Mehr als zwei biologische Geschlechter? – Ein kritischer Blick
Roland Kaiser blickt als Schlagersänger auf eine mehr als fünf Jahrzehnte währende Karriere zurück. Er füllt die großen Hallen und hat Fans in allen Altersgruppen. Vielleicht ist das der Grund, warum er mit Äußerungen polarisiert, die nicht recht in seine Altersgruppe passen. Es gibt eben nicht nur Mann und Frau, sagte er anlässlich einer Dokumentation, die zur Ehrung seines 50. Bühnenjubiläums in den Kinos läuft. Denkt der Sänger wirklich so oder will er seinem jungen Publikum gefallen? Hat er in der Biologie nicht aufgepasst? In der Diskussion um biologische Geschlechter wird die Evolution gern mit sozialen Lebensformen verwechselt. Warum müssen wir Fakten leugnen, die seit Jahrhunderten unbestritten sind? Eine Spurensuche.

Ein Schlagerstar meldet sich zu Wort
In den 1970er-Jahren habe ich mit meiner Omi die Hitparade geschaut. Wenn Roland Kaiser aufgetreten ist, war meine kindliche Freude groß. Ich fand ihn toll: Er sah gut aus und seine Songs gefielen mir. Obwohl ich damals nicht verstand, warum sich Amore Mio erst zu Hause ausziehen sollte oder war er manchmal gerne schon machen wollte, habe ich die Schlager so gern gehört. Gemeinsam mit meiner Freundin sangen wir „Santa Maria“ so laut, dass unser Zäpfchen im Hals zu sehen war. Darüber amüsierten wir uns köstlich.
Es gibt eben nicht nur Mann und Frau. Punkt.
Schlagersänger Roland Kaiser im Interview mit der Süddeutschen Zeitung
Ich möchte dieses Zitat nicht aus seinem Zusammenhang reißen: Herr Kaiser bezog sich auf das Gendern.
Menschen sind offensichtlich vielschichtiger und haben entsprechend vielschichtige Gefühle und Bedürfnisse – und die müssen wir zulassen. Auch sprachlich.
Roland Kaiser
Portale wie queer.de griffen den Artikel auf, beschränken sich aber auf sachliche Zitate aus dem Zeitungsinterview. Roland Kaiser wirbt für Toleranz. Er mag nicht mehr so sprechen wie früher, benutzt das Gendersternchen aber nicht. Er nutze die Langform, erklärt er mithilfe seiner Berufsbezeichnung „Künstler und Künstlerin“.
Sind „Künstler und Künstlerin“ nicht „Mann und Frau?“
Offenbar hat Herr Kaiser über seine Worte nicht ausreichend nachgedacht. Oder er machte sich gar keine Gedanken und sagte einfach irgendwas. In meiner Betrachtungsweise ist ein Künstler ein Mann. Eine Künstlerin ist eine Frau. Ich weiß ganz genau, was Herr Kaiser meint: Mit dem männlichen Begriff fühlen sich einige Teile der Bevölkerung ausgeschlossen oder nicht angesprochen.
Ich bin eine biologische Frau, die ihr Leben als Frau verbringt. Niemals fühlte ich mich benachteiligt oder ausgeschlossen. In der Autorenschaft gehöre ich zu jenen, die das Gendern ablehnen, die aber selbstverständlich jeden ansprechen. Als traditionell würde ich meine Einstellung beschreiben und mit gern erklären lassen, warum der Benachteiligung durch eine kompliziertere Sprache entgegengewirkt werden kann.
Roland Kaiser schwimmt auf einer Erfolgswelle
Roland Kaiser ist etwa 20 Jahre älter als ich. Im Gegensatz zu einigen Kollegen, die sich aus dem Fenster stürzten oder an einem Herzinfarkt starben, weil sie ihre erfolgreiche Musik ganz fürchterlich fanden und eigentlich niemals singen wollten, schwimmt er seit Jahrzehnten auf einer Welle des Erfolgs. Er singt seine alten Songs und er bringt neue Alben heraus.
Zu seinem 50-jährigen Bühnenjubiläum können ihn die Fans auf der Kinoleinwand bewundern. Zu sehen ist ein Konzert mit begleitenden Kommentaren und Rückblicken des Künstlers. Im UCI handelt es sich um ein Event, was bedeutet, dass wir mit unserer Unlimited-Card keinen freien Zutritt haben. 22 EUR kostet die Karte, die wir trotz unserer Flatrate bezahlen müssten.
Die Preise für Konzertkarten beginnen bei 70 EUR für einen Stehplatz in weiter Entfernung zur Bühne. Für die jährliche Kaisermania in Dresden verlangt der Veranstalter mindestens 110 EUR. Wer seinem Idol wirklich nahe kommen möchte, zahlt mehr als 300 EUR für eine Karte.
Das Interview mit dem Zitat zu Mann und Frau fand im Rahmen der Promotion zu seinem neuen Album statt. Was die Frage auf den Plan ruft, ob der Künstler die Sätze einfach zu hersagt, um allen zu gefallen?
Der schlüpfrige deutsche Schlager einer West-Berliner Jungen
Schon bevor es Wikipedia gab, wussten die kleinen und großen Kaiser-Fans, dass er als Waisenkind bei einer Pflegemutter in West-Berlin aufwuchs. Als junger Mann sang er ab den 1970er-Jahren in Kneipen und wurde von einem Produzentenduo entdeckt. Seine erste Single brachte er 1974 heraus. Der kommerzielle Erfolg begann zwei Jahre später mit dem Song „Wie frei willst du sein.“
Wie viele Schlagersänger, bediente sich auch Roland Kaiser Beziehungsthemen. Während Toni Marschall im Wald seiner Angebeteten der Oberförster sein wollte, wünschte sich Roland Kaiser, mit der Nachbarin ins Bett zu gehen oder von seiner Ex noch ein letztes Mal geliebt zu werden. Heute weiß ich, dass seine Amore Mio so betrunken war, dass sie sich auf einer Party nackig machen wollte. Zu Hause war es ihr dann gestattet. Und was wollte er nun manchmal schon ganz gern? Na, was wohl? Das unausgesprochene Tabu brechen und die Freundin des besten Kumpels abschleppen.
In seinem letzten Song, den ich wirklich gut fand, wünscht er sich eine Nacht mit seiner Duettpartnerin Maite Kelly, obwohl beide anderweitig liiert sind. Zu neuerer Musik des Künstlers kann ich keine Aussage treffen. Heute bin ich kein Fan mehr, weil sich mein Musikgeschmack mit den Jahrzehnten gewandelt hat. Die Aussage über die biologischen Geschlechter trägt nicht unbedingt dazu bei, dass ich es noch einmal werde. Und die Preise für Konzerte und Events auch nicht.
Ehrliche Auseinandersetzung oder Promotion?
Roland Kaiser ist ein Vertreter meiner Elterngeneration. Somit ist es wohl erwiesen, dass er sich in jüngeren Jahren nicht mit der Frage beschäftigt hat, ob es über den Mann und die Frau hinaus noch weitere Geschlechter geben könnte. Es gibt keinerlei Interviews oder schriftliche Belege dafür, dass dieses Thema für ihn überhaupt Relevanz hatte.
Es ehrt ihn, dass er nicht mehr so sprechen möchte wie einst. Primär meinte er das Gendern, und es ehrt den Künstler, dass er Rücksicht nehmen möchte. Doch warum möchte er das? Weil er sich weiterentwickelt hat und sich ehrlich mit der Gegenwart auseinandersetzt? Oder weil er Klicks für sein neues Album braucht? Immerhin hat er die Aufmerksamkeit der queeren Community gewonnen. Und meine Aufmerksamkeit auch. Möchte er noch mehr Geld verdienen, noch teurere Ticketpreise erzielen, noch mehr Streams generieren? Er muss seine dritte Ehefrau und drei erwachsene Kinder versorgen.
Keine Hymne von Roland Kaiser
Bis zu seiner Aussage über die Existenz mehrerer Geschlechter war Roland Kaiser in der Szene nicht wirklich ein Begriff. Die legendäre Hymne „Er gehört zu mir“ singt Marianne Rosenberg. Rosenstolz stieg in den 1990er-Jahren als ein Duo in den Berliner Clubs auf, das die „Liebe für alle“ interpretierte und auch lebte.
Travestie machte sich in der späten BRD einen Namen: Vielleicht sagt dir das Künstlerduo Mary und Gordy etwas. Leider verstarb Gordy-Darsteller Reiner Kohler früh, Mary alias Georg Preusse machte allein weiter. Er gilt heute als Wegbereiter dieser Kunst, die europaweit vielfach kopiert wird. Im realen Leben ist er ein Mann, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt. Auf der Bühne war er eine Frau, die singt, tanzt und unterhält.
Diese klare Trennung von privatem Leben und Kunst ist auch bei der schillernden Hamburger Travestiekünstlerin Olivia Jones zu beobachten: Oliver Knöbel, so heißt die Künstlerin privat, ist so unscheinbar, dass er in seiner Heimatstadt Hamburg nicht erkannt wird, wie die Dragqueen einst im Dschungelcamp berichtete.
Halten wir fest, dass Roland Kaiser weder in der Szene gefeiert wird, noch sich jemals an der Seite von Künstlern wie Olivia Jones oder Rosenstolz zeigte. Nach dem Tod von Anna R. nahm Roland Kaiser ein Cover des Songs „Liebe ist alles“ auf. Als leidenschaftlicher Fan dieser Band frage ich mich auch in diesem Zusammenhang, ob er mit der gleichen Leidenschaft dabei war oder ob es sich auch hier um Promotion handelt. Doch kommen wir zurück zur Aussage: Verwechselt Roland Kaiser das biologische Geschlecht eines Menschen mit den verschiedenen sozialen Lebensformen?
Es gibt in der Biologie nur Mann und Frau
Gehen wir in der Vergangenheit einmal ein Stück zurück: Ich habe in Biologie gelernt, dass eine Frau ein Mädchen oder einen Jungen zur Welt bringen kann. Wir stammen von den Säugetieren ab und haben trotz unserer hohen Entwicklung nach wie vor Merkmale dieser Spezies. Eines ist das Geschlecht: Männlich und Weiblich.

Nach meiner Schulzeit habe ich eine medizinische Ausbildung absolviert. In dieser habe ich gelernt, dass sich zwischen der sechsten und neunten Schwangerschaftswoche das Geschlecht des Babys ausbildet. Wir alle tragen eine Erhöhung zwischen unserem Beinansatz. Bei einem Jungen wächst er weiter und entwickelt sich zu einem Penis. Wird es ein Mädchen, bildet sich die Erhöhung wieder zurück und wird zur Klitoris. Ich bin mir sicher, dass sich an diesen Erkenntnissen in den letzten Jahrzehnten nichts geändert hat.
Zwei Geschlechter – eine seltene Fehlbildung
Die Entwicklung des Menschen im Mutterleib verläuft nicht immer glatt. Es gibt eine sehr seltene Fehlbildung, die in den 1980er-Jahren in der DDR als „Zwitter“ bezeichnet wird. Betroffene Babys zeigen beide Geschlechtsmerkmale. Die Ärzte untersuchten eingehend, welches der Merkmale stärker ausgeprägt war oder vollständig funktionsfähig ist. In Abstimmung mit den Eltern erfolgte recht schnell eine Operation. Das Baby wuchs als Mädchen oder als Junge auf. Es hatte ein einziges Geschlecht.
Biologische Geschlechter vs. soziale Lebensformen
Ich glaube zu wissen, wie Roland Kaiser seine Aussage gemeint hat. Die Menschen sind in ihren Gefühlen und in ihrer sexuellen Orientierung sehr unterschiedlich.
Ich bin schwul, und das ist auch gut so
Klaus Wowereit auf einem Sonderparteitag am 10. Juni 2001
Dieser Satz des späteren Regierenden Bürgermeisters von Berlin hat heute Kultstatus. Und nicht nur das: Er steht für eine Offenheit allen Lebensformen gegenüber, die es lange nicht gegeben hat. Ich lebe, wie ich will, und das ist auch gut so.
Ein solches Leben ist heute in Deutschland und in vielen anderen Ländern der westlichen Welt möglich. Sicher gibt es immer noch Diskriminierung, Hass, Abneigung oder Unverständnis. Doch all dies gibt es auch anderen Menschen gegenüber: Wer übergewichtig ist, muss ebenso Stigmata erleiden wie ein Alkoholiker oder jemand, der von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Das sind drei Beispiele von vielen. Stigmata gab es immer, und es wird sie immer geben.
Vielschichtige sexuelle Orientierung
Die sexuelle Orientierung der Menschen war schon immer so vielschichtig, wie es unsere Vorlieben und Charaktere sind. Von Homosexualität zwischen Männern und heranwachsenden Jungen ist in Zeugnissen griechischer und römischer Literatur die Rede. Es gab sie immer, doch eher im Verborgenen.
Heute ist die Vielfalt noch größer. Es gibt transsexuelle, asexuelle, bisexuelle und non binäre Menschen in jedem Lebensalter. Doch dabei handelt es sich nicht um biologische Geschlechter. Es handelt sich um soziale Lebensformen. Denn jeder dieser Menschen besitzt nur eins der beiden Geschlechter. Es kann bei der Geburt oder später erworben werden. Oder es wird repräsentiert: Mit der Kleidung, im Verhalten, in der Lebensart. Egal, von welcher Seite wir es betrachten: Es gibt nur Mann und Frau. Das ist so, und es wird so bleiben. Auch wenn ein Künstler wie Roland Kaiser dies infrage stellt.

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