Gesellschaftlicher Wandel in Deutschland – mögliche Gründe
Konflikte im Alltag begegnen uns häufiger, als noch vor einigen Jahren. Sie zeigen uns einen gesellschaftlichen Wandel in Deutschland, der bedenklich stimmt und Ängste schüren kann. Eine Kombination aus sozialer Kälte, einem sehr angespannten Meinungsklima und hoher politischer Unzufriedenheit sorgt für Aggressionen. In Diskussionen auf sozialen Netzwerken, bei Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Straßenverkehr erleben wir nicht mehr die einstige Hilfsbereitschaft, sondern Aggressivität. Wann haben wir das letzte Mal einem älteren Menschen den Platz in der Bahn angeboten oder die Tür aufgehalten? Heute wird geschimpft, beleidigt, gedrängelt und gemeckert. Warum ist der Ton im gesellschaftlichen Miteinander so rau? Was haben steigende Kosten und eingeschränkte Meinungsfreiheit damit zu tun? Der Versuch einer Analyse.

Aggression im öffentlichen Raum – drei Beispiele
Der Regio hält am Berliner Hauptbahnhof. Ich halte den Lenker meines Fahrrades in der Hand und möchte aussteigen. Doch eine ältere Dame, ich schätze sie Mitte 70, steht direkt vor mir auf dem Bahnsteig, versperrt mir den Weg und möchte gern einsteigen. Ich bleibe höflich, bitte sie, mich doch erst aussteigen zu lassen.
Was müssen Sie mit Ihrem Fahrrad Zug fahren? Das ist unmöglich!
Sie drängelt sich an mir und den anderen Fahrgästen vorbei und nutzt dabei ihre Ellenbogen. Wichtige Nebenbemerkung: Ich stand in der offenen Tür des Fahrradabteils. Es ist in unseren Zügen mit einem großen Rad auf der Scheibe gekennzeichnet
Die Charlottenstraße in Potsdam ist eine zweispurige Hauptstraße. In der Mitte fährt die Straßenbahn und es gibt einen regen Busverkehr. Stadtauswärts gehen nach rechts mehrere Straßen ab, die zur Fußgängerzone führen. Die Autofahrer kommen aus einer Sackgasse und müssen die Vorfahrt beachten. Eine von ihnen ist die Dortustraße.
Ich bin auf der Charlottenstraße stadtauswärts unterwegs. Ein junger Mann in einem Kombi kommt von rechts aus der Dortustraße und nimmt mir die Vorfahrt. Ich konnte abbremsen. Er bog nach links ab, zeigte mir einen Vogel und gestikulierte wild hinter seinem Lenkrad.
Wir fahren mit unseren Fahrrädern auf dem Berliner Mauerweg. Einige Bereiche des etwa 165 Kilometer langen Rundweges sind nicht sehr breit: Zwei Fahrräder können gut aneinander vorbei fahren, aber fünf Spaziergänger, die nebeneinander laufen, benötigen die gesamte Breite des Weges. Konkret waren es fünf junge Frauen, die sich angeregt unterhielten. Wir klingelten, in der Annahme, sie würden kurz zur Seite treten, sodass wir vorbei fahren können.
Leider störten sich die jungen Frauen an unserer Klingel. Sie wollten keinen Platz machen. Wir stiegen von unseren Rädern und schoben an der kleinen Gruppe vorbei.
Das ist hier kein Radweg. Hier ist Radfahren verboten.
Diese Worte rief uns eine der Frauen hinterher, als wir vor ihnen auf unsere Räder stiegen. Wenn sie einmal das große Kulturkaufhaus Dussmann besuchen, finden sie in der Berlin-Abteilung im Erdgeschoss viele Dokumentationen über den Berliner Mauerweg als ausgewiesenen Radweg.
Gegeneinander anstatt Miteinander
Ich bin in der DDR aufgewachsen. Wir lebten in meinem Heimatland eher miteinander als gegeneinander. Vielleicht störe ich mich deshalb so sehr an diesen Aggressionen. Ich vermisse Höflichkeit untereinander und die kleine Unterstützung im Alltag. Wir haben gelernt, dass man Menschen aus dem Bus oder dem Zug erst einmal aussteigen lässt. Es gab auch bei uns Verstöße in der Vorfahrt und Unfälle. Doch dass ich jemandem einen Vogel zeige, dem ich die gerade Vorfahrt genommen habe, war nicht übel. Rad- und Fußwege nutzten wir auf eine andere Weise miteinander: Der Radfahrer klingelte, der Fußgänger machte kurz Platz, der Radfahrer bedankte sich.
Meine drei Beispiele sind natürlich nicht die Regel. Es gibt auch heute noch freundliche Mitmenschen, die beim Aussteigen mit dem Fahrrad aus dem Regio mit anfassen. Eine freundlich-verlegene Handbewegung zum Gruß wäre die richtige Reaktion, wenn es mit der Vorfahrt einmal nicht geklappt hat. Sozusagen als kleine Entschuldigung. Viele Fußgänger treten auch heute noch zur Seite und haben keinen frechen Spruch auf den Lippen, wenn ein Radfahrer hinter ihnen klingelt. Doch die negativen Momente im öffentlichen Raum häufen sich. In meinen Augen sind sie ein Spiegel einer Gesellschaft, in der Spaltung, Unzufriedenheit und Angst vor der Zukunft regieren.
Unser Leben im besten Deutschland aller Zeiten
Die 16-jährige Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel endete auf ihren eigenen Wunsch mit der Wahl am 26. September 2021. Sie zog sich aus der Politik zurück und erklärte vorab, dass sie keinerlei Aufgaben mehr übernehmen werde. Knapp drei Wochen zuvor, am 7. September 2021, sagte sie in ihrer letzten Regierungserklärung folgende Worte:
Wir leben im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat.
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen ihrer letzten Regierungserklärung am 7. September 2021
Mit dem Rückblick auf die Jahrzehnte im wiedervereinigten Deutschland muss ich Frau Merkel widersprechen. Wir hatten bis zum Ende der 2010er-Jahre ein Leben, das friedlich war und dass sich auch Menschen mit einem durchschnittlichen Gehalt leisten können. Die Lebenshaltungskosten waren günstig, die Wohnkosten bezahlbar. Der Arbeitsmarkt hatte eine gewisse Stabilität. Die Zukunftsaussichten waren weitestgehend positiv. All dies hat sich mit dem Beginn der Corona-Pandemie und dem Kriegsschauplatz Ukraine geändert. Die Menschen sind unzufrieden, sie haben Angst vor der Zukunft. Schlägt sich das im täglichen Umgang miteinander nieder?
Unsicherheit und Frust dominieren den Alltag
Wir leben in einer Zeit, die sehr unsicher ist. Zwei Kriege, nicht weit von uns entfernt, schüren Angst. In Deutschland liegt die Wirtschaft am Boden. Die Anzahl der Firmenpleiten liegt bei einem fünfstelligen Wert im Jahr. Tendenz steigend. Arbeitsplätze sind in vielen Branchen in Gefahr. Es gibt eine sehr große Zahl an Arbeitnehmern, die für einen sehr niedrigen Lohn arbeitet. Mehr als ein Drittel wird für Steuern und Sozialabgaben abgezogen, bei Besserverdienenden ist es knapp die Hälfte. Ein großer Teil muss für das Wohnen und für Lebensmittel investiert werden. Unsicherheit und Zukunftsangst sind die Folgen.
Viele Menschen haben das Gefühl, dass es mit Deutschland Jahr führ Jahr weiter bergab geht. Und das Gefühl trügt nicht: Auch Wirtschaftsexperten sagen unserem Land eine eher düstere Prognose mit einem mickrigen Wachstum voraus. Wenn es denn überhaupt eines gibt. Das schürt Ängste, die in Frust und Aggressionen münden. Doch wer möchte schon gern seine Familie und seine Freunde damit belasten? Fremde sind doch ein perfektes Ventil für die angestaute Wut. Und so nervt der Fahrradfahrer, der aus dem Zug aussteigen will oder der mit der Klingel darum bittet, vorbeigelassen zu werden.
Hohe Abgabenlast, niedrige Renten
Wir haben in Deutschland im OECD-Vergleich hinter Belgien die zweithöchste Abgabenlast aller geführten Länder. Der Wert liegt bei 47,9 Prozent. Gleichzeitig liegen wir im Rentenniveau deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Länder: Dieser liegt bei 62 Prozent, wobei Rentner in den Niederlanden oder Österreich bis zu 90 Prozent ihres Einkommens an Zahlungen erhalten. Deutsche bekommen 48 Prozent ihres letzten Verdienstes an Rentenzahlungen. Die Regierung fordert zur Selbstvorsorge auf und wird nicht müde zu betonen, dass die Rente nur eine Säule der Altersabsicherung sei. Doch für eine private Absicherung muss jeden Monat Geld übrig sein. Geld, das in vielen Haushalten wegen der hohen Lebenshaltungskosten gar nicht vorhanden ist.
Das Geld im Portemonnaie wird weniger
Krankenkassen, Pflegekassen, Rentenkasse: alle melden Finanzlücken in Milliardenhöhe. Die Lohnnebenkosten steigen weiter. Jahr für Jahr erhöhen viele Krankenkassen pünktlich zum Jahresanfang den Zusatzbeitrag. Die Regierung hebt die Bemessungsgrenze für Gutverdiener an. Die Folge sind Belastungen von bis zu 450 Euro im Jahr. Als Entlastung hebt die Regierung den jährlichen Steuerfreibetrag an. Die Ersparnis beträgt 120 EUR im Jahr. Die Pendlerpauschale wird um acht Cent pro Kilometer angehoben. Pendler profitieren bei einem Arbeitsweg von 20 Kilometer am Tag und 220 Arbeitstagen von einer Entlastung von maximal 135 EUR im Jahr. Bei niedrigem Verdienst und geringerem Steuersatz sind es weniger als 100 EUR im Jahr. Fazit: Sämtliche Entlastungen werden dem Bürger an anderer Stelle wieder weggenommen.
Preiserhöhungen in allen Bereichen des Lebens
Egal, wo wir hinschauen: Es wird teurer. In unserer Region steigen die Müllgebühren zum Beginn des neuen Jahres um 20 Prozent. Unsere monatliche Belastung für den Bezug von Erdgas ist seit dem Beginn des Ukrainekrieges um 120 Prozent gestiegen. Strom ist 30 Prozent teurer. Wer kein Deutschlandticket hat, zahlt jährlich etwa acht Prozent mehr für eine Fahrkarte. Die Monatskarte für die Mitnahme unserer Fahrräder im Regiotarif Berlin ABC stieg in nur vier Jahren von 13,20 EUR auf 18,20 EUR pro Monat. Analog werden die Preise für Einzelfahrten und Tageskarten Jahr für Jahr angehoben. Das sind Beispiele aus unserem Portemonnaie. Nahezu jeder von uns ärgert sich über Preissteigerungen, die seinen privaten Bereich betreffen.
Zu Beginn des Jahres 2026 hat die Regierung die Mehrwertsteuer für die Gastronomie gesenkt. Doch die Gastwirte geben die Ersparnis nicht weiter. Begründung: Anstieg des Mindestlohns und hohe Energiekosten. Dabei wurden die Preise am Jahresbeginn 2024 um zwölf Prozent erhöht, weil die coronabedingte Senkung der Mehrwertsteuer wegfiel. Essen gehen bleibt teuer – an anderer Stelle habe ich mich mit diesem Thema schon einmal auseinandergesetzt.
Und was hat das Geld mit den Aggressionen auf der Straße zu tun? Unser Einkommen ist die wichtigste Lebensgrundlage unserer Zeit. Die meisten von uns können sich nicht mehr selbst versorgen. Immer höhere Kosten verursachen eben diese Unsicherheit, die zu Angst und Aggressionen führen kann. Neben den Lebenshaltungskosten sind steigende Mieten und hohe Kaufpreise für Immobilien weitere Probleme. Und dann gibt es noch die Meinungsfreiheit, die eigentlich im Grundgesetz verankert ist. Wie steht es damit?
Dürfen wir heute alles sagen?
Spontan würde ich die Frage mit „nein“ beantworten. Doch wenn es um politische Ansichten geht oder um eine Meinung zu einem weltpolitischen Thema, scheinen die Ansichten im Voraus definiert zu sein. Und es gibt noch viele weitere Diskussionen, die nicht auf gleichwertiger Ebene besprochen werden. Da stehen sich Fleischkonsumenten und Veganer gegenüber, die auf pflanzliche Ersatzprodukte setzen. Wer keine Kinder möchte, streitet mit Eltern über das Für und Wider. Wer mit 40 das erste Baby bekommt, erhebt sich über Teenagermütter. Alt streitet mit Jung über die Rentenansprüche. Die Boomer haben zu wenig Kinder bekommen, die Jungen setzen auf Work-Life-Balance und wollen nur noch vier Tage in der Woche arbeiten. Mit vollem Lohnausgleich, versteht sich. Die Liste lässt sich noch ein bisschen weiter fortsetzen.
Politische Unzufriedenheit im Osten
Hier im Osten wählen viele Menschen die AfD. Ein großer Teil bringt damit den Frust über die Politik zum Ausdruck. Die Zukunftsangst ist im Osten größer, weil die Einkommen und die Renten geringer sind und kein Vermögen vorhanden ist. Die Wähler fühlen sich bei den Altparteien nicht aufgehoben und wählen die AfD aus der Hoffnung heraus, dass sich etwas ändert.
Offizielle Zahlen über die Anzahl der Wähler, die eine ostdeutsche Biografie haben und die AfD wählten, gibt es nicht. Groben Schätzungen zufolge waren es bei der Bundestagswahl 2025 zwischen 800.000 und eine Million. Zweifelsfrei sind darunter Menschen, die sich rechtsextremes Gedankengut zu Eigen machen. Aber ganz sicher sind nicht alle AfD-Wähler rechts. Doch sie werden so dargestellt.
Wer heute offen zugibt, dass er die AfD wählt, wird nicht mehr von der Stasi abgeholt. Doch wenn er es laut sagt, unter den Kollegen, in der Familie oder im Freundeskreis, könnte ihm Ungemach drohen. Das erinnert an an die DDR. Zumindest ein kleines bisschen.
Bitte dem Mainstream folgen
Bereits in der Corona-Zeit kam der Begriff „DDR 2.0“ auf. Die Gesellschaft war in zwei Teile gespalten. Der eine Teil war geimpft. Der andere ließ sich nicht impfen und wurde über Wochen oder Monate vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Die Diskussionen in den Medien und den sozialen Netzwerken waren übel. Von diesem Bruch der beginnenden 2020er-Jahre hat sich unsere Gesellschaft bis heute nicht erholt.
Auch ich gehöre zu denen, die unter einer im Grundgesetz verankerten Meinungsfreiheit etwas anderes verstehen. Anstatt eine konkurrierende Partei mit einer guten Politik auszuschalten, werden die Wähler diffamiert. Ein Verbot steht zur Diskussion. Die Vorgehensweise unterscheidet sich deutlich von dem Leben in der DDR. Wer etwas anderes behauptet, kennt die DDR nicht. Aber mit Demokratie hat das nicht viel zu tun.
Frei, unzufrieden, undankbar
Die Freiheit, für die wir im Jahre 1989 kämpften, haben sich viele anders vorgestellt. Das erklärt die Unzufriedenheit, die im Osten vorherrscht und die gern als „Undankbarkeit“ ausgelegt wird. Wobei wir bei der Mauer in den Köpfen sind, die in diesem Artikel nicht thematisiert werden soll. Doch wer sich am Leben in der DDR und der Stasi abarbeitet, sollte einmal darüber nachdenken, ob wir heute wirklich eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit haben. Es gibt ja nicht nur die Wahlergebnisse der AfD: Auch Corona und die Flüchtlingskrise zeigten, dass Meinungen, die nicht dem Mainstream entsprechen, unerwünscht sind.
Eine Diktatur, die Menschen einengt, wird es hoffentlich nie wieder geben. Aber perfekt ist das System, in dem wir jetzt leben, nicht. Es gibt schöne, angenehme Seiten. Und andere, die weniger gut sind. Im direkten Vergleich mit der DDR überwiegen die angenehmen Seiten. Was aber nicht heißt, dass alles ganz wunderbar ist. Umgekehrt gab es in der DDR Dinge, die schön waren. Ich habe schon oft den Satz gehört, dass wir damals ruhiger gelebt hätten. Vor allem lebten wir mehr miteinander und weniger gegeneinander. Im Privatleben war das so, auch wenn es heute mit dem Wissen über die Diktatur und die Überwachung durch die Stasi anders suggeriert wird.
Wir haben die Freiheit, die wir uns gegen Ende der 1980er-Jahre wünschten. Dafür müssen wir nicht dankbar sein. Denn für unsere Herkunft können wir nichts. Unzufriedenheit gibt es wirklich. Damit überdecken viele Menschen ihre Ängste. Wobei wir wieder bei den Aggressionen sind, die sich innerhalb der Gesellschaft entladen. Im Straßenverkehr, in den sozialen Netzwerken oder im privaten Bereich. Unter Freunden, Verwandten, Kollegen.
Gesellschaftlicher Wandel in vielen Lebensbereichen
Wenn ich heute durch die knapp einen Kilometer lange Straße meiner Kindheit laufe, sehe ich hinter vielen Einfamilienhäuser noch ein Gesicht. Von den Nachbarn im Umkreis von dreihundert Metern kannten wir die Namen. Wie mein Nachbar heute heißt, weiß ich nicht. Wir leben seit zehn Jahren nebeneinander.
Ein Kollege meines Mannes hat nach knapp 30 Jahren Betriebszugehörigkeit einen Aufhebungsvertrag unterschrieben. Er hat eine chronische Krankheit. Der Arbeitgeber konnte oder wollte nicht akzeptieren, dass es Kollegen gibt, die mit zunehmendem Alter einen „leidensgerechten“ Arbeitsplatz benötigen. Nach mehreren Jahren Kampf um die Weiterbeschäftigung gab der Kollege auf. Mit Mitte Fünfzig und der Erkrankung wird ein Neuanfang im Arbeitsleben schwer. Es hätte Möglichkeiten eines Arbeitsplatzes mit geringer körperlicher Auslastung gegeben, der Kollege war qualifiziert. Doch das war vonseiten des Unternehmens nicht gewollt.
Frust und Unmut – auf vielen Ebenen
Wir begegnen den ungehaltenen Autofahrer, der hinter seinem Steuer wild gestikuliert. Und der älteren Dame, die sich an Fahrrädern im Zug stört. Der ungehaltene Chef möchte sich nicht mit erkrankten Mitarbeitern auseinandersetzen. Die Nachbarn kennen und grüßen sich nicht mehr. Das sind keine westdeutschen Phänomene, sondern sie entstanden vornehmlich in den letzten zehn Jahren.
Zu Beginn der 1990er-Jahre fuhr ich allein mit meinen beiden kleinen Söhnen in einem Wartburg von Neuenbürg in Baden-Württemberg nach Hause. In Bayern musste ich tanken. Bei uns im Osten gab es an den Zapfsäulen ein Benzin-Öl-Gemisch. In Bayern gab es das nicht. Ein junger Tankwart verkaufte mir Zweitaktöl und mischte es in meinen Tank.
Zehn Jahre später blieb ich in Hamburg mit unserem Opel Omega mitten auf einer Kreuzung liegen. Die Wasserpumpe war defekt. Sofort waren starke Männer an meiner Seite, die mir halfen, den Wagen von der Kreuzung zu schieben. Im Westen gibt es Nachbarschaftshilfe und Achtsamkeit ebenso wie bei uns. Doch heute, im wiedervereinten Deutschland, kommen uns diese Tugenden abhanden.
Der gesellschaftliche Wandel ist von einem Frust und Unmut geprägt, der anstrengend ist und verärgert. Doch wie kommen wir da wieder raus? Die Politik wird uns in absehbarer Zeit nicht helfen. Wir können nur selbst darauf achten, dass wir unseren Mitmenschen freundlich und höflich begegnen. Denn sie können nichts dafür, wenn wir uns gerade nicht gut fühlen.

ISSN 3053-674X
TS 2025-65





