Alkoholkonsum: Zwischen Gewohnheit, Erwartung und Risiko

Alkoholkonsum: Zwischen Gewohnheit, Erwartung und Risiko

Alkoholkonsum gilt in unserer Gesellschaft als normal. Das Glas Rotwein zum Abend, ein Feierabendbier vor dem Schlafengehen und reichlich Wein, Sekt und Spirituosen bei Feiern und Festlichkeiten. In Maßen genossen, ist Alkohol für die meisten Menschen kein Problem. Sie können ihren Konsum kontrollieren, trinken im Alltag wenig und zu besonderen Anlässen etwas mehr. Doch es gibt Menschen, die ihre Trinkgewohnheiten nicht mehr steuern können. Und es gibt diejenigen, die sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie keinen Alkohol trinken. Zu dieser Gruppe gehöre ich. Mir sind die Risiken des Trinkens früh im Leben begegnet. Seitdem frage ich mich: Wo verläuft die Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptiertem Genuss und einem Konsum, der problematisch wird? Und warum schauen wir so selten genau hin?

Glas Rotwein und Buch auf einem Couchtisch in einem stilvollen Wohnzimmer, warmes Licht, stille und nachdenkliche Atmosphäre.

Warum trinkst du keinen Alkohol?

Ich sitze mit meiner Freundin aus Kindertagen im Wohnzimmer ihrer Eltern. Es ist der Tag ihrer Goldenen Hochzeit. Wir wohnten gegenüber und sind quasi miteinander aufgewachsen. Ich habe den Eltern gratuliert. Einige Freunde des Paares sitzen mit am Tisch. Auf die Frage, was ich trinken möchte, antworte ich mit bitte ein Wasser. Und lehne Wein, Sekt und Bier mit den Worten ab: Ich trinke keinen Alkohol.

Zehn Augenpaare sehen mich erstaunt an. Gar nicht? Nichtmal heute? Was ist der Grund dafür?

Die Eltern meiner Freundin kennen den Grund. Das Haus gegenüber, in dem ich aufwuchs, gibt es nicht mehr. Das Grundstück, welches vier Generationen in unserem Besitz war, verkaufte mein Vater kurz vor seinem Tod an seinem 51. Geburtstag. Er starb an den Folgen seines übermäßigen Alkoholkonsums.

Bier und Korn als ständiger Begleiter

In der Familie meines Vaters floss sehr viel Alkohol. Das Bierchen oder ein „Klarer“ begleiteten nahezu jeden Tag. Zwischen all den Namen, die regelmäßig Alkohol tranken, gibt es Familienmitglieder, die keinen Tropfen anrührten. Meine Omi gehörte dazu. Meine erwachsenen Kinder trinken nicht. Ebensowenig meine Cousins.

Dabei war mein Vater nicht der typische Alkoholiker, dem man sein Problem ansah. Er war hochgebildet, hatte studiert und einen hohen Posten im Meteorologischen Dienst der DDR. Inklusive Fernsehen – da sagte er das Wetter an – und Autorentätigkeit. Er beschrieb den Wettereinfluss auf den Flug der Brieftauben. Seine Doktorarbeit stellte er nie fertig.

Mittlerweile habe ich ihn an Lebensjahren überlebt. In der Familie wissen wir, warum er so viel getrunken hat: Sein Leben zwischen seiner Herkunft und seinem Beruf hat ihn überfordert. Ein riesiger Obstgarten und Schichtarbeit im Wetterdienst waren nicht miteinander vereinbar. Zumindest nicht für jemanden, der intellektuelle Interessen pflegte und die Gartenarbeit als Pflicht verstand. Bier und Korn wurden seine ständigen Begleiter. So lange, bis der Körper aufgab.

Geprägt durch die Kindheit

Alkohol hat meine Kindheit begleitet. Es gab nicht die typischen Exzesse. Keine Schläge, kein Geschrei, keine zertrümmerten Möbel. Das Bild, dass die Allgemeinheit von einem Alkoholkranken hat, stimmt bei uns nicht. Mein Vater war freundlich und gefällig. Er verschenkte gern das Geld, das er beim Skat gewann, und legte sich schlafen. Nach dem Aufwachen war alles wie immer.

Doch ich vermisse ihn bis heute und hätte mir gewünscht, dass er seine Karriere nach der Wende hätte fortsetzen können. Er starb, als seine ältesten Enkel drei und ein Jahr alt waren. Die Jüngsten lernte er gar nicht mehr kennen. Und ich bin geprägt durch diese Kindheit, in der Alkohol so dominant war. Doch sollte man das einem fremden Menschen erklären? Es schmeckt mir nicht, ist meine Standardantwort.

Die falsche Rechtfertigung

Wenn ich mein Getränk für den geselligen Abend bestelle – eine Cola light – muss ich mich schon wieder rechtfertigen. Das ist doch ungesund! Ich weiß es! Gesünder ist Alkohol ganz sicher nicht, wenn man von einigen wertvollen Inhaltsstoffen des Rotweins absieht. Doch über diese Fragen denkt niemand nach. Alkohol ist in unserer Gesellschaft so fest verankert, dass Nicht-Trinken ungewöhnlicher ist als ein guter Tropfen oder eine Flasche Bier.

Manchmal stelle ich mir vor, ich würde mein Gegenüber fragen, warum er oder sie trinkt. Und dann gleich belehrend hinzufügen, dass Alkohol schneller als man denkt zu einem gesundheitlichen Risiko werden könnte. Ich glaube, ich bekäme keine so nette Antwort.

Im Grunde muss sich niemand für das, was er tut, rechtfertigen. Aber wenn es soweit kommt, erklärt sich eher der, der nicht trinkt, als jemand, der regelmäßig Alkohol konsumiert. Da gibt es eine Art gesellschaftliche Norm, der Menschen wir ich einfach nicht entsprechen. Mich macht das nachdenklich. Weil ich früh im Leben lernen musste, dass Alkoholkonsum eine Krankheit ist, die im schlimmsten Falle tödlich verlaufen kann.

Die Grenze zwischen Genuss und Ablehnung

Die Grenze zwischen dem Genuss von Alkohol und der Ablehnung derjenigen, die alkoholkrank sind, ist nicht fließend, sondern scharf. Es gehört zum guten Ton, auf Feierlichkeiten oder beim Essen im Restaurant mit Alkohol anzustoßen. Es kommt vor, dass man sich, mit dem Glas in der Hand, über Herrn A oder Frau B unterhält. Ist er oder sie nicht dem Alkohol verfallen und neulich betrunken auf dem Fußweg getorkelt? Obwohl das Trinken in der Gesellschaft fest verankert ist, werden Alkoholkranke abgelehnt und ausgegrenzt.

Eine Szene in der ZDF-Serie Schwarzwaldklinik ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Herr Professor wird Ehrenbürger der Stadt. Er ist zu einem Empfang geladen. Ein Patient möchte ihn sehen. Ein langjähriger Bekannter, der aufgrund seines Alkoholkonsums im Sterben liegt. Professor Brinkmann entfernt sich von der Feier, die zu seinen Ehren stattfindet, und begleitet ihn in den Tod.

Seine Gattin Christa ist brüskiert, sie muss die Missbilligung der Gäste ertragen und kommentieren. Nach dem Ende der Feier trifft sie ihn im Arbeitszimmer seiner Klinik an. Sie konfrontiert ihn mit der Missbilligung der Gäste und wirft ihm vor, dass es sich nicht gehöre, seiner eigenen Feier so lange fernzubleiben.

Brinkmann antwortet ihr, dass das Sterben des Mannes nunmal so lange gedauert hätte. Und er wisse nicht, was er von einer Missbilligung derjenigen halten solle, die sich, Champagner schlürfend und Kognak trinkend, über den erheben, der ebenfalls trinkt. Christa gibt zu, dass sie darüber nicht genug nachgedacht hätte.

Quelle: „Prost, Herr Professor“. Folge 22 aus Staffel 1 der „Schwarzwaldklinik“ (ZDF, 1985)

Der Gedanke begleitet mich seit meiner Jugend: Ein großer Teil der Gesellschaft trinkt selbst Alkohol. Und verachtet denjenigen, der sich darin verliert.

Ein Trinker ist nicht nur ein Trinker

In der beschriebenen Folge der Schwarzwaldklinik werden die Verdienste des alhoholkranken Patienten reflektiert. Er wurde im Krieg verschüttet, weil er Kindern das Leben retten wollte, und hatte seitdem, so beschreibt es Brinkmann, einen „Dachschaden“.

Meine jüngeren Kinder haben keine Erinnerung an ihren Opa. Sie waren zu klein oder noch gar nicht geboren. Bei dem Ältesten sind die Begegnungen im Nebel versunken. Er war zwei Jahre alt und Opa hatte immer Kinderschokolade im Schrank. Ich erzähle ihnen gern von dem Beruf, den Hobbys und den charakterlichen Eigenarten meines Vaters. Denn er war nicht nur ein Trinker, und als solchen sollen sie ihn auch nicht sehen.

Kürzlich war ich Zeuge der Aussage einer Frau aus dem Kreis derjenigen, die meinen Vater nur vom Hörensagen kennen. Sie stellte infrage, dass man eine „solche Person“ glorifizieren könne. Die Dame gehört als emeritierte Professorin zum Bildungsbürgertum. Und ich frage mich, warum nicht einmal diese Schicht ein wenig mehr Weitsicht mitbringt.

Ein Trinker ist nicht nur ein Trinker. Er wird nicht als solcher geboren. Das Leben hat ihn dazu gemacht. Und die meisten alkoholkranken Menschen haben eine Lebensleistung erbracht, auf die sie stolz sein dürfen. Auch, wenn es schon länger her ist.

Warum sich einige Menschen im Alkohol verlieren

Es gibt viele Menschen, die täglich auf ihr Gläschen schwören und ein hohes Lebensalter erreichen. Ein Beispiel ist die Queen Mum. Die Mutter von Königin Elisabeth II. verstarb im Jahre 2002 im gesegneten Alter von 102 Jahren. Nach eigenen Angaben liebte sie ihr Glas Gin Tonic und trank zusätzlich in Gesellschaft Alkohol. Neueste Untersuchungen vermuten, dass ihre Tochter Margaret an einem fetalen Alkoholsyndrom litt. Sie starb mit 71 Jahren vergleichsweise früh. Das deutet darauf hin, dass Queen Mum auch in der Schwangerschaft Alkohol konsumierte.

Dennoch erreichte sie ein außergewöhnlich hohes Lebensalter und wurde nie alkoholkrank. Wie ist es zu erklären. dass sich einige Menschen im Alkohol verlieren, andere hingegen ein Leben lang regelmäßig trinken und ihren Konsum doch im Griff behalten?

Wie viele Menschen trinken regelmäßig Alkohol?

Die Anzahl der Menschen, die in ihrem Leben gar keinen Alkohol trinken, ist in Deutschland mit etwas mehr als zwölf Prozent sehr gering. 87 Prozent der Deutschen geben an, in den letzten zwölf Monaten auf irgendeine Weise Alkohol konsumiert zu haben. Sei es in einem Eis, einer Praline oder einem kleinen Gläschen zur Rechnung im Restaurant.

Knapp die Hälfte der Deutschen trinkt regelmäßig Alkohol, etwa 13 Prozent sind gefährdet, sich in ihrem Konsum zu verlieren. Bei nur drei Prozent ist eine Alkoholabhängigkeit diagnostiziert. Was sind die Gründe dafür, dass einige Menschen trotz täglichem Alkoholkonsum sehr alt werden, während andere erkranken und früh versterben?

Einen einzigen Grund gibt es nicht. Es ist eine Summe verschiedener Faktoren, die sich aus Lebensumständen, genetischen Faktoren, Gewöhnung und psychischer Verwundbarkeit zusammensetzen.

Alkoholkrankheit als Summe verschiedener Faktoren

Es gibt viele Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass ein Mensch der Alkoholkrankheit verfällt, während ein anderer trotz regelmäßigem Konsum ein hohes Alter erreicht. Fünf habe ich einmal zusammengefasst:

Lebensumstände und Überforderung

Belastende Situationen wie chronischer Stress, hohe Erwartungen, Einsamkeit oder Verlusterfahrungen können dazu führen, dass Alkohol zur Entlastung genutzt wird. Aus dem Genuss wird ein Bedürfnis, das irgendwann nur noch schwer oder gar nicht mehr steuerbar ist.

Psychische Verwundbarkeit

Menschen unterscheiden sich darin, wie gut sie Gefühle regulieren, Stress aushalten oder Krisen verarbeiten. Alkohol kann in angespannten Situationen kurzfristig beruhigen. Langfristig verstärkt er jedoch bestehende Probleme und verursacht ein Neues: Die Alkoholkrankheit.

Gewöhnung und schleichende Verschiebung

Was als harmloser Alltagskonsum beginnt, kann sich unbemerkt verändern. Aus einem Glas aus Gewohnheit wird mit der Zeit ein fester Bestandteil des Tages. Zunächst fallen die Pausen weg, später geht es gar nicht mehr ohne.

Biologische und genetische Faktoren

Manche Menschen reagieren stärker auf die belohnende Wirkung von Alkohol oder bauen ihn anders ab. In einigen Familien tritt Alkoholabhängigkeit gehäuft auf, ohne zwangsläufig vorhersehbar zu sein.

Soziale Normen und Schweigen

Alkoholkonsum ist gesellschaftlich akzeptiert, problematische Entwicklungen werden oft lange übersehen. Solange jemand funktioniert, wird selten nachgefragt. Wird die Krankheit deutlich, ziehen sich Freunde und Familienangehörige zurück oder sie schweigen. Von der Gesellschaft werden Alkoholkranke schnell verurteilt.

Eine Summe verschiedener Einflüsse

Es gibt keine vorhersehbare Norm, aus der sich ergibt, dass ein Mensch irgendwann in seinem Leben alkoholkrank wird. In meiner Herkunftsfamilie gibt es wohl die genetische Komponente. Dennoch trinke ich gar keinen Alkohol. Gleiches gilt für meinen Mann und für meine Kinder. Somit ist die genetische Komponente kein Selbstläufer: Einige Menschen sind gefährdet, andere weniger. Woran das liegt?

Wenn ich in meine Familie schaue, sehe ich Überforderung mit den Anforderungen des Berufs und des privaten Lebens. Mein Vater hatte nicht den Mut, seinen Eltern zu sagen, dass er das große Grundstück mit den zahlreichen Obstbäumen nicht übernehmen möchte, weil er eher ein geistiges und wissenschaftliches Interesse hegt, anstatt Kirschen und Äpfel zu pflücken und das Unkraut zu beseitigen. Sein jüngerer Bruder hätte das Grundstück gern übernommen. Sein Interesse galt der Gartenarbeit. Doch in der Generation war es ein ungeschriebenes Gesetz, sich den Wünschen der Eltern zu fügen.

Flucht vor dem Leben

Verlust und Einsamkeit sind Komponenten, die bei Menschen, die gern ein Gläschen trinken, in die Alkoholsucht führen können. Wer viel allein ist, weil er seinen Partner verloren hat, weil die Familie weit weg lebt oder kein Kontakt besteht, der flüchtet sich gern in diesen angenehmen Rausch und merkt nicht, dass er längst zu einer Gewohnheit geworden ist.

Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit im Beruf oder mit dem ganzen Leben, psychische Erkrankungen wie Depressionen und viele weitere Einflüsse können eine Alkoholabhängigkeit begünstigen. Selten ist es nur der eine Grund, der in die Abhängigkeit führt. In den meisten Fällen kommt im Verlauf des Lebens vieles zusammen, was schwierig zu bewältigen ist. Alkohol wird als Flucht und Ausweg verstanden. Und dann kommt der Tag, an dem die Betroffenen nicht mehr aufhören können.

Ich trinke doch gar nicht so viel

Es ist ein Satz, den viele Alkoholiker sagen, wenn sie auf das Trinken angesprochen werden. Mein Vater ging am Ende seines Lebens ohne Flachmann gar nicht mehr aus dem Haus. Aber er trank nicht. Es ist keine Lüge: Die Menschen empfinden es wirklich so. Der Satz ist eine Mischung aus Selbstschutz, Scham und dem Vergleich mit anderen, die noch mehr Alkohol konsumieren.

Das Problem ist die gesellschaftliche Anerkennung des Alkohols als Normalität. Dass sich jemand rechtfertigen muss, der nicht trinkt, kommt den Menschen zugute, die zu viel trinken. Sie verschwinden in der große Masse. Lange fällt es gar nicht auf.

Doch der regelmäßige und starke Konsum von Alkohol ist eine anerkannte Krankheit. Es ist eine Sucht, aus der die Betroffenen allein nicht oder nur ganz schwer wieder herausfinden. Die Einsicht, zu viel zu trinken, ist ein erster wichtiger Schritt, um Hilfe zu suchen. Sich selbst zu disziplinieren, schaffen leider nur wenige. Und auch mit professioneller Hilfe ist es schwer, das Trinken vollständig aufzugeben.

Alkohol ist überall

Wer die Sucht überwunden hat und trocken ist, sieht sich nahezu täglich mit Alkohol konfrontiert. Die Praline im Supermarkt, die im Aufsteller als Sonderangebot prominent platziert wird. Das Eis mit Kirschwasser oder Eierlikör im Café. Das Discounter-Prospekt, in dem alkoholische Getränke auf mehreren Seiten vergünstigt als „Knüller“ präsentiert werden. Und dann gibt es noch das Zusammensein mit Freunden, die Feste und Feiern im Jahr und oft auch den Partner, der auf sein Glas Wein oder Bier am Abend nicht verzichten möchte.

Für mich ist Alkohol durch die persönlichen Erfahrungen seit frühester Kindheit negativ behaftet. Mein Vater ist nicht der Einzige, der dieser Sucht verfallen war. Ein junger Mann aus dem Freundeskreis verlor sein Leben nach einem durch Alkohol bedingtem Unfall. Und auch im erweiterten Familienkreis spielt der Alkoholkonsum immer wieder eine Rolle. Ich kann nicht verstehen, wie selbstverständlich die Gesellschaft damit umgeht. Und dass sie dann diejenigen, die der Sucht verfallen, verachten.

Was könnte sich ändern?

Ich bin überzeugt, dass sich nichts ändern wird. Alkohol wird in der Gesellschaft verankert bleiben. Diejenigen, die selbst gern trinken, werden sich immer wieder über andere erheben, die der Sucht verfallen sind. Nichttrinker werden sich immer wieder rechtfertigen müssen. Die Pralinen werden nicht aus dem Aussteller verschwinden, um es dem trockenen Alkoholiker etwas einfacher zu machen. Du bekommst Alkohol rund um die Uhr. In jedem Supermarkt und Discounter. Nach Ladenschluss in der Tankstelle. Alkohol ist Alltagsware. Das muss nicht sein.

In vielen Ländern ist der Verkauf von Alkohol nur in speziellen Läden erlaubt. Dazu zählen unter anderem Norwegen, Schweden oder Finnland. Das bei Auswanderern und Touristen beliebte Dubai verbietet das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit und den Verkauf ebenso. Wer ein Gläschen trinken möchte, muss an die Hotelbar oder in ein Restaurant gehen.

Bei uns ist Alkohol fest in der Gesellschaft verankert. Doch dann sollten die Menschen, die an ihrem Konsum erkranken, doch bitte nicht stigmatisiert werden. Wir dürfen nicht wegschauen, sondern sollten unsere Hilfe anbieten.

Die Sucht überwinden

Allein findet ein alkoholkranker Mensch aus seiner Sucht nicht heraus. Am Anfang steht die Erkenntnis, dass das Problem besteht. Oft kommt sie erst, wenn es schon sehr spät ist. Wenn die Gesundheit leidet, der Arbeitsplatz verloren ist oder Abstürze im Krankenhaus enden.

Mein Vater hat es nicht geschafft. Er hatte einige Monate vor seinem Tod einen Platz in einer Klinik, die ihn bei seinem Entzug begleitet hätte. Doch er ist nicht hingegangen. Er trank weiter, bis sein Körper aufgab. Multiorganversagen, nennen die Ärzte das Phänomen. Auch er hatte seinen Job verloren, weil er nicht mehr tragbar war. In der DDR hatten ihn die Kollegen geschützt. Nach der Wende war das nicht mehr möglich. Er wurde in eine „Warteschleife“ geschickt und lebte noch ein knappes Jahr.

Alkoholkonsum in der Gesellschaft: Was ich mir wünsche

Ich wünsche den Menschen, die unter der Sucht leiden, die Kraft, die Krankheit zu überwinden. Von der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Akzeptanz und Aufklärung über die Alkoholsucht. Häme, Spott und Abkehr sind fehl am Platz. Mir wünsche ich, dass ich mich nie mehr dafür rechtfertigen muss, keinen Sekt oder Wein zu trinken. Und dass mich niemand mit einem Glas Kognak in der Hand belehrt, wie ungesund Cola light ist.

Ich habe die KI gebeten, für mich zum Abschluss des Textes eine positive Grafik zu erstellen. Sie gefällt mir wirklich gut: Ein Leben ohne Alkohol ist freier, bewusster und gesünder. Ich habe mich dafür entschieden, weil der frühe Tod meines Vater mich für mein Leben geprägt hat. Wünschen würde ich mir, dass viele Menschen die gleiche Entscheidung treffen. Mein Vater hat so viel verpasst. Erfolg im Beruf nach der Wende. Die glückliche Langzeitbeziehung mit meiner Mutter. Beide wären heute 60 Jahre verheiratet. Das Leben mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln. Freies Reisen: Als DDR-Bürger hat er von der Welt nicht viel gesehen.

Er hat sein Leben dem Alkohol geopfert. Es war so sinnlos. Und es macht mich heute, Jahrzehnte später, immer noch traurig.

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TS 2026_05

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