Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – berührendes Kino
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, die ein Mensch hinterlässt, wenn er verstirbt. Reißt es einen jungen Menschen aus dem Leben, ist der Schmerz ein anderer, als wenn die Eltern oder Großeltern im hohen Lebensalter die Welt verlassen. Diese Erfahrung macht Joachim Meyerhoff, der als junger Erwachsener seinen Bruder verliert. Er beschließt, Schauspieler zu werden, und zieht zu seinen Großeltern, um sich diesen Traum zu erfüllen. Es ist ein Film, der uns nach dem Anschauen des Trailers nicht interessiert hätte. Dort war uns die Handlung zu abstrakt. Doch wir haben es schon oft erlebt, dass nicht jeder Trailer der Handlung wirklich gerecht wird. Dieser Film ist berührend und er stimmt nachdenklich. Schade, dass das nicht thematisiert wird. Das Kino war leer. Doch vielleicht findet der Film trotzdem seine Anhänger. Wir wünschen es ihm, denn er ist grandios gespielt und inszeniert.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke: Das Wichtigste in Kürze
- Kinostart: 29.01.2026
- Drama, Komödie: FSK 6
- Dauer: 137 Minuten
- Hauptdarsteller: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn
- Regisseur: Simon Verhoeven
- Deutschland: Warner Bros
Drei Facts zum Film
- Romanverfilmung des gleichnamigen Buches von Joachim Meyerhoff
- Der Trailer ist skurril, der Film sehr berührend
- Die Handlung ist autobiografisch und herausragend gespielt
Sehenswert?
Auf jeden Fall! Lass dich nicht durch den Trailer verunsichern: Es ist ein mit viel Liebe gespielter Film, der dich sofort in die Handlung zieht. Die Szenen in der Schauspielschule haben nicht eine solche Dominanz wie die berührende Familiengeschichte.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Der Filmtitel ist nicht zufällig gewählt: Es ist ein Zitat aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. Er bezieht sich auf den Verlust des Bruders von Joachim, der im jungen Erwachsenenalter an einem Autounfall verstirbt. Joachim ist eng mit ihm aufgewachsen und schafft das Weiterleben in den ersten Wochen nicht. Er vergräbt sich in seinem Schmerz und betäubt ihn mit Valium. Die Tabletten bekommt er von seiner exzentrischen Großmutter.
Es ist Bruno Alexanders erste Hauptrolle. Zu sehen war er im Kinofilm „Alter weißer Mann“ aus dem Jahre 2024, dort aber nur in der Nebenrolle. Außerdem spielte er in verschiedenen Fernsehserien. Senta Berger, Mutter des Regisseurs Simon Verhoeven, wollte eigentlich nicht mehr spielen. Doch ihr Sohn konnte sich eine andere Besetzung nicht vorstellen. Das ist für den Zuschauer ein großes Glück, denn sie verkörpert die Rolle von Joachims Großmutter mit der Exzellenz, die wir von ihrem Spiel gewohnt sind.
Joachim erzählt seine Geschichte
Joachim schafft es, sich aus dem Tief zu befreien, in das er nach dem Tod seines Bruders gefallen ist. Er beschließt, seine Heimat Schleswig-Holstein zu verlassen und zu einen Großeltern nach München zu ziehen. Dort möchte er an der Otto-Falckenberg-Schule Schauspiel studieren.
Die Großeltern sind erstaunt, unterstützen ihn aber dabei. Der Film begleitet die Kindheitserinnerungen von Joachim, die er mit dem Haus seiner Großeltern verbindet. Er fügt sich ein, in ihren Alltag und in ihr Leben. Da sind der sonntägliche Spaziergang im Nymphenpark, der gute Tropfen um sechs Uhr abends und das morgendliche gemeinsame Gurgeln der Großeltern vor dem Badezimmerspiegel, von dem er bereits als Kind geweckt wurde. Es wird deutlich, dass er das Leben von Oma und Opa seltsam findet. Aber gleichermaßen erdet es ihn und gibt ihm den Halt zurück, den er mit dem Tod seines Bruders verlor.
Wanderung, Schauspiel und Erinnerung
Das Wandern ist eine der Erinnerungen, die Joachim aus der Kindheit mitnimmt. Im Film gibt es Rückblenden, die zeigen, dass Opa vor Jahren schon Charakterzüge hatte, die ebenso liebenswert wie chaotisch sind. Da die Großeltern einen fest strukturierten Alltag leben, wiederholen sich auch hier die Erlebnisse, die Joachim aus seiner Kindheit kennt. Die Ereignisse springen hin und her, der Zuschauer ist mitten drin, ohne die Handlung zu verlieren.
Der erwachsene Joachim begleitet seine Großeltern ebenfalls auf eine Wanderung. Da fällt Goethes Satz mit der entsetzlichen Lücke, die jemand hinterlässt, der von uns geht. Der Film begleitet das Altern der Großeltern, ihre Krankheiten, den Verlust der Angestellten. Das private Leben von Joachim wird begleitet von Szenen aus seiner Schauspielausbildung. Darunter sind jene befremdlichen, die du im Trailer siehst. Doch sie bekommen im Film einen anderen Zusammenhang. Wenn du, ebenso wie wir, den Trailer seltsam findest, solltest du dem Film dennoch eine Chance geben. Es lohnt sich in jedem Fall!

Warum der Film so sehr berührt
Die Handlung ist eine Balance zwischen Drama und Komödie. Sie springt in den beiden Genres hin und her. Im Kino gab es immer wieder deutliches Lachen, das ansteckte. Und es gab absolute Ruhe, in der die Zuschauer vergaßen, Popcorn oder Nachos in den Mund zu stecken, einfach weil sie die Ruhe im Kinosaal nicht stören wollten.
Der Film berührt durch das glänzende Schauspiel der Hauptdarsteller. Bruno Alexander spielt seine erste große Hauptrolle mit einer eindrucksvollen Mimik und absolut authentischen Dialogen. Man nimmt ihm den Schmerz ab, die Unsicherheit und die fragende Zurückhaltung, mit der er die Aufgaben in der Schauspielschule zu bewältigen versucht. Während die Gruppe seiner Mitschüler schnell zusammenwächst, bleibt er der Außenseiter, der aber nicht ausgeschlossen wird. Die Gruppe mag ihn, sie hat Mitleid, sie spornt ihn an. Ein Lehrer setzt sich für ihn ein, seine Oma ebenso.
Sein erster großer Auftritt ist eine riesige Enttäuschung und gleichzeitig eine Befreiung. Wird er sich auf die Aufgaben einlassen können oder wird er scheitern? Als Zuschauer fliegt dein Herz in den allermeisten Fällen diesem jungen Mann zu, der zweifelsfrei ein Talent hat, das er jedoch nicht so nutzen kann, wie es von ihm erwartet wird. Die Aufgaben sind so abstrakt, dass er sich mitunter weigert, sie überhaupt auszuführen.
Mehr als zwei Stunden abwechslungsreiches Kino
Der Film hat eine Länge von 137 Minuten. Aber dennoch wird es in keiner dieser Minuten langweilig. Die Szenen aus der Schauspielschule, die im Trailer auf uns so befremdlich wirkten, fügen sich ein in die Lebensgeschichte des jungen Mannes, der gar nicht so richtig glauben kann, dass er seinen Traum lebt. Joachim strahlt eine Sympathie aus, die fesselt. In Einheit mit seinen Großeltern, die von der wunderbaren Senta Berger und dem im wahren Leben deutlich jüngeren Michael Wittenborg, einem bekannten Film- und Theaterschauspieler verkörpert werden.
Jede Szene hat ihre Berechtigung. Sie Sequenzen fügen sich zusammen zu einer Einheit. Du bist überrascht, dass die Handlung zu ihrem Ende kommt und die Zeit schnell vergangen ist. Doch das macht einen guten Film aus.
Hochrangige Besetzung
Ich persönlich mag das Spiel von Senta Berger, aber auch von den Nebendarstellern Laura Tonke (Joachims Mutter Susanne) und Karoline Herfurth (spielt eine Lehrerin in der Schauspielschule). Beide gehören zu meinen Lieblingsdarstellern auf der Leinwand. Gefreut habe ich mich auch über ein Wiedersehen mit Johann von Bülow, der den kritischen Schuldirektor spielt, und Friedrich von Thun als Regisseur Erich Maier-Mannhardt. Devid Stresow verkörpert Joachims Vater Richard Meyerhoff. Tom Schilling ist in einer Nebenrolle zu sehen.
Sollte es die letzte Rolle von Senta Berger gewesen sein? Bei den Dreharbeiten im Jahre 2025 war sie 84 Jahre alt. Sie deutete bereits vor einigen Jahren an, sich zurückziehen zu wollen, folgte jedoch dem Wunsch ihres Sohnes Simon Verhoeven, sie mit der Rolle zu besetzen. Es wäre schade: ich würde sie sehr gern in weiteren Rollen sehen. Und damit bin ich sicher nicht allein.
Eine Familiengeschichte
Einige der handelnden Personen im Film sind authentisch. Der namhafte Philosoph Hermann Krings vergräbt sich täglich in seinen Büchern und möchte nicht gestört werden. Sein Charakter ist schrullig und gleichermaßen sehr liebenswert.
Joachims Großmutter Inge Birkmann war Schauspielerin. Unter anderem spielte sie in der beliebten Kriminalreihe Derrick eine Gastrolle. Diese ist, verkörpert von Senta Berger, im Film zu sehen. Inge Birkmann war als Dozentin an der Falckenberg-Schule tätig und drehte im Jahre 1989/91 ihren letzten Film. „Ein Ring“ (nach anderen Quellen „Der Ring“) war gleichzeitig der erste Fernsehauftritt ihres Enkelsohnes Joachim.
Im Film erfährst du nicht, dass Inge Birkmann ihren Ehemann, den Regisseur Hermann Schulze-Griesheim und leiblichen Großvater von Joachim, im Jahre 1946 verlor. Beide wurden von einem Auto überfahren, nur Inge überlebte. Drei Jahre später heiratete sie Hermann Krings, der 2004, im hohen Alter von 90 Jahren, nur zehn Monate vor ihr starb. Joachim sieht ihn als seinen Opa: Die Großeltern sind eine Einheit, in der einer ohne den anderen nicht leben konnte.
Doch es gibt auch fiktive Charaktere. So wurden die Namen und Berufe von Joachims Eltern geändert. Doch insgesamt hat der Film autobiografische Züge, die von dem sechsten Teil seiner Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ aus dem Jahre 2009 inspiriert ist.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Das Zitat von Johann Wolfgang von Goethe bezieht sich in den „Leiden des jungen Werther“ auf den Schmerz, seine Lotte nicht lieben zu dürfen. Er spürt „ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke unerfüllbar in seiner Brust.“ Sinnbildlich steht sie für das Herzeleid, das ein Mensch erfahren kann. Sei es durch Liebe oder durch Verlust. Der Schmerz verhält sich sehr ähnlich.
Der Film hat traurige Szenen, die an ein Drama erinnern, aber dennoch mitten aus unserem Leben gegriffen sind. Und er ist eine Komödie mit Szenen, bei denen du herzlich lachen kannst. Beides wechselt sich auf eine wirklich geniale Weise ab.
Nutze die Möglichkeit, den Film im Kino zu sehen und das Lachen und die stillen Momente mit anderen zu teilen. Bei unserem Kinobesuch war es recht leer. Liegt es an dem Trailer? Es wäre schade. Doch der Film garantiert auch später im Stream einen unterhaltsamen und nachdenklichen Heimkinoabend. Wir werden ihn nach seinem Erscheinen im digitalen Format in unsere Mediathek aufnehmen und immer wieder gern schauen.


ISSN 3053-674X
TS 2026-08





