglich war, innerhalb dieser kurzen Zeitspanne per Landweg in den Oman zu reisen. Auch dort war der Flugverkehr gestört. Die zeitliche Übereinstimmung mit den Medienberichten über die Landung des ersten Fliegers aus Dubai und dem Bild der Wiedervereinigung der Harrisons provozierte auch nicht zu kritischen Kommentaren.
Eine weitere Frage, die ich mir als stiller Beobachter des Lebens dieser mir fremdem Familie stelle, ist, wie es denn nun weitergeht, mit dem Luxusleben in Dubai? Aus ihrem Elternhaus postet Sarah eine Story, in der sie sagte, dass die Kinder Ferien hätten. In drei Wochen ginge es zurück nach Hause. Dann fuhr die Familie erst einmal in den Urlaub.
Das perfekt inszenierte Leben geht weiter
Zugegeben: Es ist schwierig, im märzgrauen Deutschland ein Luxusleben zu inszenieren. Und so saß die Familie einige Tage später wieder im Flieger. Nach der Ankunft in Thailand konnte die Inszenierung des perfekten Luxuslebens endlich weitergehen: Infiniti-Pool, Palmen, Auszeit beim Radeln mit den Kindern. Sarah plant neue Shootings. Influencer haben ihre Kooperationen zu erfüllen. Ehemann Dominic muss unbedingt wieder Sport treiben und engagiert einen Personal Trainer.
Ob und wann man nach Hause zurückkehren könne, wisse man nicht. Erst einmal wurde das Ressort für eine Woche gebucht. Man ziehe den Sommerurlaub vor, heißt es als Entschuldigung. Wenn sich das sicherste Land der Welt, Heimat zahlreicher Influencer, plötzlich mitten in einem Eskalationsherd befindet, ist das Geschäftsmodell nicht gefährdet. Es wird einfach an einem anderen Ort der Welt weitergelebt. Business at Usual.
Ich fühle mich sicher und gut aufgehoben
Die Harrisons haben sich zu der Krise gar nicht geäußert. Bilder aus Dubai gab es keine. Darin unterschieden sie sich von einigen ihrer deutschen Influencer-Kollegen, die Videos von Rauchsäulen posteten und sehr offen von Einschlägen in der Nähe und von Ängsten sprachen, die sie ausstanden, während sie mit ihren Kindern auf dem Fußboden ihrer fensterlosen Badezimmer übernachteten. Die Regierung hätte angeraten, von den Fenstern fernzubleiben. Derartige Storys waren von Ina Aogo oder Fiona Erdmann veröffentlicht worden.
Schon wenige Stunden später ließen die Storys nicht mehr aufrufen. Sie wurden durch ein aktuelles Statement ersetzt, dessen Wortlaut ähnlich war: Die Regierung hat alles im Griff, wir fühlen uns hier absolut sicher. Die Vermutung, dass die Influencer unter Androhung von hohen Strafen einen Maulkorb bekommen hätten, wiesen alle empört zurück.
In den Tagen danach floh Fiona Erdmann erst in den Oman und dann nach Tansania. Ina Aogo machte mit ihrer Familie Urlaub in Thailand. Inwiefern das zu der Aussage passt, dass sie sich in Dubai sicher und gut aufgehoben fühlen, darfst du gern für dich selbst beantworten.
Dubai als digitales Paradies
Es ist kein Zufall, dass Influencer Dubai als neue Heimat wählen. Bis das Emirat aufgrund seiner Lage in den Konflikt zwischen den USA und dem Iran geriet, galt es als steuerliches Paradies, das Influencer als Werbeträge gern ein dauerhaftes Visum ausstellte. Das Leben in der Sonne, zwischen Stränden, berühmten Wolkenkratzern und Shopping-Malls, ist für den deutschen Follower spannender, als das Doppelhaus am Rande von Köln, in dem eine ehemalige Eiskunstläuferin und Schauspielerin als Influencerin aus ihrem Leben berichtete.
Auch sie zog mit ihrer Familie nach Dubai. Doch dann gewann die Tochter eine bekannte Tanzshow im RTL-Fernsehen und wollte unbedingt professionell trainieren. Weil das in Dubai nicht möglich war und der Ehemann zeitgleich eine lukrative Arbeitsstelle in Deutschland annehmen wollte, zog die Familie nach Bremen. Das Haus in Köln war vorher verkauft worden.
Ich fand diese Story nicht sehr authentisch und ließ mich zu einer Kritik in den Kommentaren hinreißen. Prompt wurde ich von der Influencerin gesperrt. Hatte ich die heile Fassade beschädigt? Dass Influencer nicht nur perfekte Storys posten, sondern auch Macht ausüben, weiß jeder, der sich getraut hat, die vielen roten Herzchen mit einer kritischen Meinung zu durchbrechen.
Luxus lässt sich in Dubai besser vermarkten
Dubai bietet weitere Vorteile: Die Zeitverschiebung von zwei oder drei Stunden plus – abhängig von unserer Sommerzeit – bietet die Möglichkeit, die Posts gezielt zu steuern, ohne allzu früh aufstehen zu müssen. Das Leben in dem Emirat soll sehr teuer sein. Doch ist es möglich, sich in Deutschland mit einem Vermögen von vier bis sechs Millionen Euro ein perfekt inszeniertes Luxusleben zu finanzieren?
Ein Beispiel: Die Familie von Rapper Bushido lebte einige Jahre in Dubai, kehrte aber vor Beginn des Krieges nach Deutschland zurück und erwarb in München-Grünwald eine Villa für 33 Millionen Euro. In Dubai werden für exklusive Lagen mit eigenem Strandabschnitt auch zweistellige Millionenbeiträge aufgerufen.
Doch eine klassische Villa mit Pool und kleinem Garten ist in Dubai bereits im niedrigen einstelligen Bereich angesiedelt. In unserer Kleinstadt am Rande Potsdams und Berlins kosten Reihenmittelhäuser mit vier Zimmern und ohne Keller eine halbe Million Euro.
Somit stelle ich die These auf, dass ein inszeniertes Luxusleben in Deutschland deutlich mehr kosten würde, als in Dubai. Das Personal ist teurer. Und alles, was der Influencer zeigen würde, wäre für den Follower erreichbar. Die Influencerfamilie ist am Ostseestrand doch deutlich unspektakulärer, als in einem noblen Beach-Ressort in Dubai.
Die perfekte Instagram-Welt bekommt Risse
Für einen kritischen Beobachter wie mich ist es spannend zu verfolgen, wie die Dubai-Influencer ihre perfekte Instagram-Welt künftig aufrecht erhalten möchten. Niemand wünscht den Emiraten einen jahrelangen Konflikt. Doch die perfekte Welt hat Risse bekommen. Können Familien mit ihren Kindern dort wieder sicher leben oder bleibt eine ständige Angst vor dem „Gewitter“ der unberechenbaren Nachbarn? Ist es angemessen, bunte Hochglanzstorys aus einem von benachbarten Ländern bedrohten Paradies zu posten und die Realität ganz unkritisch zu negieren?
Ich habe die schillernde Welt der Dubai-Influencer schon immer hinterfragt. Das mag meinem Alter geschuldet sein. Doch dieser Krieg hat alles verändert. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es einfach so weitergeht. Influencer leben von der perfekten Inszenierung ihres privaten Lebens. Das ist von Deutschland aus schwer vorstellbar. Ob es so schnell gelingt, in ein anderes Land auszuwandern, oder ob das Business einfach weitergeht, bleibt abzuwarten. Ich werde das weiter verfolgen. Als eine Followerin, die niemals Herzchen verteilt. Sondern die den Kopf schüttelt, die Herzchenmaler ein wenig bemitleidet und so manchen Gossip ein wenig genießt.
Wie lange kann ein solches Geschäftsmodell funktionieren?
Die Welt der Influencer erinnert mich seit dem Ausbruch des Krieges an die Sissi-Trilogie mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm. Gedreht zwischen 1955 und 1957, strömten die Menschen ins Kino. Sie wollten die heile Welt sehen. Einen Kriegsfilm mit Bomben und Soldaten im Schützengraben hätte sich zu diesem Zeitpunkt niemand angeschaut. Zu tief saßen die Erinnerungen an das in der Realität erlebte Grauen.
Heute schauen die Follower wieder auf heile Welten, die perfekt inszeniert sind. Nur ist es kein Film, sondern die private Lebensrealität einiger weniger, die mit ihrem Privatleben sehr viel Geld verdienen. Bekannt geworden sind sie auf verschiedene Weise: Durch einen Ehemann, der ein Fußballer war. Oder die Teilnahme an Shows wie DSDS oder GNTM hat Türen geöffnet. Sarah Harrison zog sich für den Playboy aus, hoffte, sich in den Bachelor zu verlieben, und saß bei Promi Big Brother in ollen Klamotten in einem schmutzigen Keller. Dann verliebte sie sich in einen Personal Trainer, heiratete artig vor der Geburt des ersten Kindes, und die Karriere nahm Fahrt auf.
Bushido erarbeitete sich als Rapper Vermögen und Bekanntheit, bevor sich seine Frau als Influencerin einen Namen machte. Pamela Reif und Bianca Heinecke, ehemals Bibi vom Beautypalace brauchten keinen Playboy. Sie hatten eine kreative Idee. Fitnessvideos und Schminktipps waren vor zehn Jahren der absolute Renner. Heute würde das nicht mehr funktionieren. Bibi hörte auf, Pamela lebt von ihrer großen Community. Doch was passiert, wenn die Follower irgendwann mein Alter erreichen?
Die Aufmerksamkeit bleibt bestehen
Gossip hat uns Menschen schon immer fasziniert. Ein Blick in das Privatleben anderer war für die breite Masse schon immer interessant. Promi-Magazine versorgten den interessierten Leser einmal wöchentlich mit den neuesten Informationen über große Stars, kleine Sternchen, den Adel und das Privatleben der Politiker.
In den 1990er-Jahren hielt Reality Einzug in die Welt des Fernsehens. Diese Geissens gehörten zu den ersten, die der Nation ihr luxuriöses Privatleben präsentierten. Follower gab es zu dieser Zeit noch nicht. Auch keine sozialen Netzwerke. Doch die Psychologie der Selbstdarstellung ließ sich schon lange vor der Digitalisierung sehr gut vermarkten.
Auch künftig werden Menschen dem Leben der anderen Aufmerksamkeit widmen. Das Interesse an Reisen, an Luxus und außergewöhnlichen Lebensentwürfen bleibt mit Sicherheit bestehen. Doch der Markt füllt sich. Die Konkurrenz wird größer.
Sinkende Reichweite und abnehmendes Interesse
Derzeit lässt sich bei den Influencern, denen ich seit längerer Zeit folge, ein Stillstand oder Rückgang beobachten. In den letzten fünf Jahren wuchs die Community von Anna-Maria Ferchichi um 600.000 auf eine Million. Dominic Harrison fiel unter diese Marke, seine Ehefrau Sarah verzeichnet im genannten Zeitraum mit 3 Millionen Followern eine gleichbleibende Anzahl. Stillstand anstelle von Wachstum.
Eiskunstläuferin Tanja Szewczenko verlor mit dem Umzug ihrer Familie nach Dubai etwa ein Drittel Follower. Seitdem hält sie ihre Zahl knapp über der 300.000 und gehört damit gerade so zu den Influencern, die von ihren Accounts leben können. Ein Wachstum ist auch bei ihr in den letzten fünf Jahren nichts mehr zu beobachten.
Gründe für die Stagnation sind ein abnehmendes Interesse, weil Follower älter werden oder weil die Reichweite aufgrund der immer gleichen Inhalte sinkt. Hinzu kommt, dass die Plattformen gern einmal die Algorhitmen ändern und Inhalte nicht mehr wie gewohnt präsentieren.
Wenn die Glaubwürdigkeit zum Problem wird
Ist es glaubwürdig, seinem Publikum einen perfekt inszenierten Lebensstil zu präsentieren? Kommt nicht auch für denjenigen, der täglich viele Herzchen und Küsschen versendet, der Tag, an dem ihm die künstliche Perfektion seiner Lieblings-Influencerin auf die Nerven geht? Und wie steht es mit den Empfehlungen für Socken, BHs, Tee, Kosmetik oder Gewürzen, die im Haushalt der Influencer ganz selbstverständlich im Einsatz zu sein scheinen, aber nach genauerem Hinsehen als Werbung verpackt wurden?
Welchen Eindruck hinterlässt es bei dem größten Fan, dass sich Familie Harrison keine zwei Wochen nach Ausbruch des Konflikts in der Golfregion im Infinity-Pool eines Luxusressorts in Thailand räkelt, während auf dem Flughafen in Dubai Menschen auf ihre Rückholung warten? Auch wenn die Regierung des Emirats nicht müde wurde, positive Nachrichten zu verbreiten, drang doch durch, dass der Luftraum von Sperren betroffen war und Splitter von abgefangenen Drohnen zu Explosionen führten.
Über die Lage in ihrem Zuhause verloren die Harrisons kein Wort. Sie blieben auch nicht in München im sicheren Hafen ihrer Herkunftsfamilie. Den Bildern nach zu urteilen, scheinen die Eltern recht bodenständig zu leben. Doch der Account der Harrisons ist auf Luxus und eben diese künstliche Perfektion ausgelegt. Wir glaubwürdig ist ein unbeschwerter Familienurlaub, wenn die Menschen zu Hause nachts von Einschlägen der Drohnen in Tiefgaragen flüchten?
Autenzität und Persönlichkeit werden künftig eine größere Rolle spielen
Social Media entwickelt sich weiter. Der Trend geht schon jetzt zu Authenzität und einem hohen Maß an Persönlichkeit. Größere Accounts, die einen künstlich inszenierten Alltag präsentieren, verlieren an Reichweite, während kleinere Influencer mit realistischen Inhalten wachsen.
Obwohl ich weiß, dass Familie Ferchichi in den Medien stark polarisiert, möchte ich Anna-Maria einmal mit Sarah Harrison vergleichen. Beide leben ein Luxusleben. Doch sie präsentieren es ganz unterschiedlich. Zwei Beispiele möchte ich nennen.
Beide Familien haben einen Thermomix. Während Anna-Maria mit Handschuhen in der Küche steht und mit ihren Kindern Gemüse schnippelt, kippt Sarah die fertig gerichteten Zutaten, die sie ohne Kamera vorbereitet hatte, in den Mixtopf. Auffällig ist, dass die Küche der Ferchichis während der Videoaufnahme nicht so blitzsauber ist, wie die Küche von Frau Harrison. Was in der Natur der Sache liegt, wenn man darin arbeitet.
Beide Influencerinnen betonen, dass sie ihren Followern nur einen kleinen Teil ihres Lebens zeigen. Dieser kleine Teil besteht bei Sarah Harrison ausschließlich aus Harmonie und Perfektion. Bei den Ferchichis wird hingegen gestritten. Die Kinder zoffen sich gelegentlich, die Eltern auch. Auch, wenn du beide nicht kennst: Was ist für dich authentischer? Ich würde immer den Streit wählen. Weil in meinen Augen keine Familie 365 Tage im Jahr in vollster Harmonie lebt.
Zahlen und eine Prognose
Die Zahlen hatte ich weiter oben schon einmal erwähnt: Die Zahl der Follower von Sarah Harrison stagniert oder bewegt sich langsam nach unten. Anna-Maria Ferchichi gewinnt kontinuierlich an Publikum hinzu. Vertrauensverlust stellt ein großes Risiko für das Geschäftsmodell Influencer dar.
Vor einigen Jahren erwähnte Sarah Harrison einmal, dass sie noch nicht wisse, wie lange sie als Influencerin tätig sein wolle. Ihre Kollegin Bianca Heinicke von Bibis Beautypalace hat sich komplett transformiert: Statt Beauty referiert sie über einen gesunden Lebensstil. Es ist gut vorstellbar, dass die Krise im Nahen Osten die Projekte der Harrisons früher verändert, als sie es geplant haben. Ob und wann die Normalität nach Dubai zurückkehrt, weiß derzeit niemand.
Die Ferchichis sind aus persönlichen Gründen vor dem Beginn der Krise aus Dubai zurückgekehrt. Offiziellen Schätzungen zufolge verfügen sie über ein Vermögen von bis zu 25 Millionen Euro. Die Harrisons werden auf drei bis sechs Millionen Euro geschätzt. Das ist für ein Leben in einer Villa mit Pool und Personal in Deutschland fast zu wenig.
Wäre ich in einer Redaktion angestellt und würde mich mein Chef ermutigen, eine Prognose über beide Influencer-Familien abzugeben, würde ich schreiben, dass die Ferchichis in fünf Jahren noch erfolgreich sind. Die Harrisons ziehen an irgendeinen anderen Ort der Welt und versuchen, ihre Inhalte unverändert weiter zu vermarkten. Hier wird die Reichweite meiner Meinung nach sinken. Sie könnten ihre Zukunft mit der einer Tanja Szewczenko teilen, deren Reichweite sich nach dem Umzug nach Dubai und der Rückkehr nach Deutschland schon kurze Zeit später auch nach zwei Jahren nicht erholte.
Ein Gedanke zu den Plattformen
Ich habe meine Blogs gestartet, als alle Welt schon auf Social Media aktiv war. Auch ich habe dort Accounts. Doch ich störe mich an den Regularien und wollte größtmögliche Selbstbestimmung. Auch hier bin ich von der Digitalisierung abhängig. Aber es gibt niemanden, der ganz direkt meine Algorithmen beeinflusst oder meine Reichweite begrenzt.
Wenn du einen Account auf einer Plattform veröffentlichst, musst du dich an die dort geltenden Regeln halten. Du musst darauf reagieren, wenn Inhalte plötzlich anders ausgespielt werden oder wenn sich die Vorgaben für die Monetarisierung ändern. Solltest du davon leben, kann das zu einem plötzlichen Einbruch deines Gewinns führen. Natürlich ist es auch möglich, dass du davon profitierst.
Das alles gilt auch für die Influencer. Ihre Reichweite ist von der Ausrichtung der Plattform abhängig. Wer heute Millionen Follower hat, wird sie nicht morgen verlieren. Aber es bliebt spannend zu beobachten, wie sich dieses Business weiter entwickelt. Dies betrifft vor allem die Influencer in Dubai. Denn bei ihnen kommt die Unsicherheit in der Wahlheimat noch hinzu.
Nach außen hin mag das Modell sicher wirken. Doch die Ereignisse ab dem 27. Februar 2026 haben gezeigt, dass nicht nur die Reichweite fragil sein kann, sondern auch das Luxusleben im Paradies.
Was langfristig bleibt
Seit es Medien gibt, und sei es in Form einer klassischen Zeitung, waren Menschen neugierig auf das Leben der anderen. Auf der anderen Seite gab und wird es immer Menschen geben, die bereit sind, ihr Leben mit der Öffentlichkeit zu teilen. Somit werden Social Media und der „Beruf“ des Influencers nicht verschwinden.
Ich glaube, dass sich das Bild und die Ausrichtung der Influencer verändern wird. In einigen Jahren werden nicht mehr die Luxusbilder und das perfekte Familienleben begeistern. Stattdessen rücken andere Inhalte in den Vordergrund:
- Expertise
- Unterhaltung
- Persönlichkeit
- echte Geschichten.
Es mag an meinem Alter liegen, aber mich ermüdet dieser Lifestyle-Content. Ich finde es spannender, wenn jemand zeigt: Klar streiten wir. Selbstverständlich streiten unsere Kinder. Auch unsere Küche ist dreckig, wenn wir gemeinsam kochen.
Gibt jemand zu, dass er sich von Angestellten und Nannys unterstützen lässt, ist das doch ehrlicher, als das perfekte blitzsaubere Haus zu zeigen und zu suggerieren, das hätte man alles selbst erledigt.
Diese glänzende Oberfläche trügt. Hinter jedem Bild stehen Plattformen, Algorithmen und ein Publikum, das sich schnell neuen Geschichten zuwendet. Vielleicht ist das eigentliche Risiko dieses Geschäftsmodells nicht der Luxus – sondern seine Vergänglichkeit.
Wenn das Leben zum Produkt wird …
Produkte sind vergänglich. Wer erinnert sich noch an die Diddl-Maus, das Tamagotchi oder weiß, was wir mit einem Quix gemacht haben? Alle drei Produkte arteten in einen Hype aus. Die letzten beiden sorgten in der gesamten westlichen Welt für Begeisterungsstürme. Heute wissen junge Menschen gar nicht mehr, was ist das.
Influencer vermarkten ebenso ein Produkt. Es heißt Leben. Wie schnell ein vermeintliches Paradies zu einem Ort der Tränen werden kann, weiß nun jeder, der Nachrichten schaut und irgendwann einmal einem Dubai-Influencer gefolgt ist. Auch das Produkt der Lebensvermarktung ist vergänglich.
Auch wenn ich dreißig Jahre meines Lebens ohne Digitalisierung verbracht habe, finde ich Gefallen an ihr und werde das Leben einiger Influencer weiter verfolgen. Wenn die Accounts künftig realistischer berichten und der Follower weniger Dubai zu sehen bekommt, würde ich das wirklich begrüßen.
Abschließend wage ich eine Prognose: Das Geschäftsmodell der heilen Luxuswelt wird nicht mehr lange mit Herzchen kommentiert werden. Die Krise im Nahen Osten wird für nachhaltige Veränderungen sorgen. Wenn es so käme, fände ich das gut. Ich finde manche Herzchen unerträglich. Vor allem die unter dem Reel mit der schnellen Wiedervereinigung der Familie Harrison nach der Landung einer Maschine aus dem Krisengebiet, während Zehntausende, die dort nicht lebten, tagelang auf ihre Rettung warten mussten.
Übrigens: Die Frage, warum Millionen dem Luxusleben fremder Familien folgen und viele Herzchen hinterlassen, konnte ich für mich nicht beantworten. Vielleicht kannst du weiterhelfen? Schreib es gern in die Kommentare.

ISSN 3053-674X
TS 2026-12





